Von den endlos vielen Liedern, die sie in ihren zahllosen Konzerten überall auf der Welt anstimmte und auf ihren über 40 Platten veröffentlicht hat, sticht eines hervor: "Gracias a la vida". Geschrieben von der chilenischen Sänger-Kollegin Violeta Parra, wurde Mercedes Sosas Version von "Dank an das Leben" in den Sechzigern und Siebzigern zu einer Art Hymne der internationalen Linken. Bis heute ruft das Lied die Erinnerung an diese längst vergangenen Zeiten auf: Die kurzen drei Jahre des frei gewählten, blutig gestürzten Präsidenten Salvador Allende, die finstere Brutalität der argentinischen Junta, das in der US-amerikanischen CIA hausende schlechthin Böse und die Ästhetik der Revolution, die dem jungen, schönen Ernesto Che Guevara ins Gesicht geschrieben schien.
Vergangen und vorbei - und was wird aus Protestsängern, wenn ihnen der Gegenstand ihres Protestes abhanden kommt? Die Zeit, sagt man dann, sei über sie hinweggegangen. Mercedes Sosa, die am Sonntag im Alter von 74 Jahren in Buenos Aires starb, gehört zweifellos dieser Generation von Protestsängern an - bloß ist über sie die Zeit gerade nicht hinweggegangen. Sicher hatte sie ihre größten Erfolge damals, früher, in den Siebzigern und Achtzigern. Aber sie hat bis vor kurzem immer noch die Konzertsäle in Europa und Lateinamerika gefüllt, eine Tournee nach der anderen gemacht, eine Platte nach der anderen veröffentlicht.
Mercedes Sosa, oft nur "La Negra" genannt, wurde 1935 in San Miguel de Tucumán in Argentinien geboren. Sie starb am 4. Oktober 2009 Buenos Aires.
Nuevo Cancionero hieß eine neue Stilrichtung der Folklore, die sie mit anderen Künstlern begründete. Sie interpretierte aber auch traditionelle und zeitgenössische Lieder, mit sozial- und politikkritischen Inhalten gegen Krieg und Diktatur.
Dass die Zeit nicht über sie hinweggegangen ist, liegt nicht daran, dass sie mit der Zeit gegangen wäre. Sie hat sich nicht angepasst, im Gegenteil, sie ist sich treu geblieben. "In Wahrheit bin ich geboren worden, um zu singen, mein Leben besteht aus nichts anderem als zu singen, als Lieder zu suchen und sie zu singen", sagte sie 2005 in einem Interview, und damals fügte sie hinzu: "Wenn ich mich in die Politik einmischen würde, müsste ich das vernachlässigen, was für mich das Wichtigste ist". Eben Lieder zu singen.
Merkwürdige Prioritäten für eine Frau, die in die Kommunistische Partei eintrat und sich stets ausdrücklich als Linke bezeichnet hat. Aber auch wenn sie in ihren Liedern aktuelle, politische Themen anschnitt, vermied sie die kruden Festlegungen. Die Hymne "Gracias a la vida", so konkrete politische Assoziationen sie auch weckt, ist ja am Ende nicht mehr und auch nicht weniger als eine poetische Danksagung für die Fähigkeiten des Menschen, aufrechten Hauptes durchs Leben gehen zu können.
Bei ihrer Geburt wurden Kanonenschüsse abgefeuert. Sie kam am 9. Juli 1935 auf die Welt, dem Unabhängigkeitstag Argentiniens, und dann auch noch in Tucumán, dem Ort, an dem 1816 die Unabhängigkeit ausgerufen wurde. Und wer diese Zufälle erwähnt, vergisst meist nicht hinzuzufügen, dass ihr Leben begann, als die argentinische Tango-Legende Carlos Gardel gerade zu Tode gekommen war.
Freilich blieb ihr der Tango immer fremd. Sie hatte indianisches Blut in den Adern, insofern war ihr berühmter roter Konzert-Poncho keine Show. Wegen des dunklen Teints und den pechfarbenen Haaren nannte man sie La Negra, die Schwarze.
Mit 15 gewann die Tochter aus bescheidener Familie den Talentwettbewerb eines Lokalsenders - der kleine Beginn einer großen Karriere. Noch einmal 15 Jahre später wurde sie bei einem argentinischen Folklore-Festival bekannt. Plattenaufnahmen und eine erste Auslandstournee folgten.
Sie und ihr erster Ehemann Oscar Matus gehörten zu den Hauptvertretern der Nuevo-Cancionero-Bewegung, die die Tradition der Folklore-Musik aufnahm, ihrer Harmlosigkeit entkleidete und eindeutig ins Politische wendete. So kam es, dass ihre Platten schon Ende der sechziger Jahre im staatlichen Rundfunk nicht mehr gespielt wurden.
Die bitteren Siebziger waren ihre große Zeit; da gab sie denen die Stimme, die gewaltsam zum Schweigen gebracht worden waren. Auch sie wurde bedroht und angefeindet. Absurder Höhepunkt war ein Konzert in einem Studentenclub 1978, bei dem sie zusammen mit der gesamten Zuhörerschaft verhaftet wurde. Kurz darauf ging sie ins Exil, nach Madrid, nach Paris - zwar mittlerweile wohlhabend, aber furchtbar einsam, wie sie später klagte.
Noch vor dem Falkland-Krieg, der 1982 das Schicksal der Militärdiktatur besiegelte, kehrte sie nach Argentinien zurück und gab zusammen mit anderen Künstlern eine Reihe von viel beachteten Konzerten. Später, als Argentinien wieder demokratisch war, setzte sie sich für die Mütter der Plaza de Mayo, für die Verurteilung der Junta-Täter ein.
Komponiert hat sie nie selber - sie sang immer die Lieder der anderen, und sie sang sie oft zusammen mit anderen, was die Traditionalisten der Folkmusik durchaus verschrecken konnte. Sie musizierte mit Milton Nascimento und Caetano Veloso, mit Peter Gabriel und Konstantin Wecker, aber auch mit Shakira und mit Luciano Pavarotti.
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