Williams: Das stimmt. Es ist immer schwer, sich etwas anderes als die eigene Situation vorzustellen. Aber ich glaube auch, dass hier ein großes Potential liegt. Es ist erstaunlich, welche Wirkung die Technologie im Iran entfaltete, und dort haben wir noch nicht einmal richtig angefangen. Wir waren von Anfang an vor allem darauf bedacht, ein System zu entwickeln, das auch die schwächsten Signale, also Handys und SMS, nutzen kann.
SMS ist viel weiter verbreitet als das Internet. Twitter sollte immer so viele Menschen wie möglich erreichen. Und die Menschen, denen Twitter am meisten nutzen kann, sind nicht unbedingt Leute, die in New York mit einer schnellen Internet-Verbindung an ihrem teuren Apple iMac sitzen. Gewiss sollten wir bewusster sein und an die größeren Zusammenhänge denken, aber ich bin nicht sicher, ob sich unsere Arbeit dadurch verändern würde. Ich weiß auch nicht, ob wir überhaupt dazu in der Lage wären, und vielleicht ist das auch gar nicht unsere Aufgabe. Tatsächlich haben unsere Nutzer immer wieder zur Weiterentwicklung von Twitter beigetragen.
Garton Ash: Im Moment tut sich nicht so viel, oder? In China gelingt es den Behörden erstaunlich gut, den Informationsfluss zu kontrollieren, und jetzt besteht die Gefahr, dass alle sagen: "Etwas sollte unternommen werden, aber wir können es nicht machen." Wenn sich alle, die mit Informations- und Kommunikationstechnologie - mit diesen wunderbaren technischen Neuerungen - zu tun haben, darüber einig wären, dass der Zugang für jedermann frei verfügbar sein sollte, würde sich das entscheidend auf den globalen Informationsaustausch auswirken. Im Moment haben die einzelnen Firmen - Yahoo, Google, Microsoft, du vielleicht auch, Evan, und alle anderen - Angst davor, etwas zu tun und ins Kreuzfeuer zu geraten, und deswegen verhalten sich alle still.
Williams: Wir glauben nicht daran, Revolutionen fördern zu müssen. Es geht darum, den Menschen die Möglichkeit zu freiem Handeln zu geben. Davon sind wir überzeugt. Wir wünschen uns, dass diese Freiheit überall ohne Einschränkungen gewährleistet ist.
Die Technologien werden ständig verbessert und das Internet breitet sich immer mehr aus. Wenn man keinen Zugang über die Telefonleitung bekommt, dann eben über Satellit. Es wird immer schwieriger werden, den Zugang zu verhindern. Für mich ist das ein unaufhaltsamer Prozess.
"Blogger" fördert einen offenen Informationsfluss, was immer gute Auswirkungen hat. Wenn die Leute sich frei und schnell austauschen können, dann führt das unweigerlich zu mehr Freiheit. Das ist unser Credo. Nicht dass es nur gute Wirkungen hätte, aber ich glaube doch, das die positiven Seiten überwiegen. Das ist ein Grund, warum Microsoft, Google und andere nach China gegangen sind und versucht haben, durch Kooperation auf das System einzuwirken. Ich bin sicher, sie haben gehofft, auf diese Weise Fortschritte zu erzielen. Aber das bedeutet natürlich auch, dass sie kooperieren müssen. Das bringt sie in eine Lage, aus der heraus es wahrscheinlich schwer ist, sich direkt gegen die Regierung zu stellen, denn allein dadurch, dass sie lokale Niederlassungen haben, sind sie schon angreifbar.
Garton Ash: Nur einige kurze Anmerkungen. Zunächst einmal würde ich nie davon sprechen, Revolutionen zu "fördern". Vielleicht können wir sie begünstigen, aber die Leute vor Ort müssen immer selbst entscheiden, ob sie ihr Leben riskieren wollen.
Ein anderer Punkt ist der Einfluss der neuen Medien. Es gibt eine sehr interessante Studie vom Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford, die belegt, dass das russische Internet überaus aktiv und extrem regimekritisch ist, aber praktisch keinen politischen Einfluss hat, weil die populären Massenmedien und andere Lebensbereiche unter totaler Kontrolle stehen. Das macht deutlich, dass Internet und Twitter allein noch nichts bewirken können.
