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11. September 2015

Noam Chomsky: In den Abgrund wie die Lemminge

 Von Michael Hesse
Dialektik der Aufklärung: Auf jeden Fall geht das unbenannte Flugobjekt im allgemeinen Sprachgebrauch glatt als Aufklärungs-Drohne durch.  Foto: rtr

Der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky spricht im Interview über die Außenpolitik und Geheimdienste der USA, über Whistleblower und andere Helden. Er ist einer der prominentesten Kritiker der US-Politik.

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Er ist eine Ikone der amerikanischen Linken: der Intellektuelle Noam Chomsky. Er hat seit den 60er Jahren hartnäckig zu politischen Fragen Stellung genommen und ist ein Held der globalisierungskritischen Bewegung. Schon früh hat er das Scheitern des Irakkriegs vorhergesagt. Heute kritisiert er die Regierung Barack Obama wegen ihrer weltweiten Drohneneinsätze und des Abhörskandals. Nein, überrascht sei er nicht gewesen, als er zum ersten Mal von dem Abhörskandal gehört habe, den der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden öffentlich gemacht hatte. „Warum auch?“, fragt er. Die Möglichkeit, mit Hilfe des Internets Bürger zu überwachen, stecke doch in der Technologie, es ist ein inhärenter Teil von ihr. Damit gehen einige ziemlich unangenehme Dinge einher. Das Gespräch vermittelte Chomskys Freund Gerhard Heise, der den Sprachwissenschaftler bereits 2013 nach Bonn gelotst hatte.

Professor Chomsky, wir alle erinnern uns an das lächelnde Gesicht von Präsident Obama, das die Hoffnung und das Vertrauen in seine erste Kampagne ausdrückt: „Yes, we can!“. Jetzt, da die Vereinigten Staaten ihre versteckten Operationen fortsetzen und ihr Nachrichtendienstnetz überallhin ausbreiten, sogar die Verbündeten ausspionieren, können wir uns Protestierende vorstellen, die an Obama appellieren: „Wie können Sie nur Drohnen für die gezielte Tötungen verwenden? Wie können Sie sogar unsere Verbündeten ausspionieren? Obama murmelt dann vielleicht mit einem spöttischen Lächeln: „Yes, we can.“
Es war ein Fehler, sich durch das freundliche Gesicht und die beruhigende Rhetorik einlullen zu lassen. Ich sage das nicht im Rückblick. Ich habe über ihn schon vor den 2008-Vorwahlen geschrieben, und verließ mich dabei auf das, was er über sich auf seiner Webseite zum Besten gab. Es war eine Schande.

Was meinen Sie konkret?
Das globale Drohnen-Mordprogramm ist die bislang massivste internationale Kampagne gegen Terroristen. Es wird vom Mainstream, auch in Europa, wegen ihrer Nützlichkeit akzeptiert. Wobei es mehr Terroristen erzeugt als tötet. Dabei werden die Kollateralschäden ebenso übersehen wie die Tatsache, dass amerikanische Bürger getötet werden. Stellen wir uns einmal vor, der Iran würde Menschen rund um die Welt ermorden, weil sie verdächtigt werden, dem Iran schaden zu wollen – so die offizielle Begründung für die Drohnenkampagne. Wie würden wir reagieren? Was das Ausspionieren von Verbündeten betrifft: Es entlockt kaum ein Achselzucken – und abgesehen von der Größenordnung, ist es kaum etwas Neues.

Was Edward Snowden enthüllt hat, ist ja etwas, was nicht nur die USA tun, sondern auch andere große und nicht ganz so große Mächte, von China bis Russland, von Deutschland bis Israel. Auch wenn sie von ihrer Technologie her nicht imstande sind, mit den USA bezüglich der Dimension der Spionage mitzuhalten. Sollte Edward Snowden verteidigt werden, weil er die US-Geheimdienste geärgert und in Verlegenheit gebracht hat?
Sein Handeln war couragiert und äußerst wichtig. Man darf ihn nicht verdammen, er sollte stattdessen gelobt werden, und natürlich muss man ihn verteidigen.

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