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Neuer Chef des Frankfurter Literaturhauses: Poesie als feste Bleibe

Es wird spannend: Hauke Hückstädt verspricht einen neuen Ton für eine wichtige literarische Institution in Deutschland. Am 1. Juli nimmt er die Arbeit als Chef des Frankfurter Literaturhauses auf. Von Claus-Jürgen Göpfert

Hauke Hückstädt heißt der designierte Chef des Frankfurter Literaturhauses.
Hauke Hückstädt heißt der designierte Chef des Frankfurter Literaturhauses.
Foto: Lit. Zentrum Göttingen

Es wird spannend. Denn Hauke Hückstädt verspricht neue Akzente, einen neuen Ton für eine wichtige literarische Institution in Deutschland. Der designierte Leiter des Frankfurter Literaturhauses, der am 1. Juli seine Arbeit beginnt, nennt "Poesie mein Zuhause".

Der 40-Jährige schreibt selbst Gedichte, bringt aber auch biografische Erfahrungen und Prägungen mit, die für die Kulturszene in der europäischen Banken-Metropole ungewöhnlich sind: Geboren im Städtchen Schwedt an der Oder in der DDR, ist er mit knapp 15 Jahren zusammen mit den Eltern nach politischen Repressionen in die Bundesrepublik ausgereist.

Größer könnten die Gegensätze kaum sein zur Italienerin Maria Gazzetti, die über Gabriele d´Annunzio promoviert und italienische Literatur ins Deutsche übersetzt hatte, bevor sie seit 1995 das Frankfurter Literaturhaus führte. Hückstädt war als Jugendlicher ein Protagonist des DDR-Leistungssports, errang in seiner Altersklasse die Vizemeisterschaft im Ruder-Vierer mit Steuermann, bevor er aus seinem Verein "rausgeschmissen" wurde. Denn sein Vater, der Maler Eberhardt Hückstädt, hatte nach heftigen Querelen mit der Stasi einen Ausreiseantrag gestellt.

"Es war ein Knacks in der Biografie, alle meine Wurzeln wurden gekappt", sagt der Sohn heute zum Wechsel in den Westen - und dieser Bruch wirkt nach. Das Verlangen nach materieller Sicherheit brachte ihn dazu, in der Bundesrepublik erst einmal eine Tischlerlehre zu absolvieren. "Ich bin also auch ein handwerklicher Praktiker", sagt er stolz. Gedichte schrieb er damals noch im Verborgenen, mit 23 Jahren veröffentlichte er das erste in der Zeitschrift "Die Horen".

Hückstädt macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für den russisch-amerikanisch-jüdischen Dichter und Nobelpreisträger Joseph Brodsky: "Er ist mein ganz großes Erlebnis". Nach dem Studium von Germanistik und Geschichte arbeitet er bei der Hannoveraner Expo 2000, von 2000 bis heute baute er das Literarische Zentrum in Göttingen auf.

Die Erfahrungen aus diesem Jahrzehnt wird er in Frankfurt nutzen können. Hückstädts Motto heißt: "Aus eigener Kraft". Kulturelle Institutionen könnten sich weniger denn je öffentliche Unterstützung erhoffen: "Es wird immer enger mit den Subventionen". Das Literarische Zentrum wurde zwar von der Stadt und vom Land Niedersachsen gefördert - aber der Direktor verdreifachte den Etat vor allem mit der Hilfe privater Sponsoren. Und einer der verdeckten Vorwürfe gegen Maria Gazzetti zuletzt seitens der Stadt Frankfurt war ja, sie laste das Literaturhaus wirtschaftlich unzureichend aus.

Ihr designierter Nachfolger zitiert da gerne aus dem Abschlussbericht 2008 der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestages. Der enthält 400 Empfehlungen zur Verbesserung der Lage kultureller Institutionen und den hübschen Leitsatz: "Kultur ist kein Ornament, sondern das Fundament unserer Gesellschaft". Das, meint Hückstädt, müssten auch beim Literaturhaus Frankfurt "alle Beteiligten ernst nehmen". Spiele doch die Literaturstadt Frankfurt "die wichtigste Rolle im deutschsprachigen Raum" mit der Frankfurter Buchmesse, dem Deutschen Buchpreis, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Das ist mal ein Wort. Aber was ist mit Berlin, was mit dem jüngsten Verlust des Suhrkamp Verlages an die Hauptstadt? Da lächelt der Mann aus Göttingen. "Ein bisschen Phantomschmerz nach dem Umzug von Suhrkamp steht Frankfurt gut an - das ist ein großer Impuls für neue Aktivitäten". Und er ruft Suhrkamp noch ein "Leute kommen und gehen" nach.

Wenn Hückstädt, noch Lehrbeauftragter an der Georg-August-Universität in Göttingen, jetzt nach Frankfurt kommt, kann er auf viele Beiträge in Tageszeitungen (darunter der FR) und Literaturzeitschriften, in Anthologien und auf zwei eigene Gedichtbände verweisen. In seinem Buch "Neue Heiterkeit" von 2001 gerät die literarische Rückreise in die DDR zum "Ausflug in Erinnerungslücken". Und zum Wechsel von Ost nach West schreibt er:

"Die Abrissbirne pendelt zwischen Gut und Böse,

sie korrigiert das Fettgesetzte

im Geschichtsbuch der achten

Klasse".

Zum Schreiben wird Hückstädt künftig weniger Zeit bleiben. Er wird darum kämpfen müssen, für das Literaturhaus Frankfurt ein Profil zu entwickeln, das klarer und eindeutiger ist als das heutige. Und dafür nicht nur die Hilfe von Sponsoren, sondern auch die Unterstützung der heimischen Verlage und Autoren zu bekommen - bisher ist es ein Kennzeichen der Literaturszene am Main, dass viele Akteure getrennt voneinander vor sich hin werkeln.

Maria Gazzetti hat sehr engagiert für das Literaturhaus und für ihr Programm gekämpft - in den Augen städtischer Verantwortlicher stempelte sie das am Ende fast zur Querulantin ab. Dass der Lyrik-Liebhaber Hauke Hückstädt, der Mann mit den DDR-Wurzeln, ein bequemerer Partner sein wird - diese Annahme könnte sich am Ende als Trugschluss erweisen. Es genüge nicht, dass Frankfurt ein kultureller Tanker sei, sagt Hückstädt: "Es kommt darauf an, was der Tanker geladen hat und wohin die Reise geht".

Autor:  Claus-Jürgen Göpfert
Datum:  2 | 2 | 2010
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