Angestellte, die 25 Jahre im selben Betrieb gearbeitet haben, kriegen als Dankeschön vom Arbeitgeber einen Strauß Blumen überreicht, manchmal auch eine Flasche Wein. Bei Peter Frey ist die Belohnung etwas größer ausgefallen: Der 52-Jährige hat zum Dienstjubiläum gleich die Verantwortung für einen halben Fernsehsender geschenkt bekommen.
Im Dezember ist der bisherige Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios zum neuen Chefredakteur des Senders gewählt worden, wenige Wochen bevor er im Januar seinen Einstand feiern konnte, der ein Vierteljahrhundert zurück liegt. Heute übernimmt Frey die Nachfolge von Nikolaus Brender, dessen Vertrag vom Verwaltungsrat auf Drängen des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch nicht verlängert wurde - trotz vehementen öffentlichen Protesten.
Brender ist in dieser Zeit zum Star journalistischer Unabhängigkeit avanciert. Und Frey muss nun den ins Unermessliche gestiegenen Erwartungen gerecht werden - in einem Sender, bei dem immer erst gefragt wird, welcher politischen Richtung jemand "zugerechnet" wird bevor man sich dessen Namen merkt.
"Das ZDF ist nach den Ereignissen des vergangenen Jahres emotional wundgescheuert", sagt Frey. "Wir müssen ein Stück Glaubwürdigkeit zurückgewinnen." Wobei mit "wir" vor allem er selbst gemeint ist, von dem dieses Kunststück erwartet wird. Vielleicht wäre eine Flasche Wein oder ein Strauß Blumen stattdessen doch nicht so übel gewesen.
Frey ist der erste Chefredakteur, der seine journalistische Karriere innerhalb des Senders absolviert hat. Mitte der 80er fing er als Redakteur und Reporter beim "heute journal" an, berichtete aus Spanien, Polen, Mexico und Nicaragua. Er war Referent des ehemaligen Chefredakteurs Klaus Bresser und Korrespondent im Studio Washington. In Berlin half er, das "ZDF-Morgenmagazin" aufzubauen, ging zurück nach Mainz, um die Redaktion Außenpolitik zu leiten, und wieder nach Berlin als Chef des Hauptstadtstudios. Er moderierte "Berlin direkt" und stand regelmäßig für "heute" vorm Reichstag, um die politische Lage zu bewerten. Sein Lebenslauf liest sich wie eine unterschwellige Bewerbung zum Chefredakteur. Und doch merkt man Frey an, dass er sich schweren Herzens von der jetzigen Aufgabe trennt.
"Journalismus an der Front"
"Die letzten Jahre waren eine großartige Zeit. Ich weiß, dass ich das vermissen werde", sagt er über den "Journalismus an der Front" im Berliner Politbetrieb. Dabei war auch das anfangs eine Bewährungsprobe: "Ich habe das damals als journalistischen Neuanfang empfunden", erinnert er sich - weil die unmittelbare Nähe zur Politik ihre eigenen Spielregeln hat, die erst gelernt und verstanden werden müssen. "Als die große Koalition kam, war ich wieder mittendrin."
Bei "Berlin direkt" war Frey die Lust an der journalistischen Auseinandersetzung förmlich anzusehen. Im Interview mit Generalsekretären und Parteivorsitzenden gab es Momente, in denen er sich kaum zurückhalten konnte, sobald Gesprächspartner auszuweichen versuchten. Frey hat unterbrochen, nachgefragt und Widersprüche aufgezeigt, wie es von einem politischen Journalisten erwartet wird. Im Rampenlicht stand er eher selten.
Nur einmal, im vergangenen Sommer, gab es richtig Ärger, als sich Oskar Lafontaine im Sommerinterview von Frey zu hart angegangen fühlte und die Linke nachher gegen die angebliche Unfairness wetterte. Dabei hat Frey nur seinen Job gemacht.
"Sichtbarer Chefredakteur"
Auf dem Bildschirm wird Frey künftig nicht aber mehr so oft zu sehen sein. Er habe sich aber vorgenommen, im Programm präsent zu sein, als Kommentator und in der Fragesendung "Was nun?", die wieder regelmäßig auf Sendung gehen soll: "Ich will ein sichtbarer Chefredakteur sein."
Einer, der sich nicht scheut, eine eigene Meinung zu haben, ist er jetzt schon. Erstaunlich kritisch äußert sich Frey über das neue Nachrichtenstudio des ZDF, das im vergangenen Jahr wegen seiner ungewohnten Optik für Diskussionen sorgte: "Da wurde eine Menge Arbeit geleistet. Aber ich bin mit dem Resultat nur eingeschränkt zufrieden. Die Präsenz der Moderatoren hat im neuen Studio gelitten. Das dient nicht der Zuschauerbindung." Genau die will Frey wieder stärken und beim Publikum beliebte Moderatoren öfter außerhalb der Nachrichten einsetzen.
Nicht jedem im ZDF werden die Ankündigungen des neuen Chefs gefallen. Immerhin hat Frey so was wie eine inhaltliche Inventur der Eigenformate vor: "Jedes Programm muss sich streng prüfen lassen: Was unterscheidet es von anderen?" Nach einer leichteren Gangart als zuletzt unter Brender hört sich das nicht an. Dennoch kann dem ZDF gerade nichts Besseres passieren, als dass wieder über Inhalte geredet wird.
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