Bundestagspräsident Norbert Lammert zitierte Tucholsky und Enzensberger. Was man sich so zurechtlegt für ein Grußwort. Mit einer Tagung im Berliner Liebermann-Haus am Pariser Platz feierte der deutsche PEN (Poets, Essayists and Novelists) seine Wiedergründung vor sechzig Jahren. Die Nazis hatten die deutsche Sektion der internationalen Schriftstellervereinigung aufgelöst. 1934 war unterdessen der deutsche PEN im Exil gegründet worden, der vielen vertriebenen und verfolgten Autoren durch die Jahre des Exils half. Eine Geschichte mit hoher Selbstverpflichtung.
Norbert Lammert widmete sich der Rolle des Schriftstellers heute und beklagte die Tendenz zur gnadenlosen Entertainisierung des Öffentlichen und Politischen sowie das Schweigen der Intellektuellen. Was man so sagt, um im kulturkritischen Milieu ein zustimmendes Kopfnicken zu evozieren.
Die Verwunderung, dass ein gewitzter CDU-Politiker im intellektuellen Habitus der achtziger Jahre angekommen ist, wurde übertroffen vom Staunen darüber, dass der frühere Juso-Vorsitzende und heutige PEN-Präsident Johano Strasser eben dort steckengeblieben ist. In einem Vortrag aus dem Handapparat des klassischen Theoriedesigns zog er mit Verve gegen die theoretische Postmoderne zu Felde. Als hätte es die Verbrüderungsgesten zwischen Jürgen Habermas und Jacques Derrida nie gegeben, beklagte Strasser, dass die Differenz der Toleranz den Boden entziehe. Die Postmoderne habe die universalistischen Werte der Menschenrechte aufs Spiel gesetzt. Das war theoretisch unterkomplex und rhetorisch langweilig. Also weiter im Jubiläumsprogramm?
Es war schließlich an der unerschrockenen Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die feierliche Andacht zu stören. Strassers Vortrag nannte sie politisch unvernünftig und dumm. Eine solche Vereinfachungsrhetorik gezieme sich für einen Schriftsteller nicht. Diese bedürften für ihre Arbeit der Niederlagen, die in die Klemme führen. Und der Berliner Autor Ulrich Peltzer legte nach: "Ich weise diese Art der Kulturkritik von mir. Es geht mir beim Schreiben ausdrücklich um Differenz und Kontingenz." Anstelle einer Klage über den Bedeutungsverlust des Autors gehe es ihm um eine weitreichende Diversifizierung schriftstellerischer Aktivität.
Was als Podiumsdiskussion unter dem Titel "Die Politik des Textes" als Verständigungsdiskurs angelegt war, wurde plötzlich zu einer vehementen Zurückweisung der versammelten Autoren, ihr Schreiben durch ein überkommenes Politikverständnis vereinnahmt zu sehen. Der in Ost-Berlin aufgewachsene Sherko Fatah verwies darauf, dass politisches Engagement nicht zuletzt auch die Begabung der Zurückhaltung bedürfe. Die Tatsache, dass die Generation der mittleren und jungen Autoren keine politischen Klassensprecher hervorgebracht hat, darauf beharrten Lewitscharoff, Peltzer, Fatah ebenso wie Moderator Burkhard Spinnen, sage nichts über das politische Selbstverständnis der Autoren aus. Allenfalls mangele es den jüngeren Autoren, deren Kinder gerade das Haus verlassen (Spinnen), an jener Schizografie (Peter Rühmkorf), mit der man am Morgen ein hermetisches Gedicht schreibt und am Nachmittag eine politische Resolution.
Stefan Kleinschmidt, Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form, verwies auf das seltsame Verhältnis von Literatur und politischem Engagement, indem er darauf aufmerksam machte, dass der Text oft klüger sei als der Autor. Im politischen Feld sei es umgekehrt. Fast immer sei der Autor schlauer als seine politische Rede. Der deutsche PEN wäre indes gut beraten, die atmosphärischen Spannungen des Abends als Indiz und Ansporn für die intellektuelle Lebendigkeit zu nehmen.
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