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Neue Sachlichkeit: Schonungslos durchs welke Fleisch

Dresden blickt zurück auf die Zwanzigerjahre, als die Maler der Neuen Sachlichkeit die Abgründe der Epoche sezierten. Eine Schau im Lipsiusbau.

An die Schönheit, veristisches Sündenbabel mit Dix selbst,1922 (Ausschn.)
"An die Schönheit", veristisches Sündenbabel mit Dix selbst,1922 (Ausschn.)
Foto: SKD/LEIHGABE VAN DER HEYDT MUSEUM WUPPERTAl/VG BILD Kunst Bonn

Ausgerechnet ein Schlager brachte um 1925 auf den Punkt, was deutsche Maler damals auf ihren Leinwänden anstellten: "Sachlichkeit liegt in der Luft" trällerte es von Bühnen, aus Grammofonen - und aus den ersten Radios, deren Hörerzahl sich von ein paar Hundert noch im Gründungsjahr des Deutschen Rundfunks 1923 bis 1926 auf über eine Million erhöht hatte.

Der Stil der Neuen Sachlichkeit löste den übermächtigen Expressionismus ab, wurde regelrecht Mode. Das heißt, ein kühles Pathos der kritischen, schneidend realen (veristischen), gern auch satirischen Wiedergabe der Wirklichkeit hielt Einzug in die Ateliers. Genannt seien die Protagonisten: Otto Dix, George Grosz, Georg Schrimpf, Christian Schad, Rudolph Schlichter, Käthe Kollwitz mit ihrem Sozialen Realismus, Konrad Felixmüller, Franz Radziwill, Kurt Querner, Hans Grundig, Wilhelm Lachnit. Und ausgerechnet das historienversessene Dresden wurde zu einem Zentrum der Neuen Sachlichkeit.

Diesem Phänomen widmen die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden nun eine eigene Ausstellung. Die Bildversammlung im Lipsiusbau an der Brühlschen Terrasse bietet den Vergleich zu anderen Kunstzentren jener Jahre, zu Berlin, Leipzig, Düsseldorf, Hannover, wo der Stil des kühlen Pathos aufkam, bis die Nazis die meisten der Maler als "Entartete" aus Museen und Kunstschulen jagten. Die Bilder von 70 Malern füllen die Ausstellungshalle mit 140 Gemälden und 40 Zeichnungen. Die Porträts und Szenen schildern in kühler Distanz und messerscharfer, mit spitzem Pinsel gemalter Körperlichkeit das Leben der "Goldenen Zwanziger". Viele Gemälde stammen aus der Galerie Neue Meister. Ergänzt von Leihgaben, ermöglicht das Aufgebot einen so noch nie gegebenen Überblick über eine Strömung, die jene von Inflation, kurzer Stabilisierung und politischen Unruhen geprägte Zeit der Weimarer Republik beleuchtet. Dix selbst bezeichnete später den peniblen Zeichenunterricht an der Dresdener Akademie als Basis des veristischen Stils. Desillusionierende Bilder von Arbeitslosen, Kriegsinvaliden und Huren entstanden parallel zu Porträts von Arbeiterfrauen und armen Kindern. Irgendwie dringt aus all den Motiven der Wunsch nach Veränderung der Lebensumstände. Curt Querner, Rudolf Bergander, Willy Wolff, Studenten aus dem Malsaal von Dix, machten in ihren Bildern die Weltwirtschaftskrise zur Kulisse und die Armen davor zu deren Opfern, die auf kein Mitleid hoffen durften.

Das Spektrum des schnörkellosen Stils ist frappierend. Da finden sich, allen voran bei Dix, beißende Ironie neben altmeisterlicher Virtuosität. "Drei Weiber" von 1926 greifen Mittel der Renaissance und des Manierismus auf, um die Bordell-Szenerie, dieses vernutzte, welke Fleisch der käuflichen Liebe sogleich ins Groteske zu verzerren, bis hin zur Verballhornung von Cranachs "Venus" in Gestalt einer ausgemergelten jungen Hure. Und da hängt düstere Sozialkritik - so Querners "Demonstration" von 1930 - neben neuromantischen Stadtmotiven wie Radziwills "Hinterhäuser in Dresden" (1931), neben Lachnits traurigem "Mädchen im Pelz", Grundigs "Arbeitsloser Zigarettenarbeiterin" (beide 1925) oder Franz Lenks magisch verfremdetem Stillleben einer Gießkanne.

Im Dunstkreis der Dresdener Kunstakademie wurde Dix zur Leitfigur der Bewegung. Der einstige Student und spätere Professor, den die Nazis 1933 aus dem Amt warfen, malte Gesellschaftsbilder, in denen er das verdorbene Großstadtleben in böser, zugleich genussvoller Bildschärfe zeigte. Auf der Tafel mit dem zynischen Titel "An die Schönheit" von 1922 steht der Maler selbst im feinen englischen Zwirn mit dem Telefonhörer vor einer Jazzband, deren schwarzer Drummer sich aufs Schlagzeug das Profil-Konterfei eines Indianerhäuptlings im Kriegsschmuck gesetzt hat. Puppenartige Frauen und steife Kellner geben das skurrile Beiwerk der Szene ab. Die Bildverweise verschachteln sich förmlich ineinander, die Figuren agieren wie in Trance, als würden sie fremdgelenkt. Der Maler schaut wach, skeptisch, lauernd aus dem Bild heraus - ist Dandy und unerbittlicher Berichterstatter (Telefon!) zugleich, Fremdkörper und doch ganz Teil seiner kaputten Zeit.

Dix malte etliche solcher Szenen: Die Frauen tragen flaumige Boas, Charleston-Kleider, Federschmuck im Haar. Jazzmusiker und Tänzer - Dix selbst war ein leidenschaftlicher Jimmy-Tänzer - Bohemiens und Obdachlose, Kriegskrüppel, Bühnenmädchen und Dirnen stellen das Bildpersonal. Unverhohlen und desillusionierend zeigt der Maler das fragwürdige Vergnügen und die hässliche Fratze der Nacht, die ausspuckt, was kein Zuhause hat.

Aber Dix malte 1921 auch mit Wahrheitssinn und in Liebe das einzigartige - für künftige Elternbildnisse deutscher Maler wegweisende - Bildnis von Mutter und Vater. Die Gesichter und Hände der beiden Alten sind vom Leben, von schwerer Arbeit gezeichnet; es sind proletarische Gestalten. Eine Szene ohne Sentimentalität, entstanden nur aus der Wahrheit der fünf Sinne.

Dresden, Lipsiusbau, an der Brühlschen Terrasse. Bis 8. Januar 2012. Der Katalog kostet in der Ausstellung 25 Euro.

Autor:  Ingeborg Ruthe
Datum:  7 | 11 | 2011
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