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05. Dezember 2011

Navid Kermani-Rede: Plädoyer für das Unwahrscheinliche

 Von Navid Kermani
Der Schriftsteller und Orient-Wissenschaftler Navid Kermani.  Foto: Markus Wächter

Der Kölner Schriftsteller und Orient-Wissenschaftler Navid Kermani ist am Freitagabend in Bremen mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken ausgezeichnet worden. Wir dokumentieren Auszüge aus Kermanis Preisrede.

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Es gibt zahlreiche Preise, die in Deutschland verliehen werden, und wohl die meisten tragen den Namen eines verstorbenen Literaten, eines Gelehrten, eines Politikers oder Mäzens. Der Preis, den ich heute erhalte, hat neben dem Namen der berühmten Person einen merkwürdigen Zusatz: Es ist ein Preis für politisches Denken. Ich muss sagen, dass der Ausdruck mir spontan gefiel: politisches Denken. Zugleich fragte ich mich, was damit wohl genau gemeint sei. Die Frage, was Politik ist, ließe sich mit Hannah Arendt sehr viel leichter beantworten, sie hat in ihren letzten Jahrzehnten immer wieder darüber nachgedacht, sogar ein eigens Buch darüber geschrieben. Auch für das politische Urteilen, die politische Philosophie, das politische Handeln könnte man Erklärungen anführen, die auf ihren eigenen Worten beruhen. Aber was bedeutet es, politisch zu denken? Wodurch unterscheidet sich ein politisches von einem nicht-politischen Denken? Und was wäre, da ich nun einmal mit eben diesem Preis ausgezeichnet werde, was wäre an meinem Denken politisch?

Problematik des Nationalstaats

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Nun wäre es naheliegend, das politische Denken in einem Analogieschluss durch seinen Bezug zur Politik zu definieren, damit zu der Welt zwischen den Menschen, wie Hannah Arendt den politischen Raum selbst nannte. Schließlich versieht Hannah Arendt selbst das Wesen der Politik mit einer Wertung, die nicht politikwissenschaftlich, sondern allein politisch zu rechtfertigen ist: Politik sei „die Sache der Freiheit gegen das Unheil der Zwangsherrschaft jeglicher Art“.

Kermani stößt vor zu einem „tiefgründigeren“ Begriff politischen Denkens, wie es ihm Arendt „zum Vorbild gebe“: Es sei zum einen das Bemühen, die Wirklichkeit zu verstehen samt dem Willen, sie nötigenfalls auch zu verändern. Zum zweiten beruhe politisches Denken auf einem „vorbegrifflichen Akt der Empathie“, der Mitmenschlichkeit und der Parteinahme. Und schließlich gehöre zum politischen Denken – mit Arendt gesprochen – eine „erbarmungslose Genauigkeit, welche der Kälte der echten Verzweiflung entspringt.“ Kermani greift dann Arendts Ausführungen über den Niedergang des Nationalstaats und das Ende der Menschenrechte auf. Die Proklamation der Menschenrechte ging einher mit der Schaffung des Nationalstaats. Menschenrechte waren damit gekoppelt an Staatsbürgerschaftsrechte. Die Aporie dieser Verbindung und damit die Infragestellung des Konzepts „unabdingbarer Menschenrechte“ wurde offenbar, als Europa am Ende des Ersten Weltkriegs mit Millionen Flüchtlingen und Staatenlosen konfrontiert war. Es sei sinnlos, kritisierte Arendt, „Gleichheit vor dem Gesetz zu verlangen, für den es kein Gesetz gibt.“

Ich meine, dass Arendts These vom Ende der Menschenrechte heute in einem noch umfassenderen Sinne von Belang ist, insofern sie das Wesen des Nationalstaates als solchen berührt. Interessant ist ja, dass Hannah Arendt vom Ende der Menschenrechte zu einem Zeitpunkt spricht, als die UN-Vollversammlung gerade einstimmig die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet hat. Ohne Zweifel hat Hannah Arendt die institutionellen und normativen Entwicklungen begrüßt, die es nach dem Zweiten Weltkrieg im internationalen Recht gegeben hat. Ich denke hier vor allem auch an die Genfer Flüchtlingskonvention, den Hohen Kommissar für Flüchtlingsfragen der UN oder den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Aufgabe dieser Institutionen ist es eben, auch jenen ein Recht zu sichern, denen innerhalb einer nationalen Staatlichkeit kein Recht zukommt.

