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Philip Roth im FR-Interview: "Ich bin nicht mehr so verrückt"

Vor 40 Jahren provozierte er mit einem sexbesessenen Helden - und wird ihn seitdem nicht mehr los. Philip Roth im Interview mit der Frankfurter Rundschau über seinen neu übersetzten Skandal-Roman "Portnoys Beschwerden", die Feigheit von Intellektuellen und Einsamkeit im Alter.

Philip Roth.
Philip Roth.
Foto: Randomhouse

Mr. Roth, Sie waren noch nie auf der Frankfurter Buchmesse. Warum eigentlich nicht?

Weil ich solche riesigen Veranstaltungen nicht mag. Ich bin einige Male auf dem Frankfurter Flughafen zwischengelandet. Näher bin ich Deutschland nie gekommen.

Zur Person

Philip Roth, am 19. März 1933 als zweites Kind jüdischer Eltern in New Jersey geboren, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen US-Schriftstellern.

Mit seinem vierten Buch "Portnoys Beschwerden" erlangte er 1969 Weltruhm - die Beschreibung diverser Masturbationspraktiken brachte ihn damals in die Schlagzeilen.

Inzwischen schreibt Roth weniger obsessiv über Sex, sondern mehr über Alter und Tod wie 2008 in "Exit Ghost"

Haben Sie Deutschland gemieden?

Nein, es hat sich zufällig so ergeben, dass ich noch nie dort war.

Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse kam es zu einem Eklat, als die Organisatoren zwei regime-kritische chinesische Autoren auf Druck von Peking von einer Podiumsdiskussion wieder ausluden. Hat das in New York auch hohe Wellen geschlagen?

Nein. Das höre ich von Ihnen zum ersten Mal.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie hören, dass ein internationales Forum für Intellektuelle und Schriftsteller die Meinungsfreiheit willfährig außer Kraft setzt?

Dass das keine gute Sache ist. So sollte man nicht mit Schriftstellern umgehen, schon gar nicht als Buchmesse.

Der Fall hat in Deutschand auch die Frage nach Mut und Feigheit von Intellektuellen aufgeworfen. Auch die University Press in Yale hatte kürzlich für Empörung gesorgt, als sie sich weigerte, jene dänischen Mohammed-Karikaturen, die einen weltweiten Eklat ausgelöst hatten, noch einmal in einem Buch als Anschauungsmaterial abzudrucken. Aus Angst, die islamische Welt zu provozieren.

Dieses Beispiel stimmt mich nicht gerade optimistisch, was die Freiheit von Kunst und Literatur in diesen Tagen betrifft. Andererseits: Der Verlag hat Angst vor extremistischen Gewalttätern. Womöglich zu Recht. Die Verlagsleute fürchten um ihr Leben, das Leben ihrer Lieben. Ich kann mir nicht anmaßen, ihnen Verhaltensmaßregeln zu geben. Die Situation ist komplex. Nur, wer könnte sich diese Art von Zensur wünschen? Salman Rushdie hat mal gesagt: "Ohne das Recht auf Beleidigung gibt es im Prinzip auch keine Meinungsfreiheit." Da bin ich ganz bei ihm. Nur würde ich im Umkehrschluss nicht pauschal behaupten, dass es ohne Beleidigung überhaupt keine Meinungsfreiheit an sich mehr gibt.

Sind Sie mit Literatur aus China vertraut?

Überhaupt nicht. Ich habe zwar von diesem chinesischen Kollegen gehört, der vor Jahren den Nobelpreis gewonnen hat und im französischen Exil lebt, ich habe leider seinen Namen vergessen. Wie hieß er noch gleich?

Sie meinen Gao Xingjien?

Stimmt. Ich glaube, er wurde nicht mal in den USA veröffentlicht. Ich habe ihn jedenfalls nicht gelesen. Aber ich selbst werde seit kurzem in China veröffentlicht. Sie haben dort ein halbes Dutzend meiner Bücher herausgebracht: "Der menschliche Makel", "Amerikanisches Idyll" oder "Das sterbende Tier ". Nur nicht "Mein Mann, der Kommunist" - der Titel hat in China keine Bedeutung (lacht).

Reden wir über US-Politik: Vor ein paar Jahren verglichen linke Künstler in den USA Bush mit Hitler. In diesen Tagen nun brandmarken konservative Stimmen Obama als Hitler, weil er versucht, eine Gesundheitsreform durchzubringen, von der alle Amerikaner profitieren. Warum greifen Ihre Landsleute so schnell zur Hitler-Keule, wenn sie ihre Präsidenten kritisieren?

Die jüngsten Beispiele schockieren mich weniger als Sie. Denn die Vergleiche von Obama mit Hitler kommen von ganz rechts außen. Diese Leute sind nicht gerade für ihre Vernunft bekannt. Die meisten von denen wissen nicht mal, wer Hitler war. Jemanden als Hitler zu bezeichnen, ist immer noch die schlimmste denkbare Beschimpfung in diesem Land. Warum die Rechten jetzt so hysterisch reagieren? Weil sie von ihrer Natur her immer hysterisch sind. Sie fallen hysterisch über jeden Gesetzentwurf Obamas her. Bei der Gesundheitsrefom befürchten sie, der Staat würde ihnen künftig vorschreiben, welche Versicherung sie bräuchten. Das ist armselig, weil es einfach nicht stimmt.

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Datum:  12 | 10 | 2009
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