Am Ende aller Sehnsucht, aller Mühen und allen Wehs steht Heiterkeit. Selbst die verwahrloste Welt der Finanzspekulanten trägt am Ende noch dazu bei. Zwar würde Leonard Cohen ohne die korrupte Anlageberaterin, die ihn Mitte des letzten Jahrzehnts um seine gesamten Ersparnisse brachte, heute vielleicht buddhistisch entspannt auf irgendeinem Berg des Himalaya oder weise vor einem kühlen Wein in einem Strandhaus in Malibu sitzen und die Stille genießen.
Doch so muss er, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, immer noch unermüdlich durch die Welt touren, was er zu unserem und offenbar auch dem eigenen Vergnügen federnd wie ein Junger tut, und nun schiebt er uns sogar noch ein neues Album hin.
„Old Ideas“ ist seine erste Veröffentlichung seit gut sieben Jahren, und naturgemäß kann man es nicht einfach als weiteres Cohen-Album behandeln. Cohen geht forsch auf die 80 zu, was – da kann der Alte noch so kregel musizieren – die Schaffensperspektive betrüblich einengt.
Doch bei allen Abgründen aus Vergänglichkeit, Schuld und Begehren, die er in seinem Werk bis zum Rückzug ins buddhistische Kloster in den Neunzigern aufreißt, gewinnen seine Songs gerade durch die Fallhöhe von sehnsüchtiger Zärtlichkeit und der nachlässigen Kühle des Verführers und Lebemanns. Immerhin reicht sein Repertoire von trostlosesten Liebesgeschichten über dunkelromantischste Anrufungen bis zu der von Phil Spector produzierten songgewordenen Sauftour mit Bob Dylan und Allen Ginsberg, die dem Hörer empfiehlt: „Geh nicht heim, solang dein Ständer steht“.
Süße Damenchöre
Eine angenehm knappe Alterscoolness schimmert durch die Kargheit der neuen Songs. „Ich habe keine Zukunft/ meine Tage werden knapp/ ich dachte, wenigstens die Vergangenheit würde bleiben/ aber die Dunkelheit schnappt sich auch die“ singt er in dem Blues „Darkness“ (siehe Hörprobe), und dunkel bleibt der bevorzugte Ton des Albums – es ist in jeder Hinsicht ein Werk des Alters.
„Old Ideas“ bezieht sich dabei auch darauf, dass einige Stücke bereits länger auf ihre Einspielung warteten. Zudem gab es für Cohen natürlich keinen Grund, sein Themenfeld besonders zu erweitern: Wer sich schon immer in der Nähe der letzten Dinge bewegt hat und ihre Zumutungen erforschte, knickt sicher nicht auf den letzten Metern ein. In dieser Gewissheit beginnt das Album mit „Going Home“, worin er im Gespräch mit seinem jüngeren Ich schließlich doch noch, befreit von den öffentlichen Masken, von Last und Sorgen und all dem, heim geht.
Es scheint, muss man sagen, ein schöner Heimweg, den er mit dem in sich selbst versinkenden Song mit seiner kleinen Streicherschlaufe, ein paar matten Banjozupfern und fernen Orgelakkorden antritt. Ein bisschen lichtlos und schattig; aber auch gelassen und ohne Stolpersteine, von sachten Gitarren, öfter auch wimmernden Hammonds und Steelguitars begleitet; hin und wieder streicht eine Geige oder ein Kornett vorbei, und an allen Ecken rufen wehe, süße Damenchöre einen herzzugewandten Gruß.
Doch auch wenn es sich stets und bis in die gebrechliche Physis der einsamen Instrumente ums Vergehen in den Tod dreht, gibt Cohen nie Anlass zu Rührung und Sentimentalität, jedenfalls nicht sehr: „Ich weiß, dass du mich hassen musst, Baby“, seufzt er in „Anyhow“, wo er eine Exfreundin um die Gnade eines letzten Beischlafs bittet: „Aber vielleicht ginge es ein bisschen weniger?“
Und wer würde nun gerade ein Banjo, dieses in fast jeder Beziehung schäfchenhafte Instrument, als Chiffre seiner Nemesis wählen? Im gleichnamigen schläfrig swingenden Folkblues singt er: „Es kommt mich holen, Darling, egal wohin ich gehe. Es ist seine Pflicht, mich zu verletzen, aber meine ist es, das zu wissen.“
Singen ist hier nicht ganz wörtlich gemeint
Singen, sollte man wohl sagen, ist hier aber nicht ganz wörtlich gemeint. Schon immer bestand der spezielle Reiz von Cohens Musik darin, den schüchternen Arrangements und der Poesie der Texte seinen etwas lauernden, lebensmüden Bariton entgegenzusetzen. Dessen begrenzte Bandbreite stand der Ausdruckskraft bekanntlich nie im Weg. Auf „Old Ideas“ reduziert er seine Reichweite bis ins Reglose; dennoch übernimmt die Stimme ganz die Performerrolle. In ihrer Altersform, deren Cohen sich offenbar fröhlich bewusst ist, schnarrt sie manchmal mit etwas giftiger Renitenz wie der alte Dylan, anderswo mit einer Ahnung von Tom-Waits-Röcheln; manchmal lungert sie als tief resonierendes Brummen herum, dass man ihren Atem am Ohr spürt.
Neben der Stimme hält auch diesmal wieder eine chorgestützte Hymnik das Album zusammen, die jeden bitteren, brüchigen Ton gnädig zu wärmen sucht. Doch anders als zuletzt arbeitet Cohen als weiteres Zeichen der Rückbesinnung aufs Wesentliche nah an den volkstümlichen Genres Folk, Country und Blues. In den Texten stimmt er seine bewährten Themen des Haderns mit Gott, Liebe und Lust an, aber in der Ahnung des Todes nur noch murmelnd auf ein paar kernige Erwägungen gestutzt – wie im Selbstgespräch, während er fern den Himmelschor ahnt. Die Musik dazu klingt meist so schlurfend und abgehangen, als räume er schon mal das Studio auf.
Man mag hier die Konsequenz bewundern, mit der Cohen Aussichtslosigkeit und Dunkelheit variiert. Er hat wohl seinen Unfrieden mit der Welt gemacht. Die schleichende Schönheit dieses Albums liegt jedoch in der fast kitschig selbstgewissen Leichtigkeit, mit der er hier in die Zielgerade biegt.
Leonard Cohen: Old Ideas (Sony)
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