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03. Februar 2014

Philip Seymour Hoffman: Meister des menschlichen Makels

 Von 
Philip Seymour Hoffman bei einer Filmpremiere im November 2013.  Foto: AFP

In jeder Rolle, die Philip Seymour Hoffman spielte, war stets mehr. Ein Nachruf auf einen großen Charakterdarsteller.

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Für manche Regisseure sind Schauspieler lediglich ein künstlerischer Werkstoff. Antonioni etwa hat es so gesehen, für seine fraglos häufig meisterhaften Filme waren sie nur ein Gestaltungsmittel unter vielen. Ab und zu aber gibt es Filmschauspieler, die die Sache selbst in die Hand nehmen. Die ihre Rollen wie Bildhauer formen und dabei den Regisseuren auf Augenhöhe begegnen.

Philip Seymour Hoffman war einer dieser wenigen. In seiner kurzen Karriere spielte er mehr unvergessliche Rollen als mancher andere in seinem ganzen Leben. Aber das ist nie ein Trost, wenn Genies früh sterben. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Amerikaner aus einer weit größeren Lebensspanne zu schöpfen schien, als den 46 Jahren, die ihm selbst vergönnt waren.

"Capote" machte Hoffman zum Weltstar

Seine Hauptrolle in „Capote“ machte den bis dahin vor allem als Nebendarsteller bekannten Hoffman im Jahre 2005 zum Weltstar. Vergleicht man sein Spiel mit der dokumentarischen Vorlage, die er minutiös studiert hatte, dem Kurzfilm „A Visit with Truman Capote“ von Albert und David Maysles, entging ihm keine Nuance in Mimik, Gestik und Artikulation.

Doch da war noch mehr: Obwohl der Film im Wesentlichen nur eine Lebensphase des Schriftstellers behandelte, die Arbeit am Buch „Kaltblütig“, meinte man auch die Tragik des späteren, an der eigenen Ambition scheiternden Capote in Hoffmans Darstellung durchscheinen zu sehen. Der Gewinn von Oscar und Golden Globe wirkte unvermeidlich.

Dass es diesen Film freilich ohne Hoffman nie gegeben hätte, dass allein sein Einsatz dem bis dahin nur als Dokumentarfilmer hervorgetretenen Regisseur Bennett Miller die Chance seines Lebens bescherte, zeigt, wie angesehen Philip Seymour Hoffman bereits damals war. Eine seiner eindrucksvollsten frühen Rollen ist die des Krankenpflegers Phil in Paul Thomas Andersons Ensemblefilm „Magnolia“ (1999). Da will seine Filmfigur einem sterbenskranken Fernsehstar die Aussöhnung mit seinem Sohn ermöglichen, zugleich aber sein körperliches Leiden lindern. Unter Tränen verabreicht ihm Phil eine Dosis Morphium, die nicht nur die Schmerzen sondern auch das Bewusstsein lähmen könnte.

Man wird diese Filmszene wohl nicht mehr sehen können, ohne an jene Überdosis Heroin zu denken, die Hoffman ersten Meldungen zufolge das Leben kostete. Am vergangenen Sonntag wurde er tot in seiner Wohnung im New Yorker Stadtteil Greenwich Village aufgefunden.

Hoffman galt als geheilt

Hoffmans langjähriger Drogenkonsum war bekannt, doch in den letzten Jahren galt er als geheilt, man verfolgte seine Karriere ohne Sorge. Vor allem Musiker verfielen immer dem Heroin; Charlie Parker, Janis Joplin und Sid Vicious sind daran gestorben. Songs, die Verführungskraft und Fluch der sogenannten Künstlerdroge beschreiben, sind Legion.

Dass Hoffmans hoher Kunstanspruch, sein Einfühlungsvermögen in die menschliche Leidensfähigkeit, mit eigenem Leid erkauft gewesen sein mochte, konnte man erahnen. Nun ist es traurige Gewissheit.

Eine seiner besten Rollen spielte Hoffman in Paul Thomas Andersons epischer Filmbiographie eines Sektengurus, „The Master“. So wie dieser im glanzvollen, obsoleten 70mm-Format gedrehte Film wie ein Nachklang aus Hollywoods besseren Tagen wirkte, spielte auch Hoffman gewissermaßen jenseits der Zeit. Mal erinnerte er an Laurence Olivier, mal an Marlon Brando, mal an Orson Welles, er umarmte die gebrochene Aura verlebter Männlichkeit.

Auch in einem seiner letzten Filme, dem am 27. Februar startenden Spionagethriller „A Most Wanted Man“, wirkt er weit jenseits der Mitte vierzig. Nach dem Roman von John LeCarré spielt er den Leiter einer deutschen Spionageeinheit, der einen Terrorverdächtigen sucht. Als weißhaariger, schwer nikotinsüchtiger Ermittler mutet er an wie ein Überlebender des Kalten Krieges – auch wenn das rein rechnerisch kaum möglich scheint. Auch Nebenfiguren profitierten von Hoffmans Fähigkeit, sie in jene Zeitlosigkeit zu überhöhen, die man früher das „allgemein Menschliche“ nannte.
Mit wie vielen Facetten hätte er noch seine künftigen Filmfiguren ausstatten können, wenn ihm nur jene Lebenserfahrung vergönnt gewesen wäre, die er doch so glaubhaft vorauszuahnen schien.

Aufmerksamkeit für die menschliche Fehlbarkeit

Hoffmans Aufmerksamkeit galt der menschlichen Fehlbarkeit – selbst dann, wenn er charismatische, überwirkliche Charaktere spielte wie in „Capote“ oder „The Master“. Gerne hätte man ihn häufiger in Komödien gesehen wie „The Big Lebowski“ der Coen-Brüder, wo er in übereifriger Zuvorkommenheit den aalglatten Butler der Titelfigur spielte.

Aber wahrscheinlich lag in Hoffmans Sinn für das Absurde auch ein Trick, mit dem es ihm gelang, übergroße Figuren in ihre menschlichen Dimensionen zurück zu rücken. Etwa wenn sich sein Menschenfänger in „The Master“ seiner Sache so sicher ist, plötzlich ein albernes Tänzchen zu wagen.

Hoffmans Kapital war das, was anderen großen Schauspielern eine ewige Schwäche blieb: die Eitelkeit. Meisterhaft legte der passionierte Theaterschauspieler in seinen Filmauftritten den Finger auf den Hang selbst mächtiger Zeitgenossen, mehr aus sich machen zu wollen, als sie sind. Hoffmans Spezialität bestand darin, nicht einfach Menschen zu spielen, wie