kalaydo.de Anzeigen

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

13. November 2012

Navid Kermani: Die deutsche Sprache als täglich Brot

Navid Kermani, Schriftsteller und Leser, Forscher und Vortragsreisender.  Foto: IMAGO

Navid Kermani über Heinrich von Kleist, in dessen Namen er am Sonntag geehrt wird, über Dichtung und ihre Bedeutung für den Geist einer Gesellschaft.

Drucken per Mail

Navid Kermani über Heinrich von Kleist, in dessen Namen er am Sonntag geehrt wird, über Dichtung und ihre Bedeutung für den Geist einer Gesellschaft.

Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani erhält am Wochenende den Heinrich-von-Kleist-Preis 2012. Kermani setzt sich in vielen seiner Werke mit dem Verhältnis zwischen Glauben und Gesellschaft auseinander. So auch in diesem Gespräch.

Herr Kermani, Sibylle Lewitscharoff hat 2011 zur Verleihung des Kleistpreises eine Anti-Kleist-Rede gehalten. Werden Sie ihr folgen und sich als erklärter Gegner alles Nationalistischen vom Erz-Patrioten Kleist absetzen?

Das Dunkle, Gewalttätige in Kleists Werk hat Frau Lewitscharoff doch sehr prägnant beschrieben. Ich würde allerdings die Perspektive umdrehen: Genau diese Anteile seiner Dichtung sprechen in meinen Augen für Kleist.

Warum?

Weil Dichtung die Aufgabe hat, in die Abgründe nicht nur gesellschaftlicher Zusammenhänge, sondern auch und zuerst der menschlichen Seele zu blicken. Die Moralität der Kunst kann dann sogar darin bestehen, nicht moralisch zu sein.

Was interessiert Sie an Kleist besonders?

Seine beiden zentralen Themen, die auch die Themen von Literatur schlechthin sind: Liebe und Tod. Und mich bewegt das Überbordende, aber auch das Sperrige seiner Sprache. Besonders die Prosa seiner Erzählungen widerspricht allem, was man heute in „Creative Writing“-Seminaren lernen würde, ist manchmal umständlich bis hin zum Komischen, mit überlangen, vollgepackten Sätzen, die jeder für sich eine ganze Erzählungen enthalten und oft nur durch „dergestalt, dass“-Konstruktionen zusammengehalten werden. Und zugleich ist die Story unglaublich temporeich, dramatisch, spannend. Mit diesem ständigen Gegensatz zwischen der Dringlichkeit des Erzählten und dem Korsett der Sprache nimmt er viele Dichtungen des 20. Jahrhunderts vorweg, die das Unvermögen der Sprache selbst zum Thema gemacht haben.

Der Kleist-Preis bringt Ihren Namen wiederum in Verbindung mit einem Heroen der deutschen Geistes- und Literaturgeschichte. Was bedeutet Ihnen das?

Es macht mich verlegen. Aber es ist zugleich auch erhebend, weil diese Namen jene „deutsche Tradition“ repräsentieren, in die eingereiht zu werden das Schönste ist, was einem passieren kann. Und Kleist ist für natürlich einer der ganz Großen, bei aller Skepsis gegenüber vielen seiner politischen Positionen, bei aller Distanz zur Person, die in den Biographien beschrieben wird. Ich fühle mich ja nicht in einem nationalen Sinne deutsch. Als Schriftsteller empfinde ich das nationale Konzept gerade für den deutschen Sprachraum als völlig unpassend. Ein Franz Kafka, ein Heimito von Doderer und viele andere würden herausfallen.

Zur Person

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern, ist habilitierter Orientalist. Er lebt in Köln. Für sein akademisches und literarisches Werk ist er mehrfach ausgezeichnet worden, sein jüngstes Buch „Über den Zufall“ (Hanser, München) erschien im August.

Am Sonntag wird er in Berlin mit dem Heinrich-von-Kleist-Preis ausgezeichnet. Die Laudatio hält der Präsident des deutschen Bundestages, Norbert Lammert, der Kermani als alleiniger Juror zum Preisträger bestimmt hat.

