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03. März 2010

Niedergang einer Kommune: Als die Forscher in der Stadt blieben

 Von Harry Nutt

Was ist los in Wittenberge? Mit soziologischen und künstlerischen Mitteln wurde die Stadt in der Prignitz zum Objekt von Beobachtung und Gegenbeobachtung. Ein Überblick. Von Harry Nutt

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Wittenberge in der brandenburgischen Prignitz zwischen Hamburg und Berlin ist eine schrumpfende Stadt. Seit dem Ende des 2. Weltkrieges hat sich die Zahl der Einwohner beinahe halbiert. Lebten dort 1945 noch knapp 40..000 Menschen, so sind es nun deutlich unter 20.000. Einst ein bedeutender Standort der Nähmaschinenindustrie, gilt Wittenberge heute als Fallbeispiel europäischer Deindustrialisierung.

Junge Leute sehen sich gezwungen, ihr Glück woanders zu suchen, und wer bleibt, läuft Gefahr, sich den starken Gefühlen zwischen Standhalten und Resignieren auszusetzen. Was sollen wir denn machen?, fragen sich die Bewohner. Was passiert, wenn der einstige Lebensmittelpunkt erodiert?, lautet die soziologische Version derselben Frage.

Drei Jahre lang beobachtet

Fast drei Jahre lang haben insgesamt 28 Ethnologen und Soziologen verschiedener Forschungseinrichtungen, u.a. der Berliner Humboldt-Universität und des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Interviews geführt und teilnehmend beobachtet. In Zusammenarbeit mit dem Berliner Maxim-Gorki-Theater wurden Stücke erarbeitet, und die Interviews wurden in eine Art soziale Plastik mit digitaler Tonaufzeichnung überführt. Wittenberge wurde nicht bloß beforscht, irgendwann reagierten die Erforschten auch mit Gegenbeob-achtung.

Die Skepsis war groß, als die Wissenschaftler kamen, gesteht Andreas Willisch vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Für viele Wittenberger galt es als Verschwendung, dass 1,7 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Projekts Geisteswissenschaften im öffentlichen Dialog in das Vorhaben flossen. Wäre es nicht besser gewesen, das Geld in soziale Projekte zu stecken?

Für Projektleiter Heinz Bude war es wichtig, die Forschungsarbeit im europäischen Kontext zu verorten. "Social Capital" fragt nach dem Umbruch europäischer Gesellschaften. Neben Wittenberge gab es verwandte Untersuchungen im pfälzischen Pirmasens und im rumänischen Victoria. Wittenberge, sagt Bude, gibt es auch in Litauen oder Wales.

Für die Zeit nach dem Mauerfall sieht der eilige Geist der Soziologie drei Phasen des gesellschaftlichen Zeit- und Haltungsgefühls. Unmittelbar nach der Wende kam die Zeit der großen Erwartungen. Als bedeutender Standort für Feinmechanik standen die Chancen in Wittenberge, so glaubte man, gar nicht einmal schlecht. Das Warten auf den großen Investor bestimmte die quälende zweite Phase, die ein Übergang in die Erkenntnis war: Die Zeit des Wartens ist vorbei. An vielen Standorten des postindustriellen Europas mussten die Bewohner gewahr werden, dass keine Wunder mehr kommen.

Auf den ökonomischen Niedergang folgte die soziale Desillusionierung. Das sei auch so etwas wie der Wendepunkt des Projekts gewesen, sagt Bude. Es habe in Wittenberge eine Art Akzeptanz der Wahrheitszumutung gegeben, die einherging mit der Erfahrung, dass die Interviews und der Austausch auch etwas bringen können. In den Tagen nach den Gesprächen waren die Forscher schließlich immer noch da.

Tatsächlich stößt man in Wittenberge keineswegs nur auf Verlierergeschichten. Es sind neue Perspektiven entstanden, und mit den Soziologen haben die Wittenberger das Potenzial entdeckt, das im Gefühl der Unterlegenheit schlummert. Mit Blick auf Lösungsansätze und Interpretationsangebote geht selbst aus sozialen Brennpunkten oft ein bemerkenswertes soziales Kapital hervor. Das Projekt von Wittenberge erweist sich so als postindustrielles Labor, in dem als markantes Problem nicht zuletzt die innere Dramatik des Verschwindens der Zivilgesellschaft zum Vorschein kommt.

Der gegliederte Kosmos eines sich selbst tragenden gesellschaftlichen Wir ist verloren gegangen, glaubt Bude. Nach dem Ende der industriellen Prosperität erscheint einmal mehr eine Idee von Heimat als identitätsstiftender Rettungsanker. Wer in der Prignitz gelieben ist, lebt bisweilen auch im Trotz einer Haltung, die sagt: Wir werden es euch noch zeigen. Das Forschungsprojekt ist nach fast drei Jahren nun abgeschlossen, es hat Spuren im empirischen Material hinterlassen. Folgen sind unbedingt erwünscht.

www.ueberlebenimumbruch.de

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