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Philip Roth im FR-Interview: "Ich bin nicht mehr so verrückt"

Fällt Ihnen etwas Positives zum Älterwerden ein?

Das würde mir schwer fallen. Sehen Sie, mein Kurzzeitgedächtnis ist nicht mehr so gut, ich hatte immer ein sehr gutes Erinnerungsvermögen. Dann habe ich gesundheitliche Einschnitte hinnehmen müssen, die sehr überraschend über mich hereinbrachen. Das Schlimmste aber ist, dass viele Bekannte sterben. In den letzten drei Jahren sind allein sechs Freunde gestorben, die meisten waren älter als ich. Das ist bitter, ich vermisse sie alle sehr. Und ich habe nicht mehr so viele Freunde. Ich kann es mir nicht leisten, in so kurzer Zeit, sechs von ihnen zu verlieren. Mein Bruder, das letzte Mitglied meiner Familie, ist vor vier Monaten gestorben. Ein Cousin, dem ich mich sehr verbunden fühlte, starb vor acht Monaten. Ich sage immer: Ich bin Mitglied im "Eine Beerdigung pro Monat"-Club, weil ich inzwischen tatsächlich einmal im Monat zu einer Beerdigung gehe. Das ist schlimm. Wissen Sie, ich habe das Alter einfach nicht erwartet.

Haben Sie es verdrängt?

Jeder weiß natürlich, dass er älter wird. Aber man rechnet trotzdem nicht wirklich damit. Als Kind wusste ich, dass meine Großeltern irgendwann sterben würden. Als ich 50 war, starben meine Eltern. Und es kam mir nie in den Sinn, dass mein Bruder irgendwann sterben würde. Ich konnte mir eine Welt ohne ihn gar nicht vorstellen. Ich vermisse ihn sehr. Alter ist eine große Ernüchterung.

Mr. Roth, eines Ihrer Bücher heißt "Eigene und fremde Bücher wieder gelesen". 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung liegt "Portnoys Beschwerden", der Roman, der Sie berühmt und berüchtigt gemacht hat, in einer neuen deutschen Übersetzung vor. Wenn das Buch heute erschiene, glauben Sie, dass die Geschichte eines sexbesessenen amerikanischen Juden, der auch schon mal in einer rohen Leber masturbiert, heute noch jenen Aufschrei der Empörung provozieren würde wie 1969?

Das wäre heute kein Eklat mehr. Um die Schockwellen, die das Buch auslöste, verstehen zu können, muss man sich die damalige Zeit vergegenwärtigen. Es war das Ende einer Dekade, die vom Trotz gegen die Obrigkeit und einem Verlust an Zutrauen in die öffentliche Ordnung geprägt war. Die Gesellschaft geriet in Turbulenzen, es wurde überall mit den traditionellen Regeln gebrochen, die Gewalt im Umfeld des Protests gegen den Vietnamkrieg war enorm. Ich ritt auf der Schaumkrone der Sixties-Welle, kurz bevor sie auf den Strand aufschlug - nur war mir das damals nicht bewusst. Das wurde mir erst rückblickend klar. Niemand hatte bis dahin je auf diese Weise über Masturbation geschrieben oder schonungslos über jüdische Familien in Amerika. Niemand hatte sich auf diese Weise mit Obszönität auseinandergesetzt, sie benutzt. Ich könnte heute so nicht mehr schreiben, nicht mal dann, wenn ich es ernsthaft versuchte. Ich bin nicht mehr so verrückt, wie ich mal war. Leider.

In Newsweek wurden Sie vor kurzem immer noch als "the Portnoy guy" bezeichnet.

Da haben Sie’s. Ich habe 26 Bücher seit Portnoy geschrieben. Und ich bin vielen immer noch vor allem wegen dieses Buches ein Begriff. Berühmt-berüchtigt.

Ein New Yorker Rabbi polterte damals: Bringt diesen Mann zum Schweigen. Hat sich Ihr Verhältnis zu jüdischen Gemeinden in den USA seitdem entspannt?

Der Rabbi war heftig. Das stimmt. Damals war aber nicht jeder aus der jüdischen Community gegen mich, manche fanden das Buch wundervoll, andere haben es als Skandal gesehen, zeterten, ich hätte Schande über die Juden in Amerika gebracht. Das ist alles längst vorbei und vergessen.

Man hat Ihnen vergeben?

Inzwischen gewinne ich sogar jüdische Buch-Preise. Die jungen Leute von heute können die Reaktionen von damals nicht mehr verstehen. Im Gegenteil: Viele sehen dieses Buch als Befreiungsschlag, weil ich das Klischee von der perfekten jüdisch-amerikanischen Familie entzaubert habe.

In "Portnoy" transzendieren Sie die Vulgarität, indem Sie das Thema Sex einführen, um eigentlich jedes Thema auszuleuchten: Religion, Politik, Geschichte oder Gesellschaft. Die Methode benutzen Sie immer noch, nur dienen Ihnen heute andere Themen als Katalysatoren...

Was ich heute schreibe, kann ich nur schwer mit früheren Büchern vergleichen. Ich bin damals mit einer anderen Energie ans Werk gegangen. Als ich Portnoy schrieb, waren die angesprochenen Themen interessant und wichtig für mich. Heute sind mir andere Themen wichtig: Alter und Tod.

Mr. Roth, jetzt reden wir seit mehr als einer Stunde miteinander und haben noch gar nicht über den Nobelpreis gesprochen. Sind Sie erleichtert?

Ehrlich gesagt ja. Aber so wie Sie Ihre Frage einleiten, wird es wohl nicht dabei bleiben. Müssen wir wirklich das Thema besprechen?

Müssen wir nicht. Es ist nur auffallend, dass Heerscharen europäischer Kritiker Sie seit Jahren regelmäßig als den wichtigsten US-Autor loben, der es längst verdient hätte den Preis zu bekommen. Ist Ihnen das egal?

Ob mir egal ist, was Kritiker mir wünschen? Hmm. Wissen Sie, Literatur ist kein Pferderennen. Der Nobelpreis wird aber als Pferderennen inszeniert. Und ich denke darüber nicht nach.

Als Horace Engdahl, einer der Mitglieder des Nobel-Komitees, sagte, US-Autoren wären auf absehbare Zeit nicht preiswürdig, weil sie zu sehr mit der US-Massenkultur verwoben seien, sorgte das für Empörung.

Das habe ich natürlich auch gelesen. Ich kann dazu nur sagen: Er ist schlecht informiert.

Interview: Martin Scholz

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Datum:  12 | 10 | 2009
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