Man muss nicht der Meinung sein, dass Marcel Reich-Ranicki sich um den Zustand des deutschen Fernsehens Sorgen gemacht hat, als er sich weigerte, den Fernsehpreis entgegenzunehmen. Trotzdem konnte man in dem Fall eine willkommene Möglichkeit sehen, die Qualität des Fernsehens zu diskutieren. Aber es kam bekanntlich anders: Elke Heidenreich, die jetzt Teil 2 der Eklat-Geschichte geschrieben hat, hat deutlich gemacht, dass die Qualität des Fernsehens offenbar nicht das Thema ist. Dazu war ihre Kritik viel zu krass. Worum es wirklich ging, ist aber, wenn man in dem Fall nicht einen Ausbruch von Heidenreichs Größenwahn erkennen will, kaum zu sagen.
Indes spricht einiges dafür, dass es beim Aufstand der Nationalspieler Thorsten Frings und Michael Ballack tatsächlich um die "Verdienste" der Spieler, ihre Bewertung und damit um einen Machtkampf im deutschen Fußball geht. Gemeinsam ist beiden Fällen, dass man sich doch wundert, mit welcher Heftigkeit die dissidenten Akteure sich öffentlich beschweren.
Da ist das Gefühl für das rechte Maß verloren gegangen. Die wissen doch ganz genau, dass sie mit ihren bissigen und wütenden Invektiven irreparable Schäden anrichten und sich dabei vor allem selbst schaden. Sind die verrückt geworden?
Will man das ausschließen, sind die Ausbrüche nur durch Verbitterung zu erklären. In beiden Fällen, egal wie man sie im einzelnen bewertet und wer nun letztendlich Recht hat, ist Enttäuschung gegenüber der Gemeinschaft im Spiel, die einen groß gemacht hat. Da wird reiner Tisch gemacht und mal das gesagt, was einen schon lange beschäftigt.
Vielleicht wollte Heidenreich ja wirklich öffentliche Liebesbekundungen des Senders provozieren, wie Stefan Niggemeier in seinem Blog vermutet. Vielleicht agieren Ballack und Frings tatsächlich vor allem aus gekränkter Eitelkeit. Aber sollte das wirklich alles sein? Die Prominenten, bisher Vorbilder für Millionen, sind Mimosen geworden, die nicht so wertgeschätzt werden, wie sie es verdient zu haben meinen?
Vor ein paar Tagen hat die gesamte Öffentlichkeit fehlendes Vertrauen beklagt. Das verlorene Vertrauen zwischen den Banken, sagte man, sei Schuld an der Finanzkrise. Es mag ja stimmen, aber merkwürdig ist es doch, wenn etwas so Weiches wie "Vertrauen", ein Wort eher für Sozialarbeiter oder Berufsethiker, so viel harte Dollars vernichtet.
Nun ist das Vertrauensverhältnis zwischen Ballack und Löw und vielleicht dem deutschen Fußball so weit zerstört, dass Ballack das gleiche Schicksal wie Elke Heidenreich blühen könnte, die jegliches Vertrauen des ZDF verspielt hat.
Da macht sich ein Erosionsfuror breit, wie er bisher nur an den Aktienmärkten zu beobachten war. Er spielt auch bei den Institutionen eine Rolle. Auch Joachim Löw macht keine Gefangenen. Vor ein paar Tagen war es Kevin Kuranyi, den er über die Klinge springen ließ, vor der EM wurde Bernhard Peters, der immer als hochkompetent gelobte Ex-Hockey-Bundestrainer, aus dem Kompetenzteam der Fußballnationalmannschaft geworfen, nachdem er öffentlich Kritik geübt hatte.
Auch gegenüber Ballack reagiert Löw sofort so rigoros, dass alles andere als der Rauswurf seines Führungsspielers zu seinem nachhaltigen Autoritätsverlust führen wird. Das droht langsam zum Schema zu werden. Öffentliche Kritik, Loyalitätsbruch, drohender Autoritätsverlust, Rauswurf.
Noch vor ein paar Tagen beklagten sich unsere Politiker, dass sich kein Banker in der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegt oder gar Selbstkritik übt. Das ist mehr als richtig. Aber natürlich wäre jeder Banker, der das getan hätte, sofort der Ballack oder die Heidenreich des Bankersystems gewesen. Da war ihnen das Hemd halt näher als der Rock. So groß war der Druck der Öffentlichkeit offenbar nicht, dass das Schweigen als schlechtere Alternative erschien.
Kann es sein, fragen wir nur mal vorsichtig, dass interne Kritik nichts mehr bringt? Dass die Systeme erschöpft sind, sich nur noch am Laufen halten und sich nicht mehr von innen her regenerieren? Und dass das nicht nur in den Banken so ist? Kann es sein, dass es statt Loyalität ein harscher Corpsgeist ist, der überall eingefordert wird, dass wir gerade das Wüten des spätneoliberalen Geistes erleben?
Wenn wir die Fälle Ballack und Heidenreich als Symptome einer sich ändernden Kommunikationskultur lesen und sie mit dem verlorenen Vertrauen zusammenlegen, das uns gerade zu ruinieren droht, sehen wir dann nicht, dass es überall bröselt, dass die Systeme sich mit Genuss, denn auch den gibt es ja bei Ballack und Heidenreich, selbst demontieren. Ist das schon das Rezessionsklima? War der Kitt, der alles zusammenhielt, bisher vielleicht doch noch deutlich stärker, als wir dachten?
Eigentlich haben Ballack und Heidenreich von Anfang an eines deutlich gemacht: Ich habe keine Lust mehr. Oder, mehr im Duktus der Akteure: Macht doch Euren Scheiß alleine. Glücklich, wer sich das leisten kann.
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