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Pearl Jam "Backspacer": Einkehr in die eigene Marktlücke

Mit diesem, ihrem neunten Album, rekapituliert die Band aus Seattle konzentriert ihre in bald zwei Jahrzehnten angehäuften Stärken. Und Vedder knödelt sich in exaltierte Höhen - wie in alten Tagen. ( mit Video)

Pearl Jam besetzen in der Rockwelt ihre eigene Marktlücke.
Pearl Jam besetzen in der Rockwelt ihre eigene Marktlücke.
Foto: Steve Gullick

Eddie Vedder, so wird berichtet, hat den Humor entdeckt. Ja, der einstmals als ein wenig verbissen verschriene Sänger von Pearl Jam soll sich bei Konzerten neuerdings gar zu Witzen hinreißen lassen. So wird kolportiert, er kündige alte Hits schon mal an mit den Worten: "Der hier ist aus dem Jahr 1793".

Gute Pointe, denn tatsächlich ist es ja so: Pearl Jam wirken nicht erst seit eben wie Dinosaurier. Schließlich sind sie die einzigen nennenswerten Überlebenden einer Ära, die als Grunge in die Geschichte der populären Musik eingegangen ist. Dafür können sie nichts. Allerdings dafür, dass man das auch "Backspacer" allzu oft überdeutlich anhört.

Mit diesem, ihrem neunten Album, rekapituliert die Band aus Seattle konzentriert ihre in bald zwei Jahrzehnten angehäuften Stärken. Stoisch rattern die beiden Gitarren genau jene Riffs ab, die immer eine Spur zu angestaubt klingen, während Vedder nur mit Mühe die Dramatik in seiner Stimme zu zügeln versteht. Die Geschwindigkeit wechselt recht vorhersehbar von flotteren Rock-Knallern wie "Supersonic" über mittelschnelle Stücke wie die erste Single "The Fixer" bis zu abgehangenen Balladen wie "Just Breathe".

Pearl Jam - The Making of Backspacer"

Es ist nachgerade klassische, rechtschaffene Rockmusik, die konsequent und trotzig verzichtet auf den hörbaren Einsatz moderner Technologie. Während zeitgenössische Rockbands mit Hilfe des Computer Dutzende von Aufnahmespuren übereinander schichten, klingen die E-Gitarren von Stone Gossard und Mike McCready immer noch wie - eben E-Gitarren.

Darüber singt Vedder seine Texte, deren Themenspektrum reicht vom Persönlichen über eher kryptische Sozialkritik zu vorsichtig politischen Aussagen. Doch Pearl Jam waren immer mehr als nur ihre Songs: Mindestens ebenso wichtig war immer auch die Haltung der Band, die sich trotz mehr als 60 Millionen verkaufter Platten weltweit, bisweilen geradezu selbstmörderisch den Markterfordernissen verweigerte. Ob man nun Amerikas größten Konzertveranstalter wegen überhöhter Eintrittspreise - schlussendlich erfolglos - verklagte.

Ob man nach der Katastrophe beim Festival von Roskilde 2000, als neun Fans beim Auftritt von Pearl Jam zu Tode gequetscht wurden, sechs Jahre lang keine Festivals mehr spielte. Oder ob man heute - zumindest im heimatlichen Amerika - auf die Unterstützung eines großen Entertainmentkonzerns verzichtet und "Backspacer" nur auf dem hauseigenen Label Monkeywrench heraus bringt: Die Band, die mit Vedder als Sprachrohr sich aktiv politisch engagiert oder für Umwelt- und Tierschutz wirbt, ließ sich bei ihren Entscheidungen nur selten von kommerziellen Erwägungen leiten.

Genau darauf wiederum gründet sich natürlich der lang anhaltende Erfolg des Quintetts. Und natürlich auch darauf, dass man sich auch in unruhigen Zeiten als Fan auf Pearl Jam verlassen kann. Die musikalischen Wandlungen, die in 19 Jahren Bandgeschichte durchlaufen wurden, waren niemals spektakulär. Aber doch bisweilen vorhanden: Vom überbordenden Pathos der Anfangstage entwickelte man sich zu einer vor allem soliden Rockband, die mal mit dem Mainstream-Rock liebäugelte, mal wieder die eigenen Punk-Wurzeln wiederentdeckte.

Je länger allerdings "Backspacer" andauert, desto deutlicher schieben sich diese alten Pearl Jam in den Vordergrund. Die Songs sind zwar sehr viel kürzer und konzentrierter als in jenen frühen Tagen, aber "Amongst The Waves" wird in den Fan-Foren bereits als Rückkehr zu jugendlicher Form gefeiert. Das allerdings ist kaum überraschend, klingt der Song doch wie ein, wenn auch etwas müdes Reprise von "Alive", der Grunge-Hymne, mit der ihnen dereinst der Durchbruch gelang. Und im gleich anschließenden "Unthought Known" schraubt sich Vedder knödelnder Weise in die bekannt exaltierten Höhen, denen die Band zwischenzeitlich doch abgeschworen hatte.

Andererseits: Pearl Jam verwalten ein Erbe. Sie können ganz entspannt zu ihren Anfängen zurückkehren, sie müssen sich nicht mehr neu erfinden, weil sie eine, ihre ganz eigene Marktlücke fest besetzt halten. Pearl Jam sind eine Institution. Wie sehr, auch das offenbarte sich unlängst wieder einmal auf der Bühne. Bei einem Auftritt in London erschienen unlängst ein Gast zum Mitspielen, der sogar noch eine längere Laufzeit auf dem Buckel hat: Rolling-Stones-Gitarrist Ron Wood sah dann allerdings doch noch entschiedenen zerknitterter aus als Vedder und seine Kollegen.

Pearl Jam: "Backspacer" (Island/ Universal)

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  17 | 9 | 2009
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