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NS-Geschmack: Nackt in den Untergang

        

Gestählte Mannsbilder für Führer und Vaterland,   später Kanonenfutter für den Krieg:  „Wassersport“ von Albert Janesch, 1936.
Gestählte Mannsbilder für Führer und Vaterland, später Kanonenfutter für den Krieg: „Wassersport“ von Albert Janesch, 1936.
Foto: DHM Berlin

Eine Datenbank erschließt Hitlers „Große Deutsche Kunstausstellungen“. Am Donnerstagabend geht sie ins Netz.

Berlin –  

Kunst war bei Hitler Chefsache. Immerhin hatte er als (gescheiterter) Maler begonnen, ehe er in der Politik seine Bestimmung fand und Europa in Schutt und Asche verwandelte. Wir haben die künstliche Bodybuilder-Ästhetik seines Staatsbildhauers Arno Breker vor Augen und auch die Plastik-Erotik des „Reichsschamhaarmalers“ Adolf Ziegler. Künstlerisch wollen wir sie heute nicht ernst nehmen, dabei waren sie die Spitze des NS-Geschmacks. Die Niederungen neben ihnen aber kennen wir kaum: all die röhrenden Hirsche, Stillleben und Landschaften, Bauern und gebärfreudigen Mägde, die für den kommenden Weltkrieg gestählten Sportskerle, die altmeisterlichen Mythen und die schweißlosen Nackten, die aus der Münchner Schule des 19. Jahrhunderts wieder auftauchten, als hätte es die Moderne nie gegeben.

Welche Massenware Hitler in der Kunst verfocht, ist nun erstmals mit wenigen Klicks anzuschauen: Ab Donnerstagabend wird während einer Fachtagung im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte die Webseite www.gdk-research.de freigeschaltet. Sie dokumentiert und erschließt alle acht „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ zwischen 1937 und 1944. Rund 11.000 Werke wurden über die Jahre im Haus der Kunst in München gezeigt. Nur zehn Prozent davon waren bislang in Abbildungen bekannt. Drei Institutionen haben sich für die Datenbank zusammengetan und ihre Bestände eingebracht. Das Zentralinstitut besitzt sechs Fotoalben, in denen alle Säle der Kunstausstellungen abgebildet sind. Im Haus der Kunst haben sich die Kontenbücher der Verkaufsschau erhalten, darin auch die Namen der Käufer. Und das Deutsche Historische Museum (DHM) Berlin bewahrt fast 700 Bilder aus der Ausstellung: Angekauft von Hitler und Reichsbehörden gelangten sie 1945 in den Central Collecting Point der Amerikaner und von dort ins Münchner Hauptzollamt – bis das DHM sie 1999 übernahm.+#

        

Bodybuilder-Kult auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ von 1939.
Bodybuilder-Kult auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ von 1939.
Foto: ZIKG München

Die Maler und Bildhauer sind großenteils vergessen, und auch die Datenbank wird nicht für ihre kunsthistorische Rehabilitierung sorgen. Aber es ist wichtig, dass wir diese Werke, nach 1945 wie gefährliche Giftschrankware behandelt, jetzt ungefiltert sehen und uns ein eigenes Urteil bilden können. Wir lernen nicht nur einiges über Hitler, in dessen bösem Wahn auch so viel Lächerliches steckte wie in all diesen Spießbürgerbildern. Nein, wir müssen uns auch mit dem Geschmack unserer eigenen Großeltern auseinandersetzen und ihrer Bereitwilligkeit, ihrem Führer nicht nur in den Krieg und den schrecklichsten Terror zu folgen, sondern sich auch seinen Geschmack zwischen grotesken Gesamtkunstwerken, Operetten-Größenwahn und Kleinbürger-Idylle zu ihrem eigenen zu machen. Zu Hunderttausenden strömten sie jährlich in die Münchner Kunstschau. Viele kauften etwas, eiferten auch hierin Hitler nach, der hier insgesamt für sieben Millionen Reichsmark seiner Kunstliebe frönte. Bis 1944 wurden über 6000 Werke verkauft.

Hitler hasste die Moderne und verfolgte sie mit Vernichtungswahn und Revanchegelüsten. Um vorzuführen, welche Kunst dem Geist des Dritten Reichs gemäß sei, legte er im Oktober 1933 in München den Grundstein für das „Haus der Deutschen Kunst“, von Paul Troost in martialischem Klassizismus entworfen. Am 18. Juli 1937 wurde der Riesenbau eröffnet. Zehntausende kamen zum „Tag der Deutschen Kunst“ – ein dreitägiges Staatsspektakel mit Theater, Konzerten, Volksfest und einem großen Umzug.

        

Klinisch rein und gebärfreudig sollte die deutsche Frau sein: Ivo Saligers „Urteil des Paris“, 1939.
Klinisch rein und gebärfreudig sollte die deutsche Frau sein: Ivo Saligers „Urteil des Paris“, 1939.
Foto: DHM Berlin

In seiner Eröffnungsrede zur „Großen Deutschen Kunstausstellung“ geißelte er „Schlamm und Unrat“ der Moderne und das „Kunstschmierantentum“. Diesem setzte er eine „wahre“ deutsche Kunst entgegen, die sich ihren Rang als „eine aus dem tiefsten Wesen eines Volkes entstammende unsterbliche Offenbarung“ verdiene. War wirklich eine ganze Nation blind geworden, dass sie nicht mehr erkannte, was für ein mediokrer Kunstbudenzauber ihr unter solchen hochtönenden Versprechungen vorgesetzt wurde?

Einen Tag nach der Führerschau wurde wenige Schritte entfernt, am Münchner Hofgarten, die schandhafte Ausstellung „Entartete Kunst“ eröffnet. Sie zog zwei Millionen Besucher an. Nicht alle ergötzten sich an der „Verfallskunst“ der verfolgten, ausgegrenzten Avantgardisten. Versteckt in der Masse kamen auch die mundtot gemachten Anhänger der Moderne. Sie wussten, wo die „wahre“ Kunst hing.

Autor:  Sebastian Preuss
Datum:  20 | 10 | 2011
Kommentare:  1
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