Im Foyer: "Ich habe das Stück in keinem Opernführer gefunden. Im Konzertführer wird zumindest darauf verwiesen." Die Damen wären bezüglich Robert Schumanns 1843 uraufgeführtem "Paradies und die Peri" im Oratorienführer fündig geworden - obwohl die auf einer orientalischen Erzählung fußende Vorlage und die Aufhebung der klaren Trennung von Rezitativ und Arie unorthodox ist. Mit diesem "neuen Genre für den Concert-Saal" hatte der Liedkomponist erstmals das große Publikum erreicht. Das Nationaltheater Mannheim bringt es nun in einer Inszenierung des Regisseurs und Choreografen Joachim Schlömer, der sich mit Grenzüberschreitungen auskennt.
Für den Einstieg in den zweistündigen Abend (ohne Pause) wählt der Regisseur Schumanns Klavierstück "Von fremden Ländern und Menschen" aus den Kinderszenen op. 15 - ein hellbrauner Konzertflügel, der im dritten Teil als Grab und Sandkasten dienen wird, ist der Ausgangspunkt für die Reise ins 19. Jahrhundert. Die Damen tragen strenge, hochgeschlossene Kleider wie einst Clara Schumann, die Männer stecken im Frack (Kostüme: Nicole von Graevenitz). Als die Streicher mit ganz zarten, homogenen Linien einsetzen, scheint alles möglich.
Das Orchester des Nationaltheaters Mannheim zeigt sich unter der Leitung seines Generalmusikdirektor Friedemann Layer in bestechender Verfassung. Die Cellogruppe ist ein Traum, das Solohorn klingt wie nicht von dieser Welt. Layer schafft Transparenz und Farben, Struktur und Gehalt. Ganz im Liedhaften siedelt das Orchester diese Musik an und bereichert sie mit feinsten Schattierungen: ein Ereignis!
Leider kann Eteri Gvazava als Peri - ein gefallener Engel, der zurück ins Paradies möchte -mit diesem Niveau nicht mithalten. Nicht nur ihr deutlicher russischer Akzent, auch ihr starkes, mitunter aufdringliches Vibrato nimmt der Interpretation jede Poesie. Zu viel Schminke liegt auf ihrem Sopran. Und da sie von Schlömer allein gelassen wird und meist ausdruckslos an der Rampe steht, bleibt die Figur unnahbar. Zweimal wird die Peri abgewiesen, erst die Träne eines Verbrechers angesichts eines unschuldigen Kindes schließt ihr am Ende die Himmelspforte auf.
Jens Kilian hat dafür eine mit Wolken bemalte Sprossenwand gebaut. Hier seilt sich die Tänzerin Inés Hernandez ab, die die Peri auf ihrem Weg zum Glück begleitet. Auch die beiden Jünglinge haben im Tänzer Daniel Jaber ein zweites Ich. Im ersten Akt darf er sich im Kunstblut wälzen, im zweiten sitzt er in einer Isolationszelle und pinselt rot "Lass mich" und "Geh weg" ans Glas. Spätestens hier verliert sich die Inszenierung in Details, wird Rätselhaftigkeit zu szenischer Willkür. Die Beziehungen werden nicht ausgelotet, zu viele Ideen werden zu wenig ausgearbeitet. Auch mit dem in den Höhen etwas intonationsgetrübten Chor (Leitung: Tilman Michael) fängt Schlömer nicht viel an.
Es sind die Solisten wie der klar phrasierende, lyrische Tenor Maximilian Schmitt (Jüngling, Erzähler), Anne-Theresa Albrecht (Engel) und Katharina Göres (Jungfrau), die dem Abend mehr Intensität verleihen. Der Bariton Radu Cojocariu kommt dagegen in den Tiefen seiner Basspartien an Grenzen. Zuletzt erreicht der Abend seinen Tiefpunkt. Die Auf- und Abgänge von Inés Hernandez an der Sprossenwand haben nur sportiven Reiz, zumal das Surren des Seilzugs störend ist. Vorne wartet Eteri Gvazava in Klettergurten auf den finalen Lift. Als sie zu den Schlussakkorden hochgezogen wird, verrutscht die Intonation.
Nationaltheater Mannheim: 21., 25. März, 17., 24. Mai, 5. Juni, 25. Juli. www.nationaltheater-mannheim.de
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