Am 6. August 1989, es war ein Sonntag, saß ich im Arbeitszimmer meines Schwiegervaters in Berkeley (wir hüteten ein) wie gewöhnlich auf einem mit blutrot gepunkteten Kissen gepolsterten Alu-Liegestuhl, legte die Beine hoch und rückte die auf einem Kurzwörterbuch ruhende Tastatur auf meinem Schoß zurecht. Ich tippte Datum und Uhrzeit ein, 9.46 Uhr. Ich hatte keine Ahnung, was für ein Thema ich mir an dem Morgen vornehmen würde.
Etwa eine Woche zuvor hatte ich einen Roman beendet und abgeschickt, meinen zweiten, und war noch immer erfüllt von dem irreführenden Schwung, der zwar die Fertigstellung von Romanen ermöglicht, aber im allgemeinen auch mit einem enttäuschend flauen und gehetzten Gefühl der zweiten Hälfte oder dem letzten Drittel gegenüber einhergeht, wobei die wachsende Gewissheit des Autors, nun endlich ein Profi zu sein, endlich zu wissen, wie der Hase läuft, exakt mit jener unerfreulichen, nervösen Empfindung seitens des Lesers zusammenfällt, in ein Gefüge von Figuren und Schauplätzen eingesperrt zu sein, die er nun schon ein bisschen zu gut kennt, um noch Gefallen daran zu finden.
Nicholson Baker, geboren 1957 in Rochester, ist einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Romane "Die Rolltreppe", "Vox" und "Die Fermate", alle bei Rowohlt. In diesem Frühjahr wird auf Deutsch sein in den USA bereits hochkontrovers diskutiertes Buch über den zweiten Weltkrieg erscheinen, in dem am alliierten Heldenbild vor allem Churchills mächtig gekratzt wird.
Seiner Verehrung für John Updike gab Baker in seinem hinreißenden Langessay "U & I" Ausdruck, im Original 1991, auf Deutsch 1998 erschienen. Aus "U & I" entnehmen wir den hier nachgedruckten Textausschnitt mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags, Reinbek bei Hamburg.
Zu gern wollte ich ineinsbildend auf die Tasten einhämmern, und das Nahen ebendieses Vergnügens ließ die Worte "gleich morgens mit dem Schreiben zu beginnen verliert nie seinen Reiz" in dem Zu-tippen-Warteraum meines Bewusstseins erscheinen; doch bevor ich die Finger in Bewegung setzen konnte, erinnerte ich mich, dass Updike in "Selbst-Bewusstsein" etwas Ähnliches gesagt hatte: "Im Morgenlicht kann man zügig, ohne die geringste Beschleunigung des Pulses, über das schreiben, worüber man im Dunkeln nicht nachdenken kann, ohne in Panik Zuflucht bei Gott zu suchen." Für mich ein bemerkenswerter Satz (wenngleich ich mir nur die erste Hälfte merkte), nicht nur, weil er mir einfach und wahr erschien, sondern weil ich ihn zweimal gelesen hatte, zuerst als Zitat in einer Rezension und dann im Buch selbst. Und mit dieser Erinnerung an Updike zögerte ich: Ich tippte nicht, was ich tippen wollte; ich änderte den Kurs.
Donald Barthelme war gerade gestorben, am 23. Juli. Meine Frau hatte den Associated-Press-Nachruf in der Zeitung gesehen. Mein Gefühl, von der literarischen oder akademischen Gemeinschaft, falls es denn so etwas gibt, abgesondert zu sein, wurde dadurch verstärkt, dass ich von Barthelmes Tod nicht durch einen schmerzerfüllten Anruf von einem ihm Nahestehenden oder einem treuen Leser seiner Werke erfahren hatte, sondern lediglich aus der Lokalzeitung, deren Informationen jedermann zugänglich sind. Beunruhigt starrte ich eine halbe Stunde vor mich hin, unsicher, was ich nun tun sollte, während meine Frau mit großen Augen mitten auf dem Teppich stand und sagte: "Es tut mir ja so leid, es tut mir ja so leid."