Wichtig ist vor allem die Kontrolle über das Fernsehen und andere Massenmedien. Ich glaube auch nicht, dass die neue Technologie sich "gegen die Regierung stellen" muss, genauso wenig wie eine saubere Atmosphäre oder internationaler Flugverkehr "gegen" irgendein System sein muss. Im 21. Jahrhundert sollte es die Grundvoraussetzung sein - und zwar weltweit - dass Leute freien Zugang zu Informationen haben. Es gab einige Besorgnis erregende Fälle von Mobilfunk- und Internet-Anbietern, die es solchen Regierungen tatsächlich ermöglichten, den Datenfluss zu überwachen. Es sind also nicht nur die Unterdrückten, die die neue Technologie nutzen, sondern auch die Unterdrücker, vor allem, wenn wir sie Ihnen verkaufen.
Evan, was würden Sie sagen, wenn Ihnen eine Regierung nahe legen würde, den Informationsfluss zu unterbrechen oder zu zensieren?
Williams: Eine solche hypothetische Frage ist schwer zu beantworten. Wir müssen uns an die jeweilig geltenden Gesetze halten. Trotzdem besteht unsere Aufgabe gerade darin, den Informationsaustausch zu fördern. Eine Vereinbarung, die unserem System zu viele Beschränkungen auferlegt, müssten wir also sehr sorgfältig abwägen. Das heißt nicht, dass es unmöglich ist, weil wir vielleicht auch der Meinung sind, dass es auf jeden Fall gut ist, irgendeine Art von Informationsaustausch zu haben. Die Antwort hängt also von der jeweiligen Situation ab.
Timothy, twittern Sie?
Garton Ash: Ich wollte gerade anfangen.
Meinen Sie, jetzt, in diesem Moment?
Garton Ash: Ja, Sie haben mich gerade in dem Moment erwischt, als ich dachte, jetzt könnte ich mal mit dem Twittern anfangen. Mein Sohn, der wahnsinnig gerne twittert, hat mir sehr überzeugend zugeredet, es mal zu versuchen. Ich glaube nicht, dass es der Sprache schadet, sondern sie sogar bereichern könnte.
Sie kennen ja den alten Witz: Warum hast du einen Text mit 2000 Wörtern geschrieben? Weil ich keine Zeit hatte, einen mit 500 zu schreiben. Allerdings bin ich der Meinung, dass es derzeit echte Probleme bei der Auslandsberichterstattung gibt. Die Berichterstattung der ausländischen, bzw. internationalen Medien - der Mainstream-Medien - war ein Schlüsselfaktor bei der "Samtenen Revolution" von 1989 und auch bei der Rosenrevolution 2003 in Georgien und der "Orangenen Revolution" 2004 in der Ukraine. Ich glaube, dass die Art von gründlich recherchierter Reportage, die ich und andere machen, wichtig ist, damit man überhaupt versteht, was vor sich geht.
Williams: Der Meinung bin ich auch. Im besten Fall sind diese Medien eine Ergänzung. Twitter kann sehr nützlich sein, weil dadurch verschiedene Perspektiven und mehr Fakten verfügbar sind, die dann schneller veröffentlicht werden können. Ein Journalist kann diese Fakten sammeln, analysieren und die Spreu vom Weizen trennen, und das ist toll und alle profitieren.
Garton Ash: Ja. Allerdings ist es nicht ganz einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen. Das neue Medium eignet sich auch sehr gut zur Gerüchteverbreitung.
Williams: Das ist der Vorwurf, der dem Internet schon seit den Anfangstagen immer wieder gemacht wird. Aber ich glaube nicht, dass es so schwierig ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Weil im Internet jedermann zu Wort kommt, werden Gerüchte auch schnell widerlegt. Es gibt dort ebenso vertrauenswürdige Quellen wie sonst auch, weil ein guter Ruf im Internet genauso wichtig ist wie außerhalb des Internets. Die Leute lernen das. Wenn jemand sich regelmäßig aus dem Internet mit Informationen versorgt, dann ist er es gewohnt, eine Auslese zu treffen und wird nicht wahllos alles glauben, was er liest.
© 2009 The New York Times Syndicate. Übersetzung aus dem Englischen: Andrian Widmann.
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