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Neue Medien und Revolutionen: Twitternd auf die Barrikaden

Ein Gespräch zwischen Timothy Garton Ash, Historiker des Zusammenbruchs des Kommunismus, und Evan Williams, dem Erfinder von Blogger und Twitter über die Freiheit, die das Internet den Menschen gewährt.

Dieses Bild wurde auf twitpic.com gepostet von der Universitiät Teheran aus mit der Bildunterschrift: MirHossein Supporter .- Unterstützer von Mir Hossein (Mousawi).
Dieses Bild wurde auf twitpic.com gepostet von der Universitiät Teheran aus mit der Bildunterschrift: "MirHossein Supporter" .- Unterstützer von Mir Hossein (Mousawi).
Foto: afp

2009 beging man den 20. Jahrestag der weitgehend friedlich verlaufenen politischen Umwälzungen in Osteuropa, die das Ende des kommunistischen Regimes zur Folge hatten. Im selben Jahr gingen im Iran Hunderttausende auf die Straße, um gegen eine fragwürdige Präsidentenwahl zu protestieren. Einer der deutlichsten Unterschiede zwischen den beiden Ereignissen bestand in der Art, wie Berichte und Bilder verbreitet wurden. 1989 benutzte man Telefon, Fax und Radio; 2009 wurden Informationen in Echtzeit durch Handys und das Internet übermittelt. Über diese Entwicklung sprachen zwei Menschen, die sich mit den Protestbewegungen von heute und damals auseinander gesetzt haben. Die Fragen stellte ein Journalist von der New York Times.

Spielen die neuen Kommunikationstechnologien bei Revolutionen eine Rolle? Erleichtern sie den Aufstand gegen das herrschende System?

Zu den Personen

Timothy Garton Ash, geboren 1955 in London, ist Historiker und Schriftsteller. Er forscht vor allem über europäische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu seinen ins Deutsche übersetzten Veröffentlichungen gehören "Freie Welt: Europa, Amerika und die Chance der Krise" und "Zeit der Freiheit: Aus den Zentren des neuen Europa" (beide bei dtv). Sein jüngstes Buch ist bisher nicht auf Deutsch erschienen: "Facts are Subversive: Political Writing from a Decade without a Name" (als Hardcover bei Atlantic Books).

Evan Williams, geboren 1972 in Nebraska, USA, hat bereits mehrere Internet-Unternehmen gegründet. Mit seiner Firma Pyra Labs entwickelte er unter anderem die Webseite Blogger.com; Pyra Labs wurde von ihm 2003 an Google verkauft.

Im Jahr 2007 gründete Williams mit Biz Stone und Jack Dorsey die Firma Twitter, von den drei Gründern war zuvor die gleichnamige erfolgreiche Software entwickelt worden. sy

Der Historiker Timothy Garton Ash.
Der Historiker Timothy Garton Ash.
Foto: Getty Images

Garton Ash: Ich glaube schon, dass sie das Potential dazu haben, aber es funktioniert nicht automatisch. Vor zwanzig Jahren las ich einen Artikel, dessen Titel in etwa lautete: "Das Fax ist der Schlüssel zur Freiheit". Natürlich hat das Fax niemanden befreit, und es gibt auch keine andere Technologie, die einen universalen Schlüssel zur Freiheit darstellt.

Die Technik war 1989 im Vergleich zu heute unglaublich primitiv: keine Email, keine Handys oder Laptops, kein Internet, kein Facebook, YouTube oder Twitter! Damals hatte man Schreibmaschinen, Radiosender, wie Radio Free Europe und die BBC, und schließlich das Fernsehen. Das Fernsehen hatte am meisten Einfluss. Wie man vielleicht weiß, trug der Bericht, der gegen 22:30 Uhr am 9. November ausgestrahlt wurde, und in dem der Nachrichtensprecher sagte, dass die Mauer offen sei - was zu diesem Zeitpunkt nicht stimmte - maßgeblich zur tatsächlichen Öffnung bei, weil so viele Menschen den Fernseher ausmachten und zur Mauer strömten.

