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Per Petterson: Einmal mehr ist es zu spät

Nach "Im Kielwasser", einem Vaterabschiedsbuch, hat der norwegische Autor Per Petterson nun das Mutter-Pendant dazu geschrieben: "Ich verfluche den Fluss der Zeit". Von Christoph Schröder

Umschlagbild des Romans Ich verfluche den Fluß der Zeit von Per Petterson.
Umschlagbild des Romans "Ich verfluche den Fluß der Zeit" von Per Petterson.
Foto: Hanser Verlag

"Und jetzt reden wir nicht mehr darüber." Das ist ein Satz, den die Mutter zu Arvid, ihrem Sohn, sagt, als er ihr beim Aufstehen behilflich sein will, was sie barsch ablehnt. Der Satz könnte als Motto über Per Pettersons neuem Roman stehen.

Leid, Krankheit, Sterben und Vereinsamung - alles wird beschwiegen, entweder allein oder auch in der Familie. Arvid heißt Pettersons Protagonist und Ich-Erzähler; eine Figur, die wir bereits aus dem Jahr 2007 in deutscher Übersetzung erschienenen Buch "Im Kielwasser" kennen, in dem Arvids Eltern und Brüder bei einem Schiffsunglück ums Leben kommen. "Ich verfluche den Fluss der Zeit" (ein Zitat aus einem Gedicht Mao Tse Tungs) erzählt aus der Zeit davor.

"Das alles geschah vor etlichen Jahren." So lakonisch leitet Arvid seine Geschichte ein. Nach und nach erfährt man, wie lange genau: Es ist das Jahr 1989, doch der historische Hintergrund dient im Grunde nur dazu, einen Rahmen zu bilden. War "Im Kielwasser" ein Vater-, ein Vaterabschiedsbuch, so ist "Ich verfluche den Fluss der Zeit" das Mutter-Pendant dazu.

Denn die Mutter ist schwerkrank; die Diagnose Magenkrebs ereilt sie gleich auf der ersten Seite, und Petterson bedient sich von Beginn an seiner gewohnt distanzierten Sprache; eine Kühle geht davon aus, die dem Wesen der Mutter entspricht. Ihrer Zuneigung läuft Arvid ein Leben lang hinterher, und er macht dabei immer so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann: verpatzt betrunken seine Rede zum runden Geburtstag; geht in die Fabrik, um zu arbeiten, wie die Kommunistische Partei es von ihm fordert, anstatt zu studieren.

Jenem Milieu, dem die Eltern nur allzu gerne entflohen wären, schließt Arvid sich in den politisierten Siebzigerjahren in einem Anflug von proletarischen Snobismus freiwillig an. Doch der Reihe nach. Die Mutter also, eine gebürtige Dänin, betritt am Tag der Krebsdiagnose in Norwegen die Fähre und fährt "nach Hause", wie sie es nennt, in das Ferienhaus nach Jütland. Arvid, dessen Ehe kurz vor dem Aus steht (in "Im Kielwasser" ist er bereits geschieden) und der auch sonst in einem Gefühl von Verlorenheit vor sich hinlebt, reist ihr nach; im Gepäck eine Flasche Calvados, einem Schnaps, den zu probieren die Mutter und er schon immer vorgehabt hatten; "ein Mann, den es nur im Film und in bestimmten Büchern gab, am ehesten in älteren Büchern, geschrieben um den Zweiten Weltkrieg herum oder kurz davor, deren reale Handlung in einer Zeit spielte, die es nicht mehr gab, und zugleich lief ich dort entlang, fehl am Platze in Raum und Zeit." Ausgehend von dieser Situation verschiebt Petterson elegant die Erinnerungsachsen; der Roman springt ständig zwischen den zeitlichen Ebenen und entwickelt so das fragmentarische Bild einer komplizierten Familienbeziehung einerseits und eines beschädigten Erzählers andererseits, der an sich einen "Sprung im Charakter, einen Riss in der Grundmauer, der von Jahr zu Jahr größer wurde" diagnostiziert.

All das geschieht mit einer erschütternden Zwangsläufigkeit. Die Zeit rinnt allen Figuren durch die Finger und sie schauen dabei zu, bis sie bemerken, dass es nun zu spät ist, etwas zu ändern; dass ihr Leben verfehlt ist. Gesprochen wird darüber kaum, und doch ist die Trauer um den Verlust jederzeit präsent.

Einmal, ganz am Ende, bricht es aus der Mutter heraus, als sie auf Jütland eine alte Bekannte besucht: ""Es kam alles anders, als ich es mir vorgestellt hatte", sagte sie, "als ich es gehofft hatte, nein, alles wurde anders", sagte sie hart, "und jetzt bin ich krank."

Nachzuholen gibt es nicht mehr viel. Arvid trägt der Mutter seine Liebe hinterher. In einem Anfall von Heldentum fällt er, der Tollpatsch, die große Kiefer vor dem Haus, um von der Mutter zu hören bekommen, dass das nun auch schon längst fällig gewesen sei. Und einmal mehr stimmt etwas nicht mit dem Fluss der Zeit, einmal mehr ist es zu spät. In kleinen Szenen wie diesen zeigt Per Petterson, welch ein bemerkenswerter Autor er ist.

Per Petterson: Ich verfluche den Fluss der Zeit. Roman. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Carl Hanser Verlag, München 2009, 240 Seiten, 17,90 Euro.

Autor:  Christoph Schröder
Datum:  17 | 8 | 2009
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