Es kommt vor, dass der Cellist Ernst Reijseger andere Cellisten erschreckt. Cellisten sind oft zart besaitet, und es geht ihnen durch Mark und Bein, wenn Reijseger etwa bei einer Live-Performance mit dem Stachel seines Instruments über Sandsteinboden schrabt und fiese Geräusche erzeugt, als setze er die Gesundheit seines schönen Instruments aufs Spiel. Was er nie tun würde.
Manchmal unterhält er auch mit ungewöhnlichen Spieltechniken, die Cellisten an keinem Konservatorium lernen: eigenwilligen Pizzicato-Techniken, akkordischem Spiel wie auf einer Wandergitarre, merkwürdigen Arco-Techniken, bei denen beispielsweise nicht der Bogen, sondern das Instrument bewegt (nämlich am Bogen entlang gedreht) wird. All das sieht oft nach erheiternden Einsprengseln aus, hat aber immer auch beabsichtigte klangliche und keineswegs nur theatrale Effekte.
Auf seinem neuen Album zeigt Reijseger sich gleichwohl als ausgesprochen konzentrierter, spielerisch überaus disziplinierter und unauffällig-virtuoser, also keinesfalls exaltierter Instrumentalist. "Tell me Everything" besteht aus zehn eigene Stücken, zwei Stücken des japanischen Pianisten Fumio Yasuda und einem des Cellistenkollegen Tristan Honsiger, und es atmet den Geist eines buddistischen Minimalismus.
Omnipräsent wie Umgebungstemperatur ist eine überaus ernste und in keinem Augenblick gefallsüchtige Harmonie, und die Musik ist von großem aus der Stille entwickelten akustisch-organischen Farbenreichtum. In ihrem Verhältnis zur Welt offenbart sie einen Zugang, den man mystisch nennen könnte, weil er sich nicht darauf beschränkt, Zeit mit Tönen zu füllen, sondern dem Raum gerecht zu werden.
Morgendliche Singvögel, aus deren Musik heraus das Eröffnungsstück "Bidderosa" sich kraftvoll und in starken Linien entwickelt, um dann wieder zurück zu treten in die Naturgeräusche, verweisen auf eine Art ontologischer musikalischer Demut.
Aufgenommen hat Reijseger das Album in der Toskana im Keller eines Weingutes und in der Kirche La Commenda di San Eufronsio in Volpaia. Wer genau hinhören mag, vernimmt manchmal die Resonanz des kleinen Cellokörper-Innenraumes in diesen größeren Gewölben und eine sanfte, unausweichliche Dramatik, die Reijseger bei solchen Begegnungen im Raum mit seinen zurückhaltenden Kompositionen in die Welt setzt, ohne dass die Musik dadurch etweas Sakrales bekäme.
Ernst Reijseger: Tell Me Everything.
Winter & Winter. Vertrieb: Edel Distribution, Hamburg.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen
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