Schließlich beschloss ich, einen Beileidsbrief an seinen Redakteur beim "New Yorker" zu schreiben, begann aber nicht damit. Dann bekam meine Tochter einen Ohrinfekt. Noch am selben Tag ging ich mit ihr zum Arzt und besorgte ihr Antibiotika, und als wir wieder nach Hause kamen, fiel mir ein, dass ich meinem Großonkel Dick, der schwer krank war, noch einen Brief schuldete. Anstatt ihn zu schreiben, unternahm ich mehrere Anläufe, den Barthelme-Brief an den "New Yorker" hinzukriegen. Ich verwarf "Ich bin aufgewühlt", "untröstlich" und "Er war ein ganz Großer". Doch während ich mich mühte, etwas zu formulieren, was unmanieriert klang, fiel mir auf, dass meinen Anstrengungen ein moralisch ärgerlicher Makel anhaftete. Diese schwarzen Balken, diese schwarzen Balken, dachte ich immer wieder, die der "New Yorker" geschmackvollerweise über seine Nachrufe setzt: Sie kommen immer ganz am Ende des Heftes, und kürzlich hatte es welche auf Saxon und Addams gegeben.
Aber der Nachruf, an den ich sofort denken musste, war der, den Updike anlässlich Nabokovs Tod geschrieben hatte und der in seinem Essayband "Amerikaner und andere Menschen" abgedruckt war: Ich erinnerte mich an keine besondere Wendung, bis auf eine, in der es so schön hieß, dass nach allgemeiner Übereinkunft "Lolita" wohl sein bester Roman auf Englisch und "Die Gabe" wohl sein bester auf Russisch sei (ich hatte mir dieses Urteil gemerkt, weil beide nicht meine Lieblingsbücher waren), aber an seinen Ton erinnerte ich mich: freundlich, ernst, unsentimental, flüssig, aber nicht affektiert, bewusst unspektakulär und frei von Rivalität - ein mustergültiger Nachruf. Sogleich versuchte ich, mir vorzustellen, was für eine "volkstümliche Kundgebung" es bei Updikes Begräbnis geben würde. Würde die tantige Versammlung von Profischreibern von den modernen Äquivalenten des Landvolks aufgebläht werden: das heißt von Sekretärinnen, Lesekassetten-Pendlern, Abonnenten der Franklin Library, Mitgliedern des Quality Paperback Book Club?
Die Vorstellung all dieser gedankenvollen, liebenswerten, mäßig intellektuellen, gefurchten und in Trauer geneigten Stirnen wirkte nach dem lebhaften, schockierenden, un-Emersonschen Werk Updikes über Nacktheit, Ficken in Wäschehaufen, Schamhaar wie Seegras, schmutzige Polaroids, die Möse der Nachbarin und so weiter im Augenblick seltsam - aber dann erschien sie mir völlig angemessen. Updike war der erste, der das penible Sensorium unter die Fittiche einer kunstvollen metaphorischen Prosa genommen hatte. Wenn einmal das Gefühl im Innern einer Vagina mit einem Ballettschuh verglichen worden ist (falls mein Gedächtnis dieses unlokalisierbare Simile nicht verzerrt), dann ist die sexuelle Revolution abgeschlossen: Ebenso wie Emerson die Überseele, die strahlende zeitlose Sphäre des reinen Denkens schuf, das dem ernsten, Vorträge besuchenden Landarbeiter zur Verfügung steht, so machte Updike aus den einsamen, taschenbucherzeugten Zuckungen des Lesers eine unkitschige, kultivierte Errungenschaft.
In ihrer Trauer um Updike würden die trübsinnigen, vornehmlich weiblichen Bürger der sexuellen Vergangenheit ihrer Jugend nachtrauern, deren Hardcore-Tollereien inzwischen von den Wollsachen und Gänsedaunen nostalgischer Sehnsucht, vager Reue, verschwommener Erinnerungen, ehelicher Vergebung und einem allumfassenden Gefühl unvollkommener Ablösungsversuche wattiert waren; sie würden um den Mann trauern, der, indem er eine ernste, proustonabokovsche, moralisch sensible, literaturpreiswürdige Prosa auf die Mikromechanik der körperlichen Liebe anwandte, zunächst einmal ihr eigenes Gestöhn salonfähig gemacht hat.
Doch das konkrete visuelle Bild von Trauernden in zeitgenössischer Kleidung, die um ein reales Grab versammelt sind, war zu mächtig und abgeschmackt, um es länger als einen Augenblick zu betrachten; zurückschaudernd dachte ich: Aber wenn er stirbt, dann wird er ja gar nicht erfahren, was ich über ihn denke - und war entsetzt. In jener Nacht schrieb ich auf die Innenseite des hinteren Buchdeckels des Henry-James-Taschenbuchs, in dem ich gerade gelesen hatte: "Updike-Ding zu einem langen Essay machen", und am Tag darauf rief ich zitternd meinen Redakteur beim "Atlantic" an, um es ihm vorzuschlagen.
Deutsch von Eike Schönfeld
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen