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„Kurze Geschichte der Rote Armee Fraktion“: Naive Insidersicht ohne Mehrwert

Arbeit am Mythos: In seinem Buch "Natürlich kann geschossen werden" liefert Michael Sontheimer seine Geschichte der RAF, die so porös und so unreflektiert, so unpolitisch und unhistorisch daherkommt, dass man fassungslos ist.

Die Angeklagte Gudrun Ensslin im Gespräch mit ihrem Verteidiger. Die 28-jährige Germanistikstudentin war wegen versuchter menschengefährdender Brandstiftung am 31.10.1968 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden.
Die Angeklagte Gudrun Ensslin im Gespräch mit ihrem Verteidiger. Die 28-jährige Germanistikstudentin war wegen versuchter menschengefährdender Brandstiftung am 31.10.1968 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden.
Foto: Manfred Rehm/dpa

Der jahrzehntelange Dauerbrenner „RAF“ hätte nach dem 20-Millionen-Euro-Flop des Filmes „Der Baader-Meinhof-Komplex“ 2008 sein Ende finden können. Und in der Tat lief das Thema vorübergehend etwas schlechter. Doch jetzt ohne Not die „Ereigniskarte“ von Michael Sontheimer: Gehen Sie zurück auf Los! Werfen Sie jeden zwischenzeitlichen Erkenntnisgewinn über die RAF über Bord! Einzig erlaubtes Gepäck: die uralten RAF-Mythen und -Legenden. In seinem Buch „Natürlich kann geschossen werden“ liefert der Autor seine Geschichte der RAF, die so porös und so unreflektiert, so unpolitisch und unhistorisch daherkommt, dass man fassungslos ist.

Tat lief das Thema vorübergehend etwas schlechter. Doch jetzt ohne Not die „Ereigniskarte“ von Michael Sontheimer: Gehen Sie zurück auf Los! Werfen Sie jeden zwischenzeitlichen Erkenntnisgewinn über die RAF über Bord! Einzig erlaubtes Gepäck: die uralten RAF-Mythen und -Legenden. In seinem Buch „Natürlich kann geschossen werden“ liefert der Autor seine Geschichte der RAF, die so porös und so unreflektiert, so unpolitisch und unhistorisch daherkommt, dass man fassungslos ist.

Der Spiegel-Journalist Michael Sontheimer, der schon in den achtziger Jahren Interviews mit Terroristen wie Astrid Proll, Bommi Baumann und Peter Jürgen-Boock führte und viele von ihnen seit Jahrzehnten persönlich kennt, ist eine der wesentlichen Figuren, die die Fehlverarbeitung der RAF in der Bundesrepublik ganz originär mit zu vertreten haben. Allerdings stand Sontheimer Jahrzehnte lang im Schatten von Stefan Aust, der am Ende immer alle Storys für seine Bücher, Filme und Medien an sich riss, die andere, wie zum Beispiel Sontheimer, vorbereitet, gemacht und initiiert hatten.

Freies Geleit für die RAF

Das große Schlussplädoyer im Buch heißt „Aufklärung“, aber Sontheimer nimmt eine willkürliche und oft naive Selektion zu Gunsten seiner Lieblings-Täter vor, zu denen er keine autorenschaftliche Distanz aufzubauen vermag. Aufklärung, so Sontheimers Trick, der allerdings auch ein alter Hut ist, würde der Rechtsstaat verhindern, indem er durch die Verfolgung der in Deutschland nicht verjährbaren Mordtaten der RAF die Aussagelust der Täter auf Null reduziert. Also propagiert Sontheimer, was die RAF schon immer wollte: Freies Geleit für die RAF. Straffreiheit und ein prominentes Leben gegen das Aufzählen, welcher Terrorist welche Tat beging.

Freies Geleit für die letzten NS-Verbrecher? Freies Geleit für die organisierte Kriminalität? Freies Geleit für Vergewaltiger, für Mörder? Abschaffung der Unverjährbarkeit des Mordes? Abschaffung jedweder strafrechtlicher Sanktion für jede Plaudertasche, die ihre kriminellen Aktionen im Gerichtssaal zugibt und beschreibt?

