Die Wahrheit ist wahrscheinlich keine Lösung, nicht in der Ehe, nicht im Leben - und im Fußball schon gar nicht. Meist braucht es die Lüge, um die Verhältnisse im Gleichgewicht zu belassen. Aber manchmal, an besonders heißen Tagen, lässt sich auch die Wahrheit nicht verheimlichen, erscheint sie als Schweißfleck unter Achseln, strömt hervor. Zum Beispiel die Wahrheit über die Freude an einem afrikanischen Weltmeister:
Jährlich versuchen 30.000 Afrikaner mit Schlauchbooten, Traktorreifen oder kleinen Nussschalen nach Europa zu gelangen. Man schätzt, dass per anno ca. 3000 ertrinken. Die Festung Europa, ein Begriff von Goebbels, wird mit Schnellfeuerwaffen, Küstenbooten und hohen Stacheldrahtzäunen verteidigt. Aufgegriffene Flüchtlinge werden im Süden Algeriens (Wüste) ausgesetzt, wo sie verdursten. Aber am liebsten sind Europa jene, die im Mittelmeer ertrinken.
So werden in Seenot geratene Boatpeople einfach ignoriert. Fischer, die sie trotz ausdrücklichen Verbotes dennoch retten, oft sind Kinder, Mütter, Babys an Bord, werden als Schlepper angeklagt und eingesperrt. So lange, bis die Verantwortung gegenüber ihren eigenen Familien Oberwasser bekommt, die Selbstachtung gegenüber ihrem Gott verdrängt. An mehreren Stellen im Mittelmeer hat man die Fischerei schon eingestellt, weil sie mehr Leichenteile als Fische an die Oberfläche bringt. Und auch die Totengräber so mancher Friedhöfe in Süditalien und Griechenland wissen oft nicht mehr, wohin mit all den unbekannten Toten.
Aber warum wollen all die Afrikaner trotzdem nach Europa? Weil sie den Vuvuzela-Lärm nicht mehr ertragen? Die Hitze? Sie nach europäischer Stille Sehnsucht haben? Nein! Die Bodenschätze ihrer Heimat wurden von internationalen Konzernen abgebaut, die Landwirtschaft durch verfehlte, ungerechte Agrarsubventionen zerstört, die Meere leer gefischt. Das Leben verunmöglicht.
Europa befindet sich in einem einseitigen, brutalen Krieg gegen Flüchtlinge. Opfer werden in Kauf genommen, totgeschwiegen. Das ist die Wahrheit, die nur niemand hören will. In den nächsten Jahren wird diese Situation weiter eskalieren. Insofern wäre einerseits ein afrikanischer Weltmeister der trommelnden, tanzenden und trötenden Lebensfreude zwar zu gönnen, und dem Kontinent zur Selbstwertstärkung auch nützlich, aber andererseits könnte die damit verbundene versöhnliche Beruhigung auch ein völlig falsches Signal bedeuten, es besser sein, wenn die letzten Afrikaner im Achtelfinale ausscheiden. Weil das wahrer ist. Aber die Wahrheit ist wahrscheinlich keine Lösung, nicht im Leben, nicht in der Politik - und im Fußball schon gar nicht.
Franzobel lebt als Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschien: Österreich ist schön: Ein Märchen (Zsolnay Verlag).
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