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Neues Album von Westernhagen: Immer noch die Schnauze voll

Nennen wir ihn einfach MMW, das tun eh alle. Für sein neues Album "Williamsburg" hat Westernhagen finanzielle Verantwortung übernommen, dafür verzichtet er musikalisch auf Experimente. Von Thomas Winkler ( mit Video)

Marius Müller Westernhagen ist vor allem eins: Seine eigene Marke.
Marius Müller Westernhagen ist vor allem eins: Seine eigene Marke.
Foto: ddp

Nennen wir ihn einfach MMW. Denn erstens machen das eh alle. Und zweitens passt es so schön, weil Marius Müller-Westernhagen doch vor allem eins ist: seine eigene Marke. Als solche kann er tun und lassen, was er will, also Musik machen oder einen Dokumentarfilm über sich drehen lassen, nicht mehr schauspielern, mal ein Buch schreiben oder demnächst womöglich den Weltfrieden stiften. Wo MMW drauf steht, ist vor allem eins drin: MMW.

Niemals war das so deutlich wie dieser Tage, da ein neues Produkt aus dem Hause MMW erscheint, das Album "Williamsburg". Denn dieses markiert den Beginn einer neuen Strategie des mittelständischen Unternehmens MMW. Im Jahre 60 ihres Bestehens hat sich die Firma MMW aus den verordneten Abläufen der Musikindustrie verabschiedet. Der Vertrag mit seiner Plattenfirma wurde nach 32 Jahren, wie es immer so hübsch heißt, in gegenseitigem Einvernehmen nicht mehr verlängert. MMW ist nun kein abhängiger Subunternehmer mehr, sondern sein eigener Herr.

Das Album

Marius Müller-Westernhagen: "Williamsburg" (Kunstflug/ Warner). Erscheinungsdatum: 23. Oktober 2009.

Stattdessen hat er "Rent a Record Company", ein Angebot von Motor Music angenommen. Die Firma von Tim Renner, der früher einmal Deutschland-Chef des Entertainment-Riesen Universal war und heute als einer der wenigen progressiven Denker der Branche gilt, bietet eine neue Dienstleistung an: Gegen eine Umsatzbeteiligung stellt Motor das Know-how einer Plattenfirma zur Verfügung, vom Marketing über die Verpackungsgestaltung bis zur Buchhaltung, zahlt aber keinen Vorschuss, wie es früher einmal in diesem Gewerbe üblich war. Die Produktionskosten, also die Kosten für Aufnahmen und Produktion, übernimmt der Künstler erst einmal selbst. Und hofft auf eine Refinanzierung durch ausreichende Verkäufe.

Williamsburg - Videotagebuch (Auszug)

Sich aus dem immer noch vergleichsweise sicheren Schoß eines Musikkonzerns zu entfernen, in dieser Radikalität hat das vor MMW noch kein etablierter Musiker gewagt. In den Modellen, mit denen die Industrie ihren Problemen zuletzt begegnen wollte, wurde das unternehmerische Risiko immer mal anders verteilt. In diesem Fall trägt es vor allem MMW. Er würde allerdings, im Erfolgsfall, auch den Großteil des Gewinns einstreichen.

Ein Geschäftsmodell für die Zukunft? Wahrscheinlich. Ein Rezept gegen die Krise? Womöglich. Allerdings eines, das kreativen Stillstand fördert. Denn wer das eigene Kapital einsetzt, wird kaum eine Pleite riskieren wollen. Und setzt stattdessen auf das, was sichere Umsätze verspricht. Wie auch das Beispiel "Williamsburg" beweist.

MMW hat seine Ersparnisse zuerst einmal in die Aufnahmen investiert. Zwei Wochen buchte er ein Studio in Williamsburg, einem Viertel Brooklyns, das dem Album auch gleich den Namen gab. Dazu verpflichtete er einige der renommiertesten Studiomusiker, allesamt Könner ihres Fachs. Die spielen nun einen abgehangenen, vorhersehbaren Mucker-Rock, aber sind jederzeit in der Lage, mal eben auch in angrenzende Genres zu spazieren. So wird in "Schinderhannes" ein wenig Soul geboten, weiblicher Hintergrundchor inklusive, und gleich anschließend "Mit beiden Füßen auf dem Boden" mit ein wenig Jahrmarktstimmung hinterlegt. "Wir haben die Schnauze voll" stampft im schwerfälligen Blues-Rhythmus, während "Heute Nacht" leicht lateinamerikanisch tänzelt.

Vielleicht ist es ja tatsächlich der ökonomischen Selbstverantwortung geschuldet, dass MMW so gar keine Experimente wagt. Auch mit den Texten nicht. In denen kehrt er mal wieder den schnoddrigen, leicht schnöseligen Rocker mit Hang zum großen Gedanken heraus, den er nun schon seit Jahrzehnten so erfolgreich kultiviert: "Ich bin ein Mann zwischen den Zeilen, mich kann man nicht erklären".

Wenn man es trotzdem versucht, stellt sich das Konzept MMW recht dialektisch dar. Das ist einer, der stolz ist auf die einfachen Verhältnissen, aus denen er sich nach oben gearbeitet hat bis zu Armani-Anzügen und dem Bundesverdienstkreuz. Einer, bei dem Frauen trotzdem noch Lily heißen und "Luder" sind, im hochgeschlossenen Kleid in "der Bar der Einsamkeit" sitzen und eine olfaktorische Herausforderung darstellen: "Dein Geruch macht mich wild".

Einer auch, der es sich nicht verbieten lässt, seine eigene Meinung zu haben übers große Ganze. Und diese in griffige Formulierungen packt, die auch an einem Tresen nachts um halb zwei noch unfallfrei aufsagbar sind. Einige davon reimen sich sogar, wie der allererste Satz des Albums: "Es ist das Leben, an dem wir kleben". Überhaupt kreist "Williamsburg" beständig um das biologische Dasein des Menschen. Mal stellt MMW lakonisch fest: "So ist das Leben, beschissen, was soll’s". Mal stellt er die Frage nach der Herkunft der Existenz: "Wir kommen alle aus Dir, Mutter/ Jeder ist mit jedem verwandt". Aber natürlich weiß er auch, welche Erblasten selbst das neugeborene Leben zu tragen hat: "Erwachsene und Kinder, alle sind wir Sünder". Der Vorzeige-Prolet macht den Philosophen.

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  22 | 10 | 2009
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