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01. Januar 2013

On Kawara: Das Vergehen der Zeit in Zahlen

 Von Ingeborg Ruthe
Freiwillige lesen in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum abwechselnd Jahreszahlen vor. Das ist Teil des Kunstwerks.  Foto: dpa/dpaweb

Eine Würdigung zum 80. Geburtstag des Konzeptualisten On Kawara.

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Der Mann, dem hier zum Achtzigsten gratuliert wird, gibt weder Interviews, noch lässt er sich fotografieren. Auch auf seinen weltweiten Vernissagen ist er nie zu sehen. Nicht einmal auf der Documenta 11 in Kassel 2002, wo er in aller Munde war. Im Friderizianum stauten sich die Besucher vor einem Glaskasten. Hier, so hieß es, solle die Zukunft beginnen, in einem sprechendem Zahlen-Archiv namens „The Future“.

In dem Glaskasten des japanischen Konzeptualisten On Kawara saßen – als seine Stellvertreter – ein Mann und eine Frau, monoton lasen lasen beide abwechselnd Jahresdaten aus Büchern ab, sprachen die Zahlen ins Mikrofon. Zwischen dem historischen Jahr 555 und der fernen Zukunft um 5555 liegt ein unvorstellbarer Zeitraum. Doch in der nüchternen Art des Vortrags verlor das Unvorstellbare seine beklemmende Wirkung. Vergangenes und Künftiges mischten sich in die Gegenwart ein. Auf einmal war es nicht mehr absurd, daran zu denken, wie die Menschheit im sechsten Jahrtausend beschaffen sein, wie es dann um Gesellschaft bestellt sein könnte – nicht zuletzt um das Individuum.

Zehn Seiten für die Menschheit

Heute wird On Kawara, Wahl-New Yorker und Japans wichtigster Vertreter der Konzeptkunst, also 80 Jahre alt. Er reduziert sein Werk auf ein System, das es ihm erlaubt, die zeitliche Dauer und den räumlichen Aufenthalt seines Lebens in sachliche Bilder transformieren. Am 4. Januar 1966 erstellte On Kawara sein erstes „Date Painting“ und begann damit eine fortlaufende Serie namens „Today“, die bislang aus über 2000 einzelnen Bildern besteht. Die ungerahmten Leinwände, monochrom oder rot und blau bemalt, tragen das von Hand gemalte „Schrift“-Bild mit dem Datum des jeweiligen Tages in Weiß. Jedes Bild entsteht an dem Tag, dessen Datum es trägt, Schreibweise immer in der jeweiligen Landessprache.

Inzwischen begeben sich jüngere Künstler auf auf seine Spuren. Von Mai 2004 bis zum Juni 2007 war die Düsseldorfer Fotografin Candida Höfer unterwegs, um weltweit in Sammlungen die Datumsbilder On Kawaras aufzunehmen. Der war dadurch offenbar zu noch mehr animiert: „Ich möchte die Zahlen einer Millionen Jahre tippen und in einem Buch zusammenfassen! Wenn ich 500 Jahre auf einem Bogen Papier festhalten kann, dann benötige ich für diese Arbeit 2000 Blatt, und die Geschichte der Menschheit findet sich lediglich auf den letzten zehn Seiten wieder!“ So spricht der obsessivste Systematiker des internationalen Kunstbetriebs. Es heißt, er sei auch jetzt unterwegs.

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