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26. Juli 2012

Nachruf auf Susanne Lothar: Susanne Lothar - die Eiskletterin

 Von Dirk Pilz
Susanne Lothar, 1994 fotografiert in Berlin.Foto: Christian Schulz

Im Alter von 51 Jahren ist Susanne Lothar gestorben, genau fünf Jahre nach der Beisetzung ihres Mannes Ulrich Mühe. Ein Nachruf auf eine große Schauspielerin.

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Im Alter von 51 Jahren ist Susanne Lothar gestorben, genau fünf Jahre nach der Beisetzung ihres Mannes Ulrich Mühe. Ein Nachruf auf eine große Schauspielerin.

Es gibt in Michael Hanekes Film „Funny Games“ eine Szene, in der man mit jeder Seelenfaser begreift, was es heißt, alle Hoffnung zu verlieren. „Funny Games“ ist ein Film über zwei Sadisten, die als hilfsbedürftige Golfer verkleidet durch eine Villensiedlung ziehen. Ins Haus von Anna und Georg kommen sie mit der freundlichen Frage, ob sie ein paar Eier borgen könnten. Dann schlagen sie zu, mit dem Golfschläger. Es gibt kein Entkommen für Anna und Georg, auch nicht für die Kinder. Die Täter ergötzen sich an der Todesangst ihrer Opfer. Einmal verlassen sie das Haus, Anna läuft zu den Nachbarn. Es ist niemand da. Sie läuft zurück und sitzt mit Georg auf dem Wohnzimmersofa. Man hört, wie die Haustür geöffnet wird. Ein Golfball rollt ins Bild. Man sieht, wie Anna und Georg die Angst in ihre Augen kriecht, wie sich auf die Mimik die Eiseskälte der Verzweiflung legt. In jede Herz- und Hirnfalte dringt das Wissen darum, wie zerbrechlich das Leben ist. Wie traurig, schön und unbegreiflich.

Anna und Georg, das waren: Susanne Lothar und Ulrich Mühe. Er starrte auf den Golfball und riss die Augen auf, als wolle er die Lider zum Verschwinden zwingen. Sie versuchte es mit einem Zitterblick. Voller Wut und Verletztheit. Die Kamera schaute ihr gnadenlos direkt ins Gesicht, und in jeder Hautzelle sah man das Hoffen mit dem Verzagen kämpfen. Es gibt wenige Schauspieler, die so ungeschützt ihre Ängste und Sehnsüchte, ihre Schutz- und Liebesbedürftigkeit zeigen.

Susanne Lothar ist gestorben, mit 51 Jahren. Ihr Anwalt lässt mitteilen, dass „aus nachvollziehbaren Gründen keine weiteren Erklärungen zum Tod abgegeben werden“. Am 25. Juli 2007 wurde ihr Mann Ulrich Mühe beigesetzt. Genau fünf Jahre später stirbt sie.

Sie war 17, als sie begann, das Theater zu lieben. Ihre Eltern, Hanns Lothar und Ingrid Andree, waren zwar das, was man heute Schauspielstars ruft. Sie wollte aber lieber, erzählte sie ihrem Freund, dem Journalisten Matthias Matussek, „was mit Tieren“ werden, sie begeisterte sich fürs Reiten. Bis sie Ibsens „Nora“ sah. Danach erinnerte sie sich, „wie ich in einem Schaumbad liege und denke: Diese Aufmerksamkeit, die ein Schauspieler bekommt. Die Leute im Publikum haben geweint oder getobt. Und plötzlich hatte ich Lust, diese Gefühle auch auszulösen.“ Eine eitle Schaumbadschauspielerin ist sie nie geworden, aber das Wirkungsauslösen, das Zuschauerüberrumpeln wurde ihre Spezialität.

