Ist das womöglich die Stimme der Vernunft? Diese Stimme, die immer kurz vorm Überschnappen scheint? Diese Stimme, in der immer Apokalypse herrscht? Diese Stimme aus den Achtziger Jahren, die plötzlich wieder so aktuell klingt? Ist die Stimme von Peter Hein womöglich die Stimme zur Zeit?
Dass Peter Hein zu Anfang des Jahrtausends die Fehlfarben reformierte, das war schon seltsam. Auch dass sie nun schon ihr drittes Album seit dem Comeback herausbringen, war nicht zu erwarten. Dass aber "Glücksmaschinen" auf der Höhe der Aktualität agiert, das ist wirklich wundersam. Plötzlich sind die Fehlfarben wieder da, singt Peter Hein, "alle die Gestalten aus Deiner alten Welt, von der Du dachtest, ihre Tage wärn gezählt".
Exakt drei Dekaden ist es her, dass die Düsseldorfer Band ihren Meilenstein "Monarchie und Alltag" aufnahm und die dunklen Achtziger einläutete. Das war vor Jahren, aber nicht wenige halten dieses epochale Debütalbum, das sogar Klamauk und Ausverkauf der Neuen Deutschen Welle unbeschadet überlebte, für die wichtigste deutsche Popplatte aller Zeiten, für ein zeitloses Werk. Und wirklich: Jeder einzelne Song klingt noch immer sehr heutig.
Im Vergleich dazu prangt auf den Stücken auf "Glücksmaschinen" ein ungleich kürzeres Verfallsdatum. Durch die Texte geistern "Werbepartner schon längst im Pleitegrab" und "besoffene Islamisten", explodierende Aktienkurse, Optimierer, Sanierer, Modernisierungsverlierer und brave Steuerzahler, aber auch die Tröstungen, die die schöne neue Welt der Social-Networking-Webseiten bereithält: "Man wusste doch nie, ob man wirklich Freunde hat. Erst der Freundezähler hats an den Tag gebracht."
Der Sommer nach der Krise
Das große Thema aber ist "der Sommer der Transferleistung, der Sommer nach der Krise". Doch, stellt Hein fest, verändert hat sich nichts: Die bösen Banker spekulieren wieder mit virtuellem Geld, die alten falschen Versprechen sind erneuert und "unser Zug fährt durch trotz Haltesignalen". Wie in einem hochaktuellen, politischen Puppentheater werden die Protagonisten der Ausbeutung, die Hohlköpfe aus den Chefetagen und die duldsamen Krisenopfer auf die Bühne gezerrt. Der Wachtmeister macht zwar Urlaub, aber Hein spielt den Kasper und haut kräftig zu.
Denn hier sind die Fronten noch klar verteilt, schreit der mittlerweile 52-Jährige in "Wir warten (Ihr habt die Uhr, wir die Zeit)" über einem böse rollenden, fast schon Heavy-Metal-tauglichen Rhythmus: "Wissen, Wissen, das ist Macht. Glaubst Du etwa daran? Wer lernt, wie man Macht ausübt, kein Gewissen haben kann." Ja, das ist pessimistisch, antimodernistisch, vielleicht sogar konservativ. Sicher, die Grenzen zwischen Gut und Böse verschieben sich immer weiter, es gibt sie vielleicht gar nicht mehr. Vielleicht aber wollen uns das die da oben auch nur einreden? Wer weiß das schon. Wer will das rausfinden?
Peter Hein schon. Vor dreißig Jahren sang er noch: "Wir tanzten bis zum Ende zum Herzschlag der besten Musik/Jeden Abend, jeden Tag, wir dachten schon, das ist der Sieg." Heute singt er, muss er singen: "Wir haben Angst, aber leider keine Zeit dafür." Dieser Ausweglosigkeit setzt er das Einzige entgegen, was dem noch bleibt, der weiß, dass die alten Ideale nicht mehr zählen: Die Freiheit, trotzdem zu sagen, wo der Feind sitzt. Immer noch sitzt.
Aus dieser antiquierten Position heraus entsteht trotz allem große Musik. Die wenigen altbacken wirkenden Sätze werden weggewischt von einer Rockband, die seit ihrem Comeback nicht mehr so überzeugend unwirsch klang. Unter der Regie von Moses Schneider, der momentan alles produziert in Deutschland was gut und wichtig ist, schwellen die Rhythmen zu einem Grollen an, stoßen die Gitarren Verzweiflungsschreie aus. Diese Musik ist nicht schön, die Texte sind nicht immer elegant. Aber die Fehlfarben haben etwas, was anderen abgeht: Eine Haltung. Und die hat immer auch mit Stil zu tun. Hein ist jemand, der eine andere Band schon mal dafür lobte, dass sie Anzüge trug, deshalb konnten Angelika Express "keine Arschlöcher sein".
Was heißen soll: Revolution, gut und schön, aber man sollte schon dazu tanzen können. Deshalb gibt es die Fehlfarben wieder und immer noch. Deshalb singt Peter Hein, immer die drängende Verzweiflung in der Stimme, deklamierend und belehrend, doch ohne Oberlehrer-Timbre, von den Niederlagen, vom Bösen in der Welt und den kleinen Fluchten ins Nichts. Denn schlussendlich, und davon berichtet niemand schöner und, ja auch, vernünftiger als Peter Hein, kann man an dieser Welt, an diesem Leben nur scheitern. Also singt Freund Hein schlussendlich immer nur von einem: Vom Scheitern. Und davon, wie man das ertragen kann: Wenigstens in Würde. Es ist ein kleiner Trost. Aber es ist ein Trost. Mehr hat selbst die Stimme der Vernunft nicht im Angebot. Das ist alles, nach all den Jahren.
26.3.Lingen, 27. 3. Worpswede, 28. 3. Hamburg, 29.3. Nürnberg, 30. 3. München, 31.3. Salzburg, 1. 4. Wien, 2. 4. Luzern, 3. 4. Freiburg, 4. 4. Schorndorf, 5. 4. Regensburg, 6.4. Rüsselsheim, 7.4. Köln, 8.4. Leipzig, 9.4. Berlin, 10.4. Düsseldorf
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