Auf dem Künstlerfoto, das man auf den Internetseiten der Bayreuther Festspiele von ihr findet, sieht sie merkwürdig blass aus. Da ist sie eine Brünnhilde in weißem Rüschenkittel, etwas müde und verhärmt dreinblickend. Das soll Hildegard Behrens gewesen sein, 1983 im Solti-Hall-Ring?
Blass - dieses Attribut mag so rein gar nicht in die Welt der Sopranistin Hildegard Behrens passen, die am Dienstag im Alter von 72 Jahren starb. Die 1937 im norddeutschen Varel geborene Opernsängerin war vielmehr der Inbegriff einer geradezu gestaltungswütigen, hoch emotionalen Ausdrucksdarstellerin.
Eine schöne Stimme allein hatte ihr nie genügt. Es gab sicher Sopranistinnen, die mehr natürliche Substanz zu bieten hatten. Aber gab es auch eine, die größeres Aggressionspotenzial in der Rolle der Elektra an den Tag legte, einen derartigen Killerinstinkt als Leonore, eine Salome gab von vergleichbar energetischem Irrsinn?
"Zehn Jahre habe ich auf eine Salome gewartet. Vielleicht habe ich sie gefunden", so wird Herbert von Karajan zitiert, der als der Entdecker der Behrens gilt und dem sie einen guten Teil ihrer Karriere zu verdanken hatte. Hildegard Behrens probte gerade die Partie der Marie in Bergs "Wozzeck" an der Düsseldorfer Rheinoper, als Karajan sie zum ersten Mal hörte. 1977 setzte sie unter seiner Leitung bei den Salzburger Festspielen neue Maßstäbe in Sachen "Salome" - visionär-abgründiger, aber auch zart-leuchtender hatte zuvor niemand den Kopf des Propheten gefordert.
Diese Salome war eben kein junges, naives Ding mehr. 40 Jahre war Hildegard Behrens da, wie ohnehin nie eine wirklich junge Behrens auf der Bühne zu erleben war. Schließlich hatte sie zuerst Jura studiert und war mit 26 zum Gesang gekommen, mit 34 stand sie erstmals professionell auf einer Opernbühne. Und brachte sofort Reife mit und Reflexion, sie war vom späten Beginn an ein "dramatischer" Sopran, auch wenn sie es nach dem Rollenprofil erst nach und nach wurde.
Dafür blieb sie umso länger, ja bis zuletzt nicht nur im Geschäft, sondern auch auf Niveau. 1996, wieder als Elektra in Salzburg, feierte sie Triumphe - "manchmal schien es sogar, als habe sie einen neuen, bewunderungswürdigen Bereich der Souveränität und der Zartheit hinzugewonnen", schrieb Joachim Kaiser. 1999 folgte noch ein Höhepunkt ihrer Karriere: Sie eröffnete die Salzburger Festspiele mit der Oper "Cronaca del Luogo", die Luciano Berio ihr maßgeschneidert hatte.
Am heutigen Donnerstag hätte die 72-Jährige in Japan einen Liederabend geben sollen, mit Musik von Schubert, Mendelssohn und Spohr, daran angeschlossen hätte sich ein Meisterkurs. Sie starb in einer Klink in Tokio an den Folgen eines Aneurysmas, einer Blutgefäßverletzung im Gehirn.
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