Ein Poet, der Fischsuppe heißt, von seiner Frau verlassen wird und in einer üblen Schaffenskrise steckt: Das ist schon eine feine Grundlage für einen Roman. Nicholson Baker wartet in seinem neuen Roman "Der Anthologist" aber mit drei weiteren Volten auf.
1. interessiert sich der Erzähler Paul Chowder allen Ernstes für Lyrik, Reime und Versmaße, also Dinge, die vielen Romanlesern weitgehend fremd sind. Das hat eine frappierende Wirkung. Man wird äußerst gespannt Seite um Seite über jambisch-pentametrische Enjambements und tetrapodische Rhythmen lesen und dazu Versbeispiele aller Art, mit denen Matthias Göritz und Uda Strätling auf Deutsch pfiffig fertig wurden. Das Schwächelnde bis hin zum Quatsch ("Licht und Schatten des Sommers Spiel / umkränzen dein holdes Klimperdil") gelingt ihnen ebenso wie ein eleganter Swinburne. Es wird deutlich, dass Chowder selbst kein guter Dichter, aber ein vorzüglicher Leser ist (eine unterschätzte Qualität, die hier voll durchschlägt).
2. verweben sich Lyrik und Leben raffiniert, nicht nur weil Lyrik "die kunstvolle Verfeinerung des Schluchzens" ist, sondern auch weil Chowders Leidenschaft so gleichmäßig auf den gereimten Jambus und seine verärgerte Ehefrau verteilt ist. Und meint er wirklich nur ein Gedicht, wenn er ausruft, die Wahrheit müsse immer als erstes auf den Tisch?
3. begreift man bald, dass "Der Anthologist" selbst jenes Vorwort ist, das Paul Chowder über weite Strecken des Romans hinweg nicht in der Lage ist zu schreiben. Das Vorwort zu einer Anthologie, die "Reim Allein" heißt. Die Ankündigung des Verlags ist bereits gedruckt ("In seiner Einleitung beleuchtet Paul Chowder die Traditionslinien von Dichtung und Reim ..."), der klassische Autorenalptraum. Am Ende wird das Vorwort so dick wie das Buch sein.
Wie bei Baker, dem britischsten US-Amerikaner, nicht anders zu erwarten, gehört Vorliebe für englischen Humor dazu, um das Buch mit stetem Vergnügen zu lesen. Es kann einem auch larifari vorkommen, dass Reimen "die Genie-Version des Kreuzworträtsels" sein soll. Überzeugender ist der Zusammenhang zwischen Dichtung und Tischtennis.
Hinter allem aber spürt man die brutale Mischung aus Lachhaftig- und Traurigkeit, die das Leben für die durchschnittlich Begabten, aber überdurchschnittlich Aufmerksamen bereithält.
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