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Occupy: Die Finanzelite wird überrascht

Letzten Sonnabend ein Uhr mittags, Neptunbrunnen: Während die Protest-Camper an der Wall Street den ersten Kaffee auf die Gaskocher setzen, sammelt sich ihr deutsches Pendant in Berlin unter dem Dreizack.

Kapitalismuskritiker demonstrieren in Berlin.
Kapitalismuskritiker demonstrieren in Berlin.
Foto: dpa
Berlin –  

Die „99 Prozent“, wie sie sich nennen, wollen Zeichen setzen gegen die Macht der 1Prozent - der Spekulanten. Der in der Zahl erhobene Anspruch auf Masse resultiert aus dem Umstand der Besitzlosigkeit an Produktionsmitteln.

Die Occupy-Bewegung will zwar keinen Anführern und Parteien folgen, hat aber die üblichen linken Freikirchen auf den Plan gerufen: Um den Brunnen herum stehen Campingtische, von denen aus DKP, RSB, SAV und Spartakist mit ihren Zeitungen Untergang und Erlösung ankündigen: die proletarische Weltrevolution. Sie tun dies seit Jahrzehnten mit hoffnungsloser Ausdauer. Doch wo steckt die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), Partei des „wahren Sozialismus“? Wo bleibt deren Musiktruppe, die so gern Lenin, Stalin und die Einheit der Arbeiterklasse besingt? Wo ist die Parteijugend, die mit fidelen Tanzeinlagen erbaut?

„Mehr Krieg für Öl!“

Wer, wenn nicht das 14-köpfige Zentralkomitee der MLPD klärt die Demonstranten über die zersetzende Rolle des Klassenfeindes auf? Denn, Achtung!, auch der politische Gegner hat sich eingefunden: Die selbsternannten „1 Prozent“! Eine Schar auffällig nobel gekleideter Menschen reiht sich im bourgeoisen Block zwar ganz am Ende ein, in den Zug aus roten Fahnen und Gewerkschafts-Trillerpfeifen, entscheidet sich aber schon bald für den direkten Weg zum Ziel, also für die Straße Unter den Linden.

Doch plötzlich! Die Phalanx einer Gruppe zu allem entschlossener Polizisten schneidet der apolitischen Abspaltung die Abkürzung ab. Die Finanzelite ist überrascht. Was jetzt? Der entscheidende Hinweis kommt von einem revisionistischen Renegaten: Klaus Lederer, Landesvorsitzender der Linken und Anwalt , erklärt den Finanzjongleuren, wie man eine Spontandemo anmeldet, was unter knallenden Sektkorken getan wird. Der Weg ist das Ziel, aber vor allem ist er frei.

Eine erste Zwischenkundgebung wird vor der Humboldt-Universität abgehalten, wo die Leistungsträger das „Profit Unser“ beten: „Profit unser - Geheiligt werde dein Name - Unser Reichtum komme - Unser Wille geschehe, wie an der Börse, so in der Steueroase“. Das sonst in der Occupy-Bewegung mangels Megafonen übliche Prinzip des „human microphone“ - einer sagt was und alle wiederholen es zwecks Verstärkung der Lautstärke - bekommt hier eine ganz andere Wirkung.

Eine erste verbale Auseinandersetzung findet am Pariser Platz statt. Nach einem „Profit unser“ wird laut „Mehr Krieg für Öl!“ gefordert, was eine protestierende iranische Oppositionstruppe mit geballten Fäusten beantwortet. Die MLPD ist noch immer nicht da, obwohl ihr jetzt die Freudentränen kommen müssten, in Erinnerung an alte Zeiten: Eine Mauer aus Polizisten sperrt das Brandenburger Tor Richtung Westen. Bei der Abschlusskundgebung gibt sich eine Dame in türkisfarbenem Hosenanzug als Angela Merkel zu erkennen und fordert eine „gemeinsame Lösung“. Die Notwendigkeit von Einschnitten ins Sozialwesen wird von den 1Prozent mit dem Ruf nach mehr Rettungsschirmen goutiert und geht schließlich in das Skandieren von „CDU, CDU!“ über, gefolgt von „FDP, FDP!“Das passt auch besser zu 1 Prozent.

Autor:  Karsten Krampitz
Datum:  3 | 11 | 2011
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