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29. Oktober 2011

Occupy Wall Street: „Vielleicht gründen wir eine dritte Partei“

Kalle Lasn: „Die Kritik der Programmlosigkeit kommt oft von Altlinken, die seit 30 Jahren nichts Bedeutsames mehr auf die Beine gestellt haben.“  Foto: Christopher J. Morris/Corbis

Der Erfinder von „Occupy Wall Street“ Kalle Lasn spricht im Interview mit unserer Zeitung über seine Sympathien für die Tea Party und den Situationismus.

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Der kanadische Filmemacher Kalle Lasn ist der Vater der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Im Juni dieses Jahres rief das von ihm heraus gegebene Magazin Adbusters dazu auf, die Wall Street zu besetzen. Am 17. September folgten Aktivisten aus der ganzen Welt dem Appell. Seither hat sich die Bewegung zu einem globalen Phänomen ausgeweitet. Für diesen Samstag hat Adbusters dazu aufgerufen, weltweit für eine „Robin-Hood-Steuer“ auf alle Finanztransaktionen zu demonstrieren.

Herr Lasn, haben Sie damit gerechnet, dass „Occupy Wall Street“ sich zu einer weltweiten Bewegung ausweitet?

Wir haben schon damit gerechnet, dass wir in New York Wellen schlagen. Das ikonische Zentrum des Finanzkapitalismus zu besetzen war eine sehr sexy Idee. Aber als sich das nach Chicago, Los Angeles und San Francisco ausgeweitet hat und dann in der vergangenen Woche nach Europa, war ich schockiert. Das habe ich mir nie träumen lassen.

Erst im vergangenen Jahr hatte Adbusters zu einer globalen „karnevalesken Rebellion“ aufgerufen. Das ging aber eher unter. Warum hat „Occupy Wall Street“ gegriffen?

Ich glaube, die Entwicklungen in Griechenland, Spanien und Portugal haben dazu beigetragen. Die jungen Menschen sehen sich einer sehr düsteren Zukunft gegenüber. Die politischen Führer haben keine Ahnung, was sie tun, die Ökonomen sind perplex und die jungen Leute sehen auf einmal, dass sie keine Zukunft haben, wenn sie nicht aufstehen und darum kämpfen. Das ist es, glaube ich, was die Bewegung rund um die Erde antreibt.

Sie sind, wie Sie sagen, ein Kind der 60er-Jahre. Was sind für Sie die wichtigsten Unterschiede zu den 60er-Jahren?

Der größte Unterschied ist, dass wir in viel ernsteren Zeiten leben. Wir wollten in den 60er- Jahren nicht so leben, wie unsere Eltern und wollten mehr Freiheit. Es war eine kulturelle Revolution. Die jungen Leute heute werden hingegen von einer existenziellen Krise angetrieben. Außerdem waren wir in den 60er-Jahren noch im marxistischen Modell einer Revolution gefangen. Wir haben ein Manifest gebraucht und einen Anführer und konkrete Forderungen. Es war eine sehr vertikale Bewegung.

Sie glauben, dass es eine Stärke der Bewegung ist, dass sie kein konkretes Programm haben?

Die Kritik der Programmlosigkeit kommt oft von Altlinken, die seit 30 Jahren nichts Bedeutsames mehr auf die Beine gestellt haben. Wie kann man denn eine Bewegung kritisieren, die in einem Zeitraum von drei oder vier Wochen eine Debatte über die Zukunft Amerikas losgetreten hat, ja über die Zukunft des gesamten menschlichen Experiments auf diesem Planeten?

Die Occupy-Leute in New York haben eine Zuwendung von Adbusters abgelehnt, weil sie mit keiner bestimmten Organisation verbunden sein wollen, auch nicht mit Ihrer. Fühlen Sie sich trotzdem noch als Vater der Bewegung?

Absolut nicht, das wollte ich nie sein. Das ist doch das Schöne an dieser Bewegung, dass sie sich von niemandem vereinnahmen lässt, nicht von der demokratischen Partei, nicht von den Gewerkschaften und auch nicht von Adbusters.

Der ursprüngliche Gedanke von Adbusters war eine politische Strategie, die Sie „culture jamming“ nennen – die kreative Störung der gewohnten Abläufe in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ist Occupy noch Culture Jamming oder ist es schon etwas anderes?

Ich denke es hat viele Elemente des Culture Jamming. Es geht bei Occupy Wall Street letztlich um einen weichen Regimewandel in Amerika und in der ganzen Welt. Culture Jamming ist eine Serie von Techniken, eine Art und Weise, den Mächtigen zu antworten und sich Gehör zu verschaffen.

Öffentlichen Raum zu besetzen ist für Sie also eine Culture Jamming-Technik?

Absolut. Genau wie etwa einen Werbespot mit einer revolutionären Botschaft zu schalten, was wir schon mehrmals gemacht haben. Aber Occupy Wall Street ist sicher der beste Culture Jam, der uns je gelungen ist.

Wie viel hat die Bewegung der Tatsache zu verdanken, dass die Menschen von Obama enttäuscht sind?

Sehr viel. Die Leute haben erkannt, dass Obama keinen hochkriegt, dass er niemals die Dinge tun wird, die er versprochen hat.

Stört es Sie, dass sich Mitglieder der Tea Party an die Occupy-Bewegung hängen?

Nein, im Gegenteil, ich finde das toll. Ich habe die Tea Party seit langem bewundert. Nicht so sehr wegen ihrer Ideen, mit denen ich mich nicht immer identifizieren kann. Aber was wir mit ihnen gemein haben, ist die Erkenntnis, dass in der amerikanischen Gesellschaft grundsätzlich etwas faul ist. Ich hoffe, dass es in der Zukunft eine Koalition zwischen ihrer und unserer Bewegung geben kann, die vielleicht sogar in die Gründung einer dritten Partei in den USA mündet.

Wie würden Sie Ihre politischen Überzeugungen beschreiben?

Ach, ich passe nirgends richtig hinein. Aber ich denke, dass ich ein anarchistisches Grundempfinden habe. Ich wünsche mir eine Zukunft, in der die Menschen wirklich ihre eigenen Geschicke bestimmen können.

Was waren Ihre wichtigsten politischen Einflüsse?

Zweifelsohne Guy Debord und die Situationisten. Sie haben sehr früh verstanden, in welche Richtung unsere Konsumgesellschaft läuft und haben sich sehr früh dagegen gewehrt. Ich denke, die Culture Jammer versuchen, das zu Ende zu bringen, was die Situationisten begonnen haben.

Das Gespräch führte Sebastian Moll

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