Ende Dezember 1973 traf ich in der Redaktion der Tageszeitung La Opinión das erste Mal Tomás Eloy Martínez.
Es waren schreckliche Zeiten. Ich war in der vorangehenden Nacht aus Chile gekommen, einem Land, das der Welt die Revolution Allendes versprochen und uns stattdessen den Siegeszug Pinochets beschert hatte. Ich glaube, man sah mir die vielen Toten an. Tomás verstand das sofort und er beschenkte mich augenblicklich mit seiner Zuneigung. "Was immer Du brauchst...", sagte er mir. Ich fand bei ihm jene Großzügigkeit, die er mir bis zum Tag seines Todes erwies. Er richtete in seinem Haus für mich Treffen aus mit holländischen Korrespondenten, spröden Vertretern der linksperonistischen Stadtguerilla der Montoneros und bot mir revolutionäre Kuraufenthalte - immer mit reichlich Wein, Pasta und Fleisch.
Tomás Eloy Martínez, der am am 31. Januar starb, wurde 1934 geboren. Er war einer bekanntesten argentinischen Journalisten und Schriftsteller. Drei seiner Bücher sind bei Suhrkamp auf deutsch erschienen. Darunter "Der General findet keine Ruhe", eine Groteske über die Rückkehr Peróns nach Argentinien im Jahre 1973.
Ariel Dorfman, Jahrgang 1942, Autor von u.a. "Der Tod und das Mädchen", lebt heute in Chile und den USA. (fr)
Das uns bei diesen konspirativen Treffen einigende politische Moment wurde zwar immer wichtiger - täglich kamen Nachrichten über die anwachsende Repression in Chile, und täglich wurde die von Peron immer weiter nach rechts geführte Entwicklung Argentiniens beunruhigender -, aber immer wieder drängte sich doch auch die Literatur in unsere Gespräche. Vor allem die eigentümliche Beziehung, die in unserem Amerika zwischen Fiktion und Realität besteht, die fließende Spannung zwischen dem Zeugen/Berichterstatter und der Form, die die Phantasie gezwungen ist, parallel dazu herzustellen.
Er gab mir das Manuskript von "La Pasión Según Trelew" zu lesen. Mir erschien das mehr ein Roman als eine Reportage. Er erklärte mir, dass der große argentinische Roman sich um das Rätsel Perón herum aufbaue. Er plante damals seine Bücher über den General und - natürlich - über Evita. So wusste ich von den Memoiren, die Perón Tomás in Madrid diktiert hatte. Sehr oft, wenn Tomás davon erzählte - er war ein leidenschaftlicher Erzähler -, wusste ich nicht, ob es stimmte oder nicht, ob er es gerade erfand oder ob es sich tatsächlich zugetragen hatte.
Ganz bestimmt nicht erfunden war die Gefahr, in der sich Argentinien befand- das Land, in dem wir beide geboren worden waren. Ich war verzweifelt und wollte fliehen. Ich sah die Katastrophe, die über Tomás und seine Artgenossen hereinbrechen würde. "Du musst so schnell wie möglich weg", sagte ich ihm in einer der letzten Nächte, bevor ich selber floh, "die werden alle umbringen!" Tomás versicherte mir, ich irrte mich: Argentinien sei nicht Chile.
Ich sah ihn erst 1978 wieder, als ich nach Caracas kam, wo er endlich Zuflucht gefunden hatte. Dort sprachen wir von dem Fluch, der unseren Kontinent auf ewig belegt zu haben schien, und dass die Literatur mit ihren Fragen, ihren Zweifeln und ihren Träumen den Befreiungsprozess zu begleiten hatte. Wenn wir schon die überwältigende Gewalt nicht beseitigen konnten, so sollten wir doch versuchen sie durch Wörter, die keine Lügen waren, zu exorzieren.
Damit möchte ich schließen. Mit der Hartnäckigkeit, mit der er daran festhielt, dass die Wirklichkeit verdoppelt, Wahnbilder geschaffen und sein prekäres Geschick und das seines Landes und seines Kontinentes überlistet werden müsse. Gegen den und mittendrin im Allgemeinplatz Tod. Mit der ihm eigenen Gewissheit, dass, was nicht erzählt wird, nicht bleibt, nicht wert ist zu sein.
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