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Dauerausstellung zur Stasi in Berlin: Ohne Furnierästhetik und Nostalgieeffekte

Die neue Dauerausstellung zur Stasi in Berlin versucht sich dem einstigen Stasi-Apparat und seiner Überwachungstechnologie zu nähern und setzt dabei ganz auf das Wissensbedürfnis der Besucher.

In der Dauerausstellung Stasi können Besucher in den Akten wühlen.
In der Dauerausstellung "Stasi" können Besucher in den Akten wühlen.
Foto: dpa

Am ehemaligen Grenzkontrollpunkt, der den Berliner Bezirk Mitte mit Friedrichshain-Kreuzberg verbindet, wird mit einiger inszenatorischer Verve ein Stück Mauergefühl simuliert. Nicht zuletzt wegen seines niedlichen Namens ist der Checkpoint Charlie ein beliebter Treffpunkt für viele Berlin-Touristen. Vor der mit Sandsäcken versehenen Baracke paradieren Soldatendarsteller, das legendäre Kaffee Einstein hat hier eine weitere Filiale eröffnet. Das angrenzende Mauer-Museum ist eine feste Anfahrtsstelle für einen regen Bustourismus, der die Schauwerte des multikulturellen Kreuzberg mit Anmutungen aus der Berliner Inselzeit zu verknüpfen weiß.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu dieser stark bevölkerten Erinnerungslandschaft hat die Birthler-Behörde nun in der Zimmerstraße, unweit des U-Bahnhofs Kochstraße, eine Dauerausstellung eröffnet, die sich selbstbewusst „Stasi. Die Ausstellung zur DDR-Staatssicherheit“ nennt. Stasi. Die Ausstellung, das klingt nach erster Adresse, was angesichts der diverser Gedenkstätten, darunter authentische Orte wie das ehemalige Gefängnis Hohenschönhausen, und angesichts einer vergleichsweise kleinen Ausstellungsfläche keineswegs unbescheiden ist.

Kein konsumgerechtes Ausstellen von Wissen

Es ist ein kurzer, sehr stringent vorgetragener Ein- und Überblick zu den Überwachungs- und Strafaktivitäten der Staatssicherheit der DDR. In hellem, modernem Ausstellungsdesign muss sich der Besucher seinen Zugang zum Wissen über die Stasi selbst erarbeiten. Was die Stasi war, wen sie verfolgte und wie sie dabei vorging, erhält man nicht auf einen Blick, man muss es sich vielmehr über die leicht zu handhabenden, im Gegensatz zur robusten Überwachungstechnologie der Stasi seltsam filigranen Museumstechnologie erschließen.

Die Ausstellungsmacher sind so der naheliegenden Versuchung aus dem Weg gegangen, sich dem Stasi-Apparat über eine verharmlosend-muffige Furnierästhetik zu nähern. Es war wohl ein dringendes Anliegen der Ausstellungsmacher, Nostalgieeffekte zu vermeiden, wie sie Mauer-Museum und Checkpoint-Charlie in der Nachbarschaft auf plakative Weise verströmen. Die museumsdidaktische Anordnung setzt in diesem Fall auf das Wissensbedürfnis der Besucher.

Am Anfang stehen die Zahlen zum Kontrollwahn einer sich selbst abschottenden Staatsinstitution. 111 Kilometer Schriftgut, darunter 39 Millionen Karteikarten, 1,4 Millionen Fotos, 34 000 Film- und Tondokumente. Die Ausstellung erweist sich so auch als Dokumentation eines staatlichen Autoritarismus, der noch Lichtjahre von der Ära Wikileaks entfernt zu sein schien.

Selbstbeglaubigung einer unsicheren Macht

Die kleine Ausstellung der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), so der vollständige Name der Birthler-Behörde, zwingt zur Konzentration. Dargestellt werden in drei Kapiteln die Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), biographische Einzelschicksale von Stasi-Opfern und das Hineinwirken des MfS in den DDR-Alltag.

Das Selbstverständnis des MfS, Schild und Schwert der Partei zu sein, verlief nicht zuletzt über einen aufgeblasenen Auszeichnungsapparat mit Plaketten und Orden, das die systematischen Eingriffe in die Freiheit der Bürger zugleich verklärte und heroisierte. Die Überproduktion an Schriftstücken diente so gesehen nicht nur der Überwachung von Gefährdern der Parteienmacht. Schreibend und dokumentierend arbeitete der Apparat vor allem auch an der Selbstbeglaubigung einer prinzipiell unsicheren Macht. Den Einzelschicksalen von Opfern, die oft in dramatischer Form auf die Zerstörung von Biografien hinausliefen, stehen Biografien von Hauptamtlichen gegenüber, die vor allem durch Prinzipien der Statuserhaltung gekennzeichnet sind. Insbesondere am MfS wird sichtbar, dass die DDR eine kleinbürgerliche Gesellschaft war, in der Aufstieg und Statussicherung über die engen Bahnen der Nomenklatura verlief.

„Die Angaben über die Anzahl von Menschen“, heißt es im Katalog, „die zwischen 1945 und 1989 in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR seelischer und körperlicher Misshandlung in Zusammenhang mit politischer Verfolgung ausgesetzt waren, schwanken zwischen 170000 bis 280000 und über 300000.“ Die Zahlen ergeben sich aus der noch immer schwierigen Diskussion über die Definition des Opferbegriffs. Die Ausstellung lässt dazu die Vielfalt des Materials sprechen. Wer Wege zum Kommunismus sucht, sollte in der Zimmerstraße vorbeischauen.

Berlin, Zimmerstraße 90/91: „Stasi. Die Ausstellung zur DDR-Staatssicherheit“. Katalog 12 Euro. www.bestu.de

Autor:  Harry Nutt
Datum:  19 | 1 | 2011
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