"Wir sind alle sehr froh", sagt George Gutu, Germanistik-Professor in Bukarest, preist das Werk der Nobelpreisträgerin "unter inhaltlichen und formalen Aspekten" und würdigt die Auszeichnung als "verdiente Anerkennung". Ob Herta Müller froh ist über das gönnerhafte Lob aus der alten Heimat, darf man bezweifeln. Denn an George Gutu, dem Doyen der deutschen Literaturwissenschaft in Rumänien, scheiden sich die Geister. "In den Achtzigerjahren, als Herta Müller hier schrieb, hat Gutu noch behauptet, eine aktuelle deutschsprachige Literatur in Rumänien gebe es gar nicht", erzählt Peter Sragher, ein Lyriker aus Bukarest, der damals bei ihm studierte.
Sich über die Vergangenheit zu streiten, ist in Rumänien nicht einfach; auch wer Herta Müller einst totschwieg, schämt sich nicht, sie heute zu loben. So war es offenbar schon immer. Noch in Rumänien erhielt die junge Schriftstellerin zwei Literaturpreise, als die Securitate ihr schon nachstellte. Wenn Herta Müller nach Rumänien kam, haben ihre Erinnerungen sie stets verfolgt. "Würde ich heute hier leben", sagte sie 2008, "ich würde ein zweites Mal verrückt."
Die Erlebnisse mit Ceausescus perfider Geheimpolizei Securitate, die für Herta Müller zum Lebensthema wurden, sind heute für die meisten noch immer tabu. Gerade darum kehrte Müller immer wieder zurück - zuletzt als das einstige Hermannstadt und heutige Sibiu 2007 Kulturhauptstadt Europas war. Alle, die sich damals mit dem Regime stritten, haben bleibende Wunden davongetragen - und freuen sich über den Nobelpreis. Er sei "auch eine Auszeichnung für die, die mit ihr im Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreis gegen eine mörderische Kulturpolitik stritten", sagt William Totok, der 1987, einen Monat nach Herta Müller, ausreiste.
Rezipiert wird Herta Müller in Rumänien durchaus: Fast alles von ihr wurde von der Autorin Nora Iuga ins Rumänische übersetzt. Der Präsident des Schriftstellerverbandes, Nicoale Manolescu, fand zur Preisverleihung Worte, die die Emigrantin auf schön tückische Weise heimholen: Zwar sei sie vor langer Zeit fortgegangen und schreibe auch nicht auf Rumänisch. Dass sie aber "so ausdrucksstark über Entwurzelung geschrieben" habe, bedeute, "dass ihre Wurzeln hier sind".
Ehrenbürgerschaft angeboten
In der verbliebenen deutschen Minderheit, die weniger als 100.000 Köpfe zählt, ist ihre Popularität nicht ungetrübt. Mit ihrem Heimatort Nitzkydorf im Banat hatte Müller sich 1982 überworfen. Seit ihrem Roman "Niederungen", in dessen Figuren sich Nachbarn und Verwandte erkannten, herrschte bei der Erwähnung ihres Namens demonstrative Kälte. Jetzt aber bietet man ihr die Ehrenbürgerschaft an: "Man wird mehr über Nitzkydorf sprechen", sagt Bürgermeister Ioan Mascovescu. "Wir sind stolz darauf".
Der Nobelpreis sei für sie "keine wichtige Nachricht", sagt aber auch Beatrice Ungar, Redakteurin der Hermannstädter Zeitung in Sibiu. "Sie ist eine Deutsche, oder? Ich lebe hier", erklärt die Journalistin, deren Vater als einziger Händler in ganz Rumänien Müllers Romane vorbestellte und so deren Druck ermöglichte. Vor allem die Rigorosität von Müllers Abrechnung mit der Ceausescu-Zeit versteht Ungar nicht: "Sie versucht, die Vergangenheit in die Gegenwart zu tragen."
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