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Neues Album von Massive Attack: Zurück auf Anfang

Melancholische Beats und abgeklärt suizidale Melodien: Massive Attacks neues Album "Heligoland" ist auf dem Markt. Von Thomas Winkler

Das neue Album ist auf dem Markt.
Das neue Album ist auf dem Markt.
Foto: emi

Der Weg war lang. Er führte hinein in die Clubs, dann hinaus in den Mainstream und wieder heraus. Sie sahen Politiker kommen und gehen, eine Premierministerin wurde abgewählt, die Nachfolger enttäuschten all die Hoffnungen. Mehr als zwei Jahrzehnte dauert sie nun schon, die Reise. Doch jetzt scheint es so, als kämen Massive Attack mit ihrem neuen Album "Heligoland" genau dort wieder an, wo sie einstmals angefangen hatten.

Nicht nur sind Massive Attack im Jahre 2010 genauso offen strukturiert wie zu ihren frühen Tagen. Robert Del Naja, genannt "3D", und sein Sidekick Grant "Daddy G" Marshall bilden ein Zentrum, um das wie gewohnt ein Universum aus Zuarbeitern, Inspiratoren, Ideengebern kreist. Diesmal waren Damon Albarn, Hope Sandoval, Tim Goldsworthy, Guy Garvey (Elbow), Tunde Adebimpe (TV On The Radio), Adran Utley (Portishead) und auch die langjährige Kollaborateurin Martina Topley-Bird dabei. Vor allem aber klingen Massive Attack trotz der fließenden Organisationsform plötzlich wieder so, wie sie schon in den frühen Neunziger Jahren klangen.

Massive Attack: "Heligoland"

Damals waren Massive Attack die Speerspitze dessen, was dann TripHop getauft wurde. Mit "Blue Lines", einem Album, das das damals sogar noch anarchischer organisierte Sound System eigentlich gar nicht hatte herausbringen wollen, setzte man nicht nur Bristol auf die musikalische Landkarte, sondern goss auch den herrschenden Zeitgeist in melancholisch tröpfelnde Beats und abgeklärt suizidale Melodien. Der Kapitalismus feierte seinen Sieg im kalten Krieg, aus den Katakomben des wiedervereinigten Berlin dröhnte Techno und niemals klang der Kater der Modernisierungsverlierer eleganter als bei Massive Attack.

Politisch und relevant

Aber aus dem Zeitgeist wurde sehr schnell eine Welle, unter der die Urheber selbst zu verschwinden drohten. TripHop wurde Mainstreammode. Kein Film, kaum ein TV-Beitrag und erst recht nicht die sich cool wähnende Destille an der Ecke glaubte noch ohne die schick klaustrophobischen Klänge auskommen zu können. Jeder Club eröffnete nun offiziell eine Chill-Out-Zone, aber alle vergaßen, Massive Attack zum Durchschneiden des roten Bandes einzuladen. Man habe aber trotzdem bemerkt, etwas Wichtiges erschaffen zu haben, lächelt Marshall, aber sei auch schnell davon gelangweilt gewesen. Was man vom Rest der Welt nicht behaupten kann: TripHop heißt jetzt, je nach Klangfarbe oder Zeitkontext, eben Lounge, Electronica, Downtempo oder Nu-Jazz. Oder auch, wenn man ein bisschen böse sein will, Soundtapete.

Diese Tapete hängt immer noch an vielen Wänden. Und auch die Politik spielt mit. Findet zumindest Del Naja. Das neue Werk seines Projekts sieht er als "Kommentar, dass alles beim alten ist, dass sich nichts geändert hat in den letzten 20 Jahren". Ja klar, 9/11, die Finanzkrise, ergänzt Marshall, "aber wir haben wieder eine Scheiß-Regierung, die dasselbe wie Margaret Thatcher versucht". Del Naja sieht Massive Attack zwar nicht als ausdrücklich politische Band, nutzt aber seine Bekanntheit und unterstützt verschiedene Organisationen, vor allem die Hope Foundation, die finanzielle Mittel für Flüchtlingslager im Nahen Osten organisiert. Mit einem solchen Engagement steht er aber in der britischen Musiklandschaft heutzutage ziemlich allein da, durfte er vor dem Irak-Krieg feststellen. Er scheiterte daran, unter Berufskollegen eine Protestbewegung gegen die Beteiligung des Empire an der Invasion auf die Beine zu stellen. Vor allem die Apathie der Kollegen habe ihn überrascht, sagt er und verteilt ein paar Gemeinheiten an Großverdiener wie Coldplay. Die ganzseitigen Anzeigen im Pop-Magazin New Musical Express gegen die britische Beteiligung am Krieg finanzierten er und Damon Albarn schließlich allein.

Dass Massive Attack ihr relevantestes Album seit "Blue Lines" gelungen ist, liegt also nicht nur daran, dass es im Vergleich mit den letzten, oft harschen und experimentellen Veröffentlichungen ungemein eingängig geworden ist. Sondern vor allem daran, dass die aktuelle Politik Del Naja und Marshall den Gefallen tut, ähnlich hemmungslos den Manchester-Kapitalismus wiederzubeleben wie unter Thatcher. Der Kreis hat sich geschlossen, Massive Attack spielen wieder den Soundtrack zur gesellschaftlichen Lage.

Datum:  4 | 2 | 2010
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