Das Buch ist ein einziger RAF-Brei von jemandem, der mitten drin steckt. Und es ist Mainstream, was Sontheimer hier abgeliefert hat, denn wie man es dreht oder wendet, ist die RAF Teil des medialisierten Mainstreams. Dazu gehört heute auch, dass Kritik an der RAF punktuell deftig artikuliert werden kann, wenn sie zum Beispiel einmal sogar als „Killertruppe mit Genickschusstaktik“ bezeichnet wird, aber im Grunde bleibt es bei einer Hymne auf die RAF. Sontheimer glorifiziert die RAF beiläufig, aber heftig: Gudrun Ensslin ist für ihn eine „hochkarätige Intellektuelle“, Baader und Ensslin nennt er die „Doppelspitze der RAF“.

Einerseits heißt es bei Sontheimer, die Gruppe war „politisch isoliert“, andererseits erwähnt er aber zutreffend, dass 40 Prozent der Befragten einer Allensbach-Umfrage der RAF politische Motive zugestanden, und jeder siebte Deutsche nicht ausschließen würde, einem RAF-Mitglied Unterschlupf zu gewähren.

Dazu kommen die klassischen Mythen in Bezug auf die RAF. Ein paar Beispiele: Mehrfach wird im Buch angedeutet, dass es sich bei der RAF um ein „sehr deutsches Phänomen“ handelte, um einen antifaschistischen Widerstandskampf, 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, im sicheren Hafen der Willy- Brandt- und Helmut-Schmidt-Bundesrepublik. Dazu muss man einfach sagen: Die RAF war gerade keine antifaschistische Widerstandsangelegenheit. Sie war eine krypto-kommunistische Revolutionsbewegung, die sich am Völkermörder Mao Tse Tung orientierte.

Der Verleger Klaus Wagenbach, der nach eigenem Bekunden selber an dem Gefängnisausbruch von Andreas Baader nicht unbeteiligt war und mit teilweise extrem linker Literatur damals sein Vermögen machte, kommt auch zu Wort: „Der Sound dieser Jahre war die Wut auf den Staat“. Nein! Die arbeitenden Massen in Westdeutschland waren zum Leidwesen der DDR und der Westkommunisten an Italienurlaub, Autokauf, Waschmaschine und Kühlschrank, an Arbeitszeitverkürzung und am Sozialstaat interessiert. Und Baader und Ensslin waren an Luxus und an Ruhm interessiert. Der „Sound der Zeit“, den Wagenbach gehört haben will, war das „Elend der Intellektuellen“ in Deutschland, wie Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer, der Vater des Autors, es einst formulierte. Diese unzufriedenen und zugleich satten Intellektuellen bereiteten den studentischen Unruhen den Weg, die zur RAF führten. Und natürlich: Trotz der neuen Stasi-Enthüllungen zu Todesschütze Kurras werden die Schüsse auf Benno Ohnesorg als die ersten Schüsse ausgegeben, die die Aktionen der RAF erst ins Rollen gebracht hätten.

Ein Manko des Buches: Die Einbettung der RAF in die 68er-Bewegung kommt mit keinem Wort vor. Andere Terrororganisationen, wie die Revolutionären Zellen speziell in Frankfurt, oder terroristische Aktionen und unaufgeklärte Taten in der dortigen Spontiszene, finden im Buch überhaupt nicht statt, obwohl eine isolierte Erklärung der RAF gar nicht möglich ist. Auch die im Kontext wichtigen Bedingungen des Kalten Krieges werden im Buch nicht dargestellt.

Sontheimer bemüht den altbekannten Mief der Adenauer-Zeit, der noch erst erklärt werden müsste, und dagegen lässt er die im Ergebnis faschistisch agierenden Roten Garden Mao Tse Tungs als Vorbilder der RAF unkommentiert antreten. Das Buch ist eine geschrumpfte Variante von Austs „Baader-Meinhof-Komplex“ ohne neue Tatsachen, ohne neue Sichtweise und mit keiner einzigen neuen Idee. Die völlig überhöhte RAF wird mit Büchern wie diesem ad infinitum perpetuiert.

Bettina Röhl ist Publizistin. Zuletzt ist von ihr das Buch über ihre Eltern erschienen: „So macht Kommunismus Spaß. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret“ (Hamburg 2006).

Michael Sontheimer: „Natürlich kann geschossen werden“. Eine kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion. DVA 2010, 224 Seiten, 19,95 Euro.

Autor:  Bettina Röhl
Datum:  26 | 7 | 2010
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