Sie wenden sich gegen Nationalstolz, sprechen aber sehr wohl von der Dankbarkeit, ein Deutscher in Deutschland zu sein.

Weil ich hier in einer Freiheit aufwachsen konnte, die wir nicht gehabt hätten, wenn meine Eltern im Iran geblieben wären. Dafür bin ich dieser Gesellschaft dankbar und, ja, ich fühle mich für sie mitverantwortlich – so wie ein Mensch für seine eigene Nachbarschaft verantwortlich ist, seine unmittelbare Umgebung, und auf sie achtgeben sollte. In diese Verantwortung gehört für mich auch die deutsche Geschichte. Da würde ich über die finsteren Seiten nicht sagen, „das ist euer Problem“. Aber Stolz auf die Nation? Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte. Und ich will das auch gar nicht.

Sondern?

Ich wünsche mir ja im Gegenteil, dass das Konzept des Nationalstaates als einer kulturell, religiös, sprachlich und ethnisch weitgehend homogenen Gemeinschaft überwunden wird, das sich Ende des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat und auf der ganzen Welt bis heute so viel Unheil anrichtet. Deshalb sehe ich die europäische Einigung nach wie vor als die glücklichste Entwicklung an, die diesem Kontinent voller Hass, Ressentiment und Kriegen in den letzten Jahrhunderten widerfahren ist.

Trotzdem gibt es immer noch keine „europäische Identität“.

Aber Europa soll doch kein neuer, nur größerer Nationalstaat sein! Es kann nicht die lokalen, regionalen Zugehörigkeiten ersetzen. Identität entsteht für mich viel stärker aus der unmittelbaren Umgebung, dem Alltag, der Landschaft, den Herzensangelegenheiten, der Sprache, der Küche, den lebendigen Traditionen und Sitten. In diesem Sinne ist der Reichstag für mich – und meinetwegen nur für mich, andere mögen es anders empfinden – genausowenig identitätsstiftend wie das europäische Parlament. Überhaupt ist mein Verhältnis zu staatlichen Institutionen ausgesprochen nüchtern. Darum ist mir zum Beispiel auch der Begriff „Verfassungspatriotismus“ sehr nahe. Ich verurteile niemanden, der beim Abspielen der Nationalhymne eine Gänsehaut bekommt. Nur ist mir das völlig fremd, ob es nun die iranische oder die deutsche Nationalhymne ist.

Wo bleibt da das „Wir-Gefühl“? Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sähe es gern, dass „unsere“ Fußballer vor Länderspielen auch „unsere“ Nationalhymne mitsingen.

Teil dieses „Wir“ zu sein, darauf lege ich gar keinen Wert. Ich möchte zu keinem „Wir“gehören, das sich durch seine national-konfessionelle Abgrenzung definiert, wie auch, wenn Innenminister Hans-Peter Friedrich sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Mir wäre es eher peinlich, wenn Herr Bouffier oder Herr Friedrich „Wir“ sagen und damit auch mich meinen würden. Zum „Wir“ eines Lessing, Goethe, Heine oder Kafka hingegen gehöre ich mit meiner Literatur und als Kosmopolit allemal mehr als Herr Friedrich und Herr Bouffier – behaupte ich.

Von Hilde Domin stammt der Satz „Heimat in der Sprache“. Ist Deutsch für Sie „Heimat“?

Heimat oder nicht – die deutsche Sprache ist das Brot, das ich täglich esse; das Wasser, das ich trinke. Natürlich liebe ich sie. Und doch bleibt ein Moment der Fremdheit, obwohl ich Deutsch besser beherrsche als meine Muttersprache Persisch. Manche emotionalen Schwingungen löst nur das Persische aus, Kosewörter zum Beispiel, die meine Mutter mir als kleines Kind ins Ohr geflüstert hat. So wechsle ich selbst bei zärtlichen Anreden meiner Kinder automatisch ins Persische.

Sie haben sich in der jüngsten Beschneidungsdebatte scharf gegen eine Form von deutschem „Vulgärrationalismus“ gewandt. Hat der Konflikt um die Beschneidung die Gesellschaft dennoch weitergebracht?

Ja, weil sich die eigentlichen Lager klarer gezeigt haben als in vorangegangenen Debatten: Es geht nicht primär um den Islam oder das Judentum, sondern um den Konflikt zwischen einer Weltsicht, die Religion gelten lässt, und einer Haltung, die radikal alles ablehnt, was sich religiös herleitet. Die Kirchen haben mit der Verteidigung der ihnen fremden Beschneidungspraxis gezeigt, dass sie das sehr genau verstanden hatten: Es geht hier auch um uns Christen.

Ist diese kämpferisch anti-religiöse Haltung in Deutschland mit seiner stark metaphysisch durchdringenden geistigen Tradition besonders verstörend?

In der Literatur löst sich die metaphysische Grundierung Mitte des 20. Jahrhunderts auf, weil alle übergeordneten Entwürfe, alles Kollektive auch, nach der Menschheitskatastrophe des Holocaust diskreditiert schienen, obwohl dieses Verbrechen natürlich nicht religiös begründet war. Die Nachkriegsliteratur besann sich radikal auf die Gesellschaft. Das ist nachvollziehbar. Ich erinnere aber an ein Wort des großen iranischen Dichters Ahmad Schamlu: Wenn man Gott in die Besenkammer sperrt, wird er eines Tages als Teufel wieder heraustreten.

Wie lösen Sie diese Metapher auf?

Die komplette Verdrängung des Religiösen, der Verantwortung vor etwas, was außerhalb unserer selbst liegt, größer ist als wir, hat nicht nur moralische oder spirituelle Konsequenzen; sie führt auch zum Zusammenbruch eines gewaltigen kulturellen Archivs, versperrt den Zugang zu den Grundlagen der eigenen Kultur. Die deutsche Dichtung mindestens bis zum Zweiten Weltkrieg ist genausowenig wie klassische deutsche Musik angemessen zu verstehen ohne das religiöse, vor allem biblische Wissensarchiv und ein Grundsensorium, dass es Dinge in der Welt gibt, die über das hinausreichen, was wir sehen, hören und riechen können. Nicht der Atheismus an sich, wohl aber der religiöse Analphabetismus führt – wie jede Form der Ignoranz – zu einer Verarmung der Gesellschaft, zu einer moralischen wie ästhetischen Verrohung. Die deutsche Dichtung war nicht immer ausdrücklich religiös, hat aber zumindest die Leerstelle einer gottlosen Welt gespürt.

Sehen Sie hier Anknüpfungspunkte im Werk Kleists?

Kleist war sicher sehr viel weniger christlich-religiös verankert als etwa Hölderlin, Novalis oder Jean Paul. Aber in seinen Dramen und Erzählungen geht es doch immer um den Einbruch einer übermächtigen Wirklichkeit – des Schicksals – in das Leben des Menschen. Dieses Wissen um die Existenz höherer Gewalten und dazu das Gefühl, verwundbar zu sein, nicht alles selbst in der Hand zu haben und bestimmen zu können, das findet in Kleists Werk schon sehr starken, gerade auch heute gültigen Ausdruck.

Das Gespräch führte Joachim Frank.

Jetzt kommentieren

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

TV-Kritik
Videonachrichten Kultur
Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Fotostrecke
Otto Griebels Kind am Tisch

Otto Griebels "Kind am Tisch", ein undatiertes Aquarell, ist Teil des Münchener Kunstfunds bei Cornelius Gurlitt. Weitere Werke in unserer Galerie. Der Fall hebt das Thema Nazi-Raubkunst endlich auf die politische Agenda. Die Hintergründe dazu im Dossier "Münchener Kunstfund".

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Buchtipps
Anzeige
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!