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Neues Lesen: Das Versenken neu lernen

Kindle - der Computer, der wie ein Buch aussehen und wie alle Bücher funktionieren will.

Das Kindle ist kein Buch, erinnert aber an eines. Manchmal auch an eine Zeitung.
Das Kindle ist kein Buch, erinnert aber an eines. Manchmal auch an eine Zeitung.
Foto: rtr

Wer einen Starbucks mit den Maßstäben alteuropäischer Kaffeehauskultur misst, der kann leicht in tiefen Kulturpessimismus verfallen. Statt Porzellan gibt es Styropor, statt Marmor auf dem Fußboden Linoleum, statt literarische Gespräche zu führen starrt das Publikum auf Laptops, und statt eines ordentlichen Großen Braunen wird eine amerikanische Parodie von Cappuccino serviert, auf Wunsch verhunzt mit Dingen wie Vanillesirup. Ein idealer Ort also, um einen "Kindle" auszuprobieren.

Der Kindle, das ebook-Lesegerät des Online Buch-Vertreibers Amazon, steht nämlich ähnlich der Café-Kette aus Seattle unter massivem Verdacht, die westliche Zivilisation zu bedrohen. Das Buch - die seit rund 550 Jahren im Abendland beliebteste Standard-Technologie der Datenspeicherung und -weitergabe - soll durch jenes kleine Elektrogerät verdrängt werden, das ein wenig aussieht wie ein Kindertaschenrechner.

In seiner ausgereiften Form, so hoffen die Enthusiasten, wird man sich jeden Text der Welt jederzeit und überall auf den Kindle laden können. Und der Kindle in seiner ultimativen Version soll dann nicht nur den einen, aus allen Texten bestehenden Supertext beinhalten, sondern es außerdem möglich machen, dass jedermann ständig an diesem Welttext herum schreibt und redigiert. Begriffe wie Autor und Werk werden nicht mehr nur metaphorisch, sondern dann auch wortwörtlich sinnlos. Institutionen wie Bibliotheken, Buchhandlungen und Verlage müssen lernen, ihre Aufgaben komplett neu zu denken.

Überall und nirgends

Zu dieser großangelegten Entwertung des Physischen passt auch, dass es keinen Laden oder Vorführraum für den Kindle gibt. Nicht einmal in Manhattan, wo man sich in gleich drei Apple-Stores ibooks und ipods und iphones zeigen lassen kann, die doch explizite Kindle-Vorbilder sind.

Interessenten für den Kindle können sich nur per Chat auf der Amazon-Website mit einem der mittlerweile 240 000 Kindle-Besitzer in den USA verabreden, wo er seit nunmehr neun Monaten zum Stückpreis von 390 Dollar zu erwerben ist. Und natürlich finden solche Treffen dann meist in einem Starbucks statt, einem abstrakten Nicht-Ort, der, wie der Kindle, zugleich überall und nirgends ist.

Da liegt er also auf dem Steh-Café-Tresen und hat auf den ersten Blick so gar nichts Bedrohliches an sich. Das etwas billig aussehende weiße Plastikgehäuse im Taschenbuch-Format ist durch eine Ledermappe veredelt, die es ebenfalls bei Amazon gibt, jedoch nicht nur, wie der stolze Vorführer erläutert, damit das Gerät ein weniger buchig wirkt. Der Schutzumschlag verhindere außerdem, dass man ständig auf die übergroßen "Page Up"- und "Page Down"-Knöpfe tippt, wenn man ihn anfasst, und dann erst wieder die Stelle suchen muss, an der man zu lesen aufgehört hat.

Kostenlos hineinlesen

Das Tastenproblem ist aber nur ein kleiner Designfehler, der sicherlich bei der nächsten, billigeren und tolleren Kindle-Version ausgemerzt sein wird. Ansonsten ist die handliche Weltbibliothek ausgesprochen bedienerfreundlich. Auch der größte Technophob hat sich die wichtigsten Funktionen innerhalb von Minuten selbst beigebracht. So viele sind es ja auch nicht - ins virtuelle Regal greifen, aufblättern, anfangen zu lesen.

Hinzu kommt das Herunterladen neuer Bücher oder auch nur von Buchproben, in die Amazon einen kostenlos hineinlesen lässt, bevor man dann an der Kasse per Kreditkarte das ganze Werk bekommt. Auch das geht mittels einer Art Maus am Rand des Bildschirms im DIN A5-Format kinderleicht und vor allem verblüffend schnell - dort jedenfalls, wo es eine ausreichende Signalstärke des Handynetzes gibt, über das der Kindle mit dem Internet verbunden ist.

Auch das erste Leseerlebnis ist durchaus angenehm - Amazon hat sich bemüht, es dem vertrauten Bücherlesen so ähnlich wie möglich zu machen. Die matte "E-Ink" Oberfläche ist Papier verblüffend ähnlich, und man muss nicht einmal auf das Umblättern verzichten.

Auch wenn das nicht nötig gewesen wäre, werden die Werke in Seiten aufgeteilt, man bekommt stets angezeigt, wo man sich im Buch befindet und verliert sich nicht in einem Kerouac-haften Endlostext. Sogar Sätze unterstreichen und Randbemerkungen machen kann man, auch wenn das Eintippen dieser Bemerkungen auf der handygroßen Minitastatur sowie das spätere Abrufen der Kommentare doch gewöhnungsbedürftig ist.

E-Buchdeckel

Auch ein gestalteter Titel zum jeweiligen Buch kann hochgeladen werden. Die Miniaturen auf dem Bildschirm vermögen allerdings bei weitem nicht in der gleichen Weise die Leselust zu entfachen wie ein schöner Buchdeckel. Ähnlich verhält es sich mit der Qualität von Illustrationen, da könnte sich Amazon tatsächlich bei Apple kundig machen, wie man es schafft, attraktive Grafiken auf einen Kleinstbildschirm zu zaubern.

Eine Gelegenheit auszuprobieren, ob es mit der Versenkung in den Kindle genauso klappt wie mit der Versenkung in einen Roman gab es im Starbucks leider nicht. Aber der stolze Kindle-Vorführer, ein freiberuflicher Ahnenforscher und bekennender Science-Fiction-Fan, der laut Selbstauskunft jetzt ebenso viele Stunden täglich Kindle liest wie früher Bücher, versichert, dass man schnell das Gerät vergesse und sich auf den Text konzentriere. Das bestätigte jüngst auch Kindle-Tester Stephen King, der 1,5 Bücher als die Zeit angab, die es dauere, bis das Medium hinter die Botschaft zurücktrete.

Und wie ist es nun mit der Zukunft des Abendlandes oder zumindest mit der Zukunft des Buches aus Papier und Druckerschwärze? Der freundliche Kindle-Vorführer im Starbucks erzählt, er habe, seit er einen Kindle besitze, von seinen etwa 700 Büchern dreihundert ausgemistet - zumeist Standardwerke in billigen Ausgaben, die es bei Amazon für eine Handvoll Dollar auf den Kindle gibt. Von den übrigen könne er sich jedoch nicht trennen, schon, weil eine Wohnung ohne Bücher für ihn unvorstellbar sei. So unvorstellbar eben, wie eine Welt ohne Bücher. Aber vielleicht ist das ja nur eine Frage der Generation.

Autor:  SEBASTIAN MOLL
Datum:  21 | 8 | 2008
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