Evan Williams hat blogger.com und danach Twitter erfunden.
Evan Williams hat blogger.com und danach Twitter erfunden.
Foto: rtr

An vielen Orten wurde darum gekämpft, dass die Ereignisse im staatlichen Fernsehen übertragen wurden. Während der "Samtenen Revolution" stand ich am Wenzelsplatz in Prag und die Menschenmenge skandierte: "Liveübertragung, Liveübertragung!" Ich erinnere mich an einen hohen kommunistischen Parteigenossen, der zu einem Solidarnosc-Führer sagte: "Wir würden euch eher die Polizei kontrollieren lassen als das Fernsehen."

Evan, es hat Sie doch bestimmt sehr gefreut zu sehen, wie Ihre Erfindung bei den Protesten im Iran zum Einsatz kam.

Williams: Auf jeden Fall. Zunächst einmal waren wir natürlich voller Bewunderung und Respekt für die Menschen, die dort in vielen Fällen ihr Leben riskierten. Unsere Aufgabe sahen wir vor allem darin, die einwandfreie Funktion des Systems zu gewährleisten und es eventuell noch zu verbessern. Wenn man jetzt ahnt, welches - wirklich erstaunliche - Potential eine solche Anwendung birgt, dann wird uns klar, dass unsere Arbeit doch eine viel größere Tragweite hat, als man es bis jetzt vermutete.

Jedenfalls haben uns die Ereignisse dazu angespornt, unser Projekt noch mehr Menschen zugänglich zu machen. Bei der Entwicklung von Twitter hatten wir natürlich nicht an Revolution gedacht. Aber wir haben gesehen, dass es die Menschen ermutigen kann, weil sie auf diese Weise erfahren, dass andere Menschen ganz ähnliche Ansichten haben und auch bereit sind zu handeln. Diese Technologien machen das Internet zu dem, was es von Anfang an sein sollte: ein Werkzeug zur Demokratisierung des Informationsflusses.

Vor zehn Jahren habe ich ja auch "Blogger" entwickelt, einer der ersten wirklich erfolgreichen Internetblogs. Damals dachte ich mir nicht allzu viel dabei. Es ging nur darum, eine möglichst einfache Methode des Gedankenaustausches anzubieten. Ich glaube nicht, dass dadurch irgendwelche Revolutionen ins Rollen kamen, aber ich weiß ganz sicher, dass es Menschen in autoritären Staaten die Freiheit gewährte, ihre Meinung zu äußern. In vielen Fällen war das einen revolutionärer Akt.

Garton Ash: Ich sehe hier ein gigantisches Potential. Man denke an Burma 2007, als die Leute sich gegenseitig Fotos von den Demonstrationen und den Gewaltakten der Polizei auf ihre Handys schickten, oder an die Rolle, die Twitter im Iran spielte, oder an Facebook und YouTube; diese Technologien geben den Unterdrückten ein wirksames Machtinstrument an die Hand.

Sie können nicht das ersetzen, was es braucht, um einen Umsturz herbeizuführen, nämlich den Willen und den Mut vieler Menschen, auf die Straße zu gehen und etwas zu verändern. Aber sie gewähren doch eine gewisse Freiheit. Ich glaube, die Existenz dieser Technologien macht es den Diktatoren schwerer, die Menschen zu kontrollieren.

Wenn man an die befreiende Wirkung eines demokratisierten Informationsflusses glaubt, dann sollten wir tatsächlich auch dazu beitragen, diese Idee zu verwirklichen. Die Entwickler von Informations- und Kommunikationstechnologien sollten sich meiner Meinung nach vor allem darum kümmern, wie Leute in totalitären Staaten zunächst einmal Zugang zum Internet bekommen. Evan, es ist ja wohl so, dass du bei deiner Arbeit vor allem an die Anwender in den freien Teilen der Welt denkst, oder nicht?

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Datum:  30 | 12 | 2009
Seiten:  1 2
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