Und doch bleibt die Problematik des Nationalstaats, dem wir zugleich die Demokratie verdanken, im Kern bestehen. Aus der Souveränität des Volkes, das an die Stelle des absoluten Fürsten getreten ist, folgt bis heute notwendig eine Definition derer, die zum Volk gehören und also auch derer, die nicht zum Volk gehören. Gerade das Prinzip der Volkssouveränität zwingt den Nationalstaat zur Unterscheidung, zur Identifikation. „Sofern sich innerhalb der Nation auch Menschen anderer volksmäßigen Abstammung befinden, so verlangt das Nationalgefühl, dass sie entweder assimiliert oder ausgestoßen werden.“

Gewiss hat Europa das Gewaltpotenzial, das in dieser Unterscheidung in Bürger und Nicht-Bürger liegt, seit dem Zweiten Weltkrieg entschärft und verbietet sich jeder Vergleich mit der Situation, die Hannah Arendt vor Augen hatte, als Nicht-Bürger wie Leprakranke gekennzeichnet, später wie Tiere geschlachtet wurden. Und doch sind die Debatten, die schon lange vor dem Nationalsozialismus und auch heute wieder um die Rechte der anderen geführt werden, der Minderheiten, der Andersgläubigen, der Einwanderer und sogar der Touristen, die je nach Herkunftsland für ein Visum inzwischen einen Aktenordner voll von Bürgschaften, Grundbüchern, Kontoauszügen, Versicherungen, Urkunden und Arbeitsbescheinigungen vorlegen müssen – sind diese Debatten nicht zu verstehen, ohne die Grundlagen, aber auch Abgründe der modernen Nationalstaatlichkeit zu berücksichtigen, wie sie sich in Folge der französischen Revolution herausgebildet hat. Noch immer liegt den Debatten wie den Passkontrollen die Frage zugrunde: Wer ist Wir? Dieses Wir ist durchlässiger geworden, ja. Der Sohn oder die Tochter eines Einwanderers kann in höchste Staatsämter oder Akademien gelangen. Aber allein schon das Wort der Integration, das Norm geworden ist, zeigt an, dass die Grundlage weiterhin die Vorstellung eines irgendwie einheitlichen Staatsvolkes ist, für das ein Fremder sich zu qualifizieren, in das er sich einzubringen hat. Integration ist schon dem Wort nach ein einseitiger Vorgang: Ein Einzelner oder eine Gruppe integriert sich in ein bestehendes Ganzes. Man kann in Deutschland Gründe dafür anführen, den Begriff des Staatsvolkes auch weiterhin als etwas Einheitliches zu denken, als eine ethnisch und religiös inzwischen erweiterbare, aber doch sprachlich und kulturell irgendwie homogene Gemeinschaft. Aber man sollte sich mit Hannah Arendt der Entstehungsgeschichte dieses Anspruchs bewusst sein und ihn nicht für ein Naturgesetz halten.

Im Schlussteil der Rede wendet Kermani Überlegungen ins politisch Konkrete und fragt:

Wille zur Freiheit

Was hätte Hannah Arendt zum arabischen Frühling gesagt? Ihre Prophezeiung, dass in der Weltpolitik „diejenigen schließlich die Oberhand behalten werden, die verstehen, was eine Revolution ist, was sie vermag und was sie nicht vermag, während alle die, welche auf die Karte reiner Machtpolitik setzen und daher auf die Fortsetzung des Krieges als der ultimo ratio aller Außenpolitik bestehen, in einer nicht allzu entfernten Zukunft entdecken dürften, dass ihr Handwerk veraltet ist und dass mit ihrer Meisterschaft niemand mehr etwas Rechtes anzufangen weiß“ – dieser Satz hat mit Blick auf die westliche Nahostpolitik seit dem 11. September 2001 und die westliche Verblüffung über die nahöstlichen Freiheitsbewegungen der letzten Jahre neue Aktualität gewonnen.