Beim Griff in die Eingeweide

Ihre Lulu am Hamburger Schauspielhaus von 1988, inszeniert von Peter Zadek, wurde ihre berühmteste Überrumpelungsfigur. Sie trat im Militärmantel, im Badeanzug, und nackt auf. Körperlich nackt, seelisch nackt. Eine Gesamtnacktheitslulu, die den Zuschauern in die Knochen fuhr.
Elf Jahre später spielte sie, wieder bei Zadek, in Sarah Kanes „Gesäubert“, ein Stück, das nur Verstümmelte kennt. Es war ein großartig rücksichtsloser Abend, eine Zumutung. Die Garderobieren erzählten Lothar, sie hätten es satt, das Erbrochene wegzuwischen, weil die Leute es nicht mehr aufs Klo schaffen. Es war immer ein Krankenwagen bei den Vorstellungen da, für alle Fälle. Lothar hat jedem zugestanden, dass man derartige Grausamkeiten nicht sehen mag. Selbst Sarah Kane ist erschrocken, als sie diese Inszenierung sah. Und trotzdem habe es ihr, erzählte Lothar, ungeheure Freude bereitet, „so in die Eingeweide vom Zuschauer zu greifen, weil es meiner Meinung nach zum Leben gehört.“

Es gehört so viel Widersprüchliches zum Leben, das, genau besehen, schwer auszuhalten ist. Susanne Lothar hat es sich immer genau angesehen, sie ist oft durch die Straßen gelaufen und hat geschaut, wie die Leute gehen, die Hände heben, den Blick senken. Je genauer sie beobachtete, desto mehr Unversöhntes erkannte sie. „Suse“, wie sie von Freunden genannt wurde, war eine Frau, die in ihren Rollen zu schwitzen schien, wenn es bitterkalt war, und zu frieren in der größten Glut. Sie hat ihre Figuren dorthin getrieben, wo der Schmerz wohnt, unter die Haut, hinter die Pupillen. Sie hätte Extrembergsteigerin werden können, Eiskletterin. Sie ist Extremspielerin geworden. Peter Zadek war ihr wichtigster Bergführer, sie für ihn die „wildeste Schauspielerin“ überhaupt.

Die Westfrau und der Ostmann

Vor fünf Jahren hat sie mit ihm „Was ihr wollt“ geprobt. Damals lag ihr Mann im Sterben. In dem enervierenden Stasi-Streit zwischen Mühe und seiner zweiten Ehefrau Jenny Gröllmann hat sie ihn immer energisch geschützt. Die Westfrau und der Ostmann, die auf der Bühne mitunter privates Ehegeröll auszuschütten schienen, haben sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Und Zadek berichtete, dass sie bei den Proben immer zu ihm kam, ihren Kopf auf seine Schulter legte und weinte. „Dann hat sie gearbeitet. Ich wusste, dass sich im Endeffekt bei Suse (...) die Schauspielerei durchsetzt.“ Er kannte sie gut.

Sie hat in ihrer Heimatstadt Hamburg Schauspiel studiert und die Schule im Krach verlassen. Man sagte ihr, sie solle sich gruppendynamischer verhalten, nicht so unerbittlich sein. Das konnte sie nicht: „Wer nicht bei drei auf dem Baum war, den habe ich über den Hof gespielt.“

Sie war später bei Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne in Eugen O’Neills „Trauer muss Elektra tragen“ (2006) eine Frustrationsfurie, in Zadeks „Mutter Courage“ am Deutschen Theater Berlin (2003) als Lagerhure Yvette die Zerrissenheitskönigin, sie war in „Funny Games“ ein Angstbündel und in Hankes Oscar-nominiertem Film „Das weiße Band“ (2009) als Hebamme eine Verbitterungsprinzessin: Susanne Lothar hat sehr verschiedene Figuren auf extremes, steiles Gelände geführt, von ihren „Tatort“-Rollen über den Edelboulevard bei Luc Bondy bis zur jüngst gesendeten Polizeiruf-Folge „Die Gurkenkönigin“.

Im Idealfall, hat sie gesagt, ist ein Regisseur immer jemand, der dir auf ein wildes Pferd hilft. Und am besten ist es, das Pferd fängt an, mit dir zu fliegen.

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