Die Ausstellung ist also eine Art Zwischenbilanz. Edle Faustkeile und Steinspitzen belegen die Besiedlung schon in der Altsteinzeit, sie gleichen jenen Werkzeugen, die vor 1,3 Millionen Jahren in Ostafrika entstanden sind. Wir werden begrüßt von fünftausend Jahre alten abstrakten Menschengestalten in Stelenform aus al-Ma’ akir, entdecken anhand von wunderbar bemalten Keramiken und strengen, an persische Vorbilder erinnernde Skulpturen die Geschichte der Oasenstadt Tayma’. In einer höhlenartigen Installation sind die gewaltigen Herrscherstatuen von Dedan aufgestellt, mit schwellenden Muskeln und streng frontaler Stellung Zeichen der zivilisatorischen Prägekraft, die Ägypten und der Irak bis in die Wüste hatten. So wie später das Reich Alexanders des Großen für ihre Hellenisierung sorgte: die Nabatäer im Norden Saudi-Arabiens nahmen griechische Formen für ihre Gräber und die Münzen zeigen griechische Porträttypen. Die Pilgerwege vom Roten Meer und vom Irak werden erkennbar, dieses gigantische Wegenetz mit Gasthäusern, Hospitälern, Friedhöfen. Deutlich wird: Natur- und Kulturgeschichte sind nur in der akademischen Sphäre und in den Museen streng geteilt. In der Realität aber bedingen sie einander. Erst die Zähmung des wilden Dromedars machte die Wüste beherrschbar und Oasen zu Kulturlandschaften. Die Inszenierung mit großen Fototapeten durch den Architekten Youssef El Khoury deutet dies Wechselverhältnis wenigstens an.
Etwa 400 Objekte sind zu sehen, von denen gut 80 aus Berliner Museen, Sammlungen und der Staatsbibliothek stammen – in der etwa die älteste weitgehend vollständig erhaltene Koranabschrift bewahrt wird. Entfaltet wird ein Panorama vieltausendjähriger Wechselbeziehungen zwischen der arabischen Halbinsel und der Welt.
Die Ausstellung ist eine Sensation
Die Ausstellung ist also eine Sensation. Und ein politisches Problem. Übernommen wurde sie aus Paris, war zuvor in Barcelona und St. Petersburg zu sehen, wird weiterreisen in die USA. Organisiert wurde sie im Wesentlichen nicht von den neutralen Wissenschaftlern der Museen, sondern von der Altertums- und Tourismusbehörde Saudi-Arabiens. Kaum verwunderlich, dass man nichts über die aktuellen Konflikte in dem Land erfährt, nicht einmal in dem vorzüglichen Katalog. Kaum verwundert es, dass die jüdische und christliche Geschichte der arabischen Halbinsel nur ganz am Rand vorkommt. Dafür endet die Ausstellung mit einem Raum, der den Begründer Saudi-Arabiens, König Abd Al Azis al-Saud (1880-1953), mit Gewand, Adlerhandschuh und Koran feiert. Aber kein Wort findet man darüber, dass er mit einem blutigen Krieg die arabische Halbinsel unterwarf, der fundamentalistische Wahabismus seines Stammes viele tolerantere Koraninterpretationen seitdem unterdrückt hat.
Die Ausstellung konstruiert eine auf Städte begründete Vergangenheit für das 1932 konstituierte Königreich. Es soll damit den legendären Stadtkulturen des Jemen, des Irak, Syriens, des Irans und Ägyptens konkurrieren können. Es fehlen hingegen die faszinierenden Bauern- und Beduinenkulturen, die Wüsten und Steppen zum Lebensraum machten.
Für die Dynastie der al-Sauds ist es aber eine Urerfahrung, dass erst die Eroberung der Städte des Hedschas in den 1920er-Jahren ihren Machtanspruch absicherte. Jetzt geht es um den eben auf die Städte gegründeten Führungsanspruch in der arabischen Welt. Die Staatlichen Museen zu Berlin geben diesem Anspruch den großen Auftritt. Trotz des Desasters der Aufklärungs-Ausstellung in Peking, trotz der Arabellion arbeiten sie wieder mit einem antidemokratischen Regime zusammen.
Allerdings betont Stefan Weber, der Direktor des Museums für Islamische Kunst: Saudi-Arabien öffne sich seit den Zeiten des 2005 gestorbenen Königs Fahd. Gleichzeitig will die Dynastie al-Saud jede Instabilität vermeiden. Ein Balanceakt, zu dem auch diese Ausstellung gehört. Welche Rechtfertigung hätte also ein liberaler Staat wie die Bundesrepublik, die Türen vor den wenigen saudischen Liberalen zuzuschlagen? Vor zehn Jahren wäre es wohl unvorstellbar gewesen, dass sich Saudi-Arabien international präsentiert mit der nackten Statuette des antiken Halbgottes Herakles.
Pergamonmuseum, Museumsinsel. Bis 9. April, täglich 10–18 Uhr. Der Katalog kostet 45 Euro.
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