Der Wille zur Freiheit, der im Sommer 2009 auf den Straßen von Teheran, in diesem Jahr in Tunesien, in Ägypten, in Libyen, Bahrain, Jemen, Syrien zu beobachten war, hätte Hannah Arendt ebenso gewiss begeistert, wie sie gegen Theorien argumentiert hätte, die bestimmten Völkern die politische Unmündigkeit in die Kultur schreiben. Und doch würde Hannah Arendt dieser Tage wahrscheinlich nicht besonders optimistisch auf den Nahen Osten blicken. Folgt man ihrer historischen Analyse, gelingen Revolutionen nicht in Ländern, die unter dem Fluch der Armut stehen. Tatsächlich stehen die Chancen für die Etablierung eines demokratischen Rechtsstaates unter allen arabischen Ländern noch am besten in Tunesien, das eine ver gleichsweise ausgewogene soziale Struktur aufweist. In den anderen arabischen Ländern hingegen und zumal in Ägypten lässt sich jetzt bereits beobachten, wie sich die revolutionäre Bewegung aufspaltet in die vorrangig jungen, vorrangig mittelständischen Aktivisten, denen es weiterhin um die politische Freiheit geht, und den Bewohnern der Elendsviertel, die nach der Euphorie des Anfangs nun erst recht vor der Frage stehen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen, da im Zuge der Revolution die Wirtschaft eingebrochen ist.

Aber wer weiß? Das politische Denken, das Hannah Arendt zum Vorbild gibt, beschränkt sich nicht darauf, aus der Geschichte zu lernen. Es stiftet dazu an, die Geschichte zu widerlegen. Das ist heute nicht nur eine Aufgabe der arabischen Bürger. Es ist im Sinne der Weltbürgerschaft, die Hannah Arendt für das politische Handeln anmahnte, eine Aufgabe auch für uns – und zwar nicht nur für politische Stiftungen. Was die arabischen Völker jetzt am dringendsten benötigen, ist nicht die Aufklärung über ihre Rechte, sondern handfeste Beiträge zum Abbau der Massenarmut, also etwa die Aufhebung von Zöllen, das Ende subventionierter Agrarexporte, die die lokale Landwirtschaft zerstören, die Entwicklung der Infrastruktur, von Strom, Wasser, Energie, Bildung, natürlich auch Wirtschaftshilfen und eher kurz- als mittelfristig die Integration in den europäischen Binnenmarkt. Ja, das würde teuer, das würde sehr viel mehr kosten als jene Broschüren, die an die sentimentale Sprache von Tierschutzvereinen erinnern. Aber wieviel wäre für Europa politisch, ökonomisch und strategisch verloren, wenn sich südlich des Mittelmeeres die Geschichte seiner eigenen Revolution wiederholte.

Wie Amerika den Deutschen nach dem Krieg nicht aus Mitleid eine Perspektive geboten hat, so wäre es heute im wohlverstandenen Eigeninteresse der europäischen Staaten, nie mehr in Diktaturen, sondern endlich in die Freiheit zu investieren. Es gibt nur einen Nachbarn der arabischen Völker, für den auf dem Tahrir-Platz noch mehr auf dem Spiel steht als für die Europäer: Es ist der Staat Israel. Den dauerhaften Frieden, den Arendt als jüdische Denkerin stets vor Augen hatte, wird es im Nahen Osten erst geben, wenn das Unheil der Zwangsherrschaft überwunden ist.

Wem das angesichts der Wahlergebnisse in Ägypten und Tunesien, aber auch angesichts der zunehmenden Repression in Israel selbst, illusorisch erscheint, der sei darauf hingewiesen, dass das politische Denken, wie Hannah Arendt es mir zum Vorbild gibt, bedeutet nichts Geringeres, als mit Wundern zu rechnen – „nicht weil wir wundergläubig wären“, wie sie betont, „sondern weil die Menschen, solange sie handeln können, das Unwahrscheinliche und Unerrechenbare zu leisten imstande sind und dauernd leisten, ob sie es wissen oder nicht.“ Und so will ich, um so paradox zu schließen, wie sie die Welt erfuhr, so will ich für die arabischen Revolutionen mit Hannah Arendt hoffen, dass Hannah Arendt nicht recht behält.

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