Besorgte Erinnerungsschützer und Denkmalexperten schlagen Alarm: Die Bausubstanz des Vernichtungslagers Auschwitz ist gefährdet! Rostige Verbrennungsöfen, Hausschwamm in den Schandmauern - ein unerträglicher Zustand sei das. Mit liebevoll-professioneller Gedenkkultur sei so etwas unvereinbar, die Verwahrlosung sei unübersehbar.
Papst Benedikt scheint bei seiner symbolischen Stippvisite in den Ruinen der Hölle vor Jahren durch ein potemkinsches Holocaustdorf gepilgert zu sein, ich sehe die Bilder noch vor mir, wie Seine Heiligkeit in roten Pradaschühchen und schneeweißer Soutane durch die Lagerstraßen trippelt, mehlig betroffen, unnahbar, ungreifbar. Was damals in ihm vorgegangen sein könnte, wissen wir jetzt: Abwrack-Prämie. Weg mit dem Zeug. Alles nur Kulissen.
Was seinerzeit ungesagt blieb, wurde nun symbolsprachlich kommuniziert, und plötzlich fällt alle Welt über den Stellvertreter mit gleicher Vehemenz her wie sie ihn ehedem als gütig, auratisch, charismatisch verklärte.
Untypische Ehrlichkeit
Es ist schon eigenartig. Da ist einer wie er einmal ehrlich, vermutlich ohnehin eine extrem atypische Gefühlslage im Vatikan, und schließt ein paar Hardliner im Ornat versöhnlich in die väterlichen Arme - schon bricht die Hölle über ihn herein.
Man muss sich schon fragen, was hinter dieser ungewöhnlichen Schärfe im Urteil der Öffentlichkeit steckt. Wenn sogar sonst sanftmütig-schwammige Theologen Rücktrittsforderungen aussprechen und dem bislang geradezu grotesk Verehrten in den heiligen Rücken fallen, scheint doch mehr auf dem Spiel zu stehen. Zum Beispiel die eigene Gesinnung.
Als ob die Gedenklust nicht schon längst zu einem leeren Ritual erstarrt wäre. Als ob wir nicht alle Auschwitz mental so allmählich verrotten, verfallen lassen und in uns halb abgewrackt, halb abgehakt hätten.
Denkmäler tragen die Altlast unsrer mürbe gewordenen Gefühle. Und dann zerreißt ausgerechnet der Garant unverbindlicher Heuchelei den Schleier der Schwiemelei, um ein möglichst unpathetisches Wort zu verwenden. Um Gottes willen! Vielleicht tut er das auch noch in voller Absicht, oder - fast noch schlimmer - in tapsiger Uninformiertheit. Wie auch immer: Wer jetzt nicht vehement protestierte, stünde politisch unkorrekt und splitternackt in der Landschaft.
Ganz abgesehen davon, dass von einem derart unberechenbaren Kantonisten in absehbarer Zeit noch weiteres zu befürchten wäre. Einem wie dem wäre es glatt noch zuzutrauen, dass er von heute auf morgen die eigene Unfehlbarkeit oder - horribile dictu - die Jungfräulichkeit Mariens einfach preisgäbe oder die Quelle von Lourdes als hygienisch bedenklich diffamierte.
Jürgen Wertheimer ist
Professor für Internationale
Literaturen und Germanistik
an der Universität Tübingen.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen