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Otto der Große: Edithas Entführung

Magdeburg oder Halle: Wohin gehört die Gemahlin Ottos des Großen? Von Christian Thomas

Weil man es nicht gleich an die große Glocke hängen möchte, ist es nicht verboten, wenn man, sobald der Name Magdeburg fällt, still an Editha denkt. Nun gibt es aber offensichtlich Epochen, in denen Friedfertigkeit nicht ausreicht. So geschah es in diesen Tagen in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, nachdem man hier den Eindruck gewinnen musste, dass die Stadt Halle, immer schon eine zähe Konkurrentin im Bundesland, nach Editha greife, so dreist wie unberechtigt. In Magdeburgs Rathaus und Dom betrachtet man diesen Akt als Affront, böswillig erscheint der Zugriff auf die Gebeine der ersten Gemahlin Ottos des Großen, zumal mit Blick auf das 800jährige Jubiläum des gotischen Doms. Bereits die archäologischen Untersuchungen von Resten, die man Editha zuschreibt, die Analyse des Kenotaphs der Königin im rivalisierenden Halle, gelten in Magdeburg als Anmaßung und Arglist. Aus Magdeburger Blickwinkel stellt sich das in Halle eingefädelte Vorgehen als Raub dar.

Für eine solche Interpretation hat Harald Meller gesorgt, an erster Stelle bei Lutz Trümper, Magdeburgs Oberbürgermeister. Meller ist Landesarchäologe in Halle, der seinem Amt in den letzten Jahren Ruhm weit über die Landesgrenzen hinaus verschafft hat. Meller war nicht nur der Retter der Grabräubern ausgelieferten Himmelsscheibe von Nebra, sondern ist, mit der Eröffnung des feinst sanierten Landesmuseums von Halle gleichsam Patron dieser Kostbarkeit. Meller weiß die Himmelsscheibe auf denkbar berückendste Weise zu zeigen. Meller hat ein Händchen für Inszenierungen. Den schillernden Ruhm der Himmelsscheibe mehrte er, bevor sie endgültig glänzen durfte, in Etappen. Meller sagt, die DNA-Tests und molekularen Untersuchungen am Unterkiefer und an den Knochen dürften, um Gewissheit zu bekommen, anderthalb Jahre dauern.

Wie immer, wenn Außenstehende auf das Verhältnis zwischen Magdeburg und Halle schauen, stoßen sie auf etwas Komplexes. Dies rührt aus einer bereits historisch begründeten Konkurrenz. Mit dem Zwist wird die Öffentlichkeit wohlweislich nicht an einem Streit um des Kaisers Bart beteiligt. Zur Meinungsbildung gehört, dass man weiß, dass Editha ein Kind aus Wessex war. Als Ed(g)itha als Repräsentantin der westlichen Sachsen ins östliche Sachsen gebracht wurde, kam es zu so etwas wie einem frühmittelalterlichen Königinnen-Casting, aus dem Editha, ihre Konkurrentin Edgiva überflügelnd, als Regentin hervorging. So geschah es im Jahre 929 in Quedlinburg, bildete doch Quedlinburg so etwas wie die Familienpfalz der Ottonen. Es gibt Quellen, die berichten, dass Editha enorm beliebt war, angefangen bei ihrem Gemahl, der mit der Heirat wohl nicht allein eine Vernunftehe vollzog, eine politisch-strategische Bindung. Vielmehr wussten Chronisten zu berichten, dass Liebe im Spiel gewesen sei - so dass Otto seiner Editha die Stadt Magdeburg als "Morgengabe" schenkte.

In Magdeburg hat man seitdem immer wieder auf das thronende Königspaar, Otto und Editha, im Dom verweisen können, eine Darstellung aus der Stauferzeit, von der man über Jahrhunderte annahm, dass es sich um ein Scheingrab handele. Groß daher die Sensation, dass man Ende 2008 auf Überreste stieß, Knochenfragmente, Stoffgewebe, einen Bleisarg. Auf Editha?

Editha starb bereits 946 in Magdeburg, und sie war, wie Chronisten wissen, bedeutend genug, um auf die Geschicke des ottonischen Königtums Einfluss zu nehmen. Heutige Historiker erwähnen Edithas Engagement - oder sie unterlassen es, was mit Edithas Nachfolgerin, Adelheid von Burgund zu tun hat. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass die Ottonen es nicht beim Regierungssitz Magdeburg beließen. Vielmehr zog es auch Otto (wie schon seine fränkischen Vorgänger) nach Italien; um seinen Einfluss auf den Stuhl Petri in Rom zu sichern und zu mehren, unternahm Otto Feldzüge. Erneut wurden Ostfranken und Italien per Gewalt wieder zusammengebracht, legitimiert durch die Heirat mit Adelheid, war sie doch die Witwe eines italienischen Königs.

Die Perspektiven der Ostfranken/Ottonen, die Kaiserambitionen der ottonischen Könige und deren Papstpolitik zehrten von Frauenpower. Otto I. war ja nicht nur erfolgreich auf dem Lechfeld, 955, gegen die Ungarn, wo er Sachsen, Franken, Schwaben und Bayern zusammenführte und mit seinem Sieg so etwas wie ein "gefühltes Deutschland" hinterließ, angespornt von der Heiligen Lanze in der Königshand. Wenige Jahre später war es entscheidend eine Frau, die an Ottos Kaiserwürde beteiligt war, wie überhaupt zur Zeit der Ottonen der eine oder andere König und Knabe groß und stark wurde an der Hand kluger Königinnen und weitsichtiger Frauen.

Zum Frauenwirken unter den Ottonen gehörte, dass ihr Einfluss nicht an den Toren von Magdeburg Halt machte. Abgesehen davon ist es ein Glück im ganzen sachsen-anhaltinischen Ungemach, dass nicht auch Quedlinburg sich in den Zwist um das Erbe Edithas eingemischt hat.

Das Andenken an sie vollzieht sich sicherlich nicht in den Grenzen des Lokalpatriotismus; dennoch gehören Edithas spektakulär nach Halle entführten Gebeine nach Magdeburg. Eben an den Ort, der ihr einst zur "Morgengabe" gemacht wurde.

Autor:  CHRISTIAN THOMAS
Datum:  31 | 1 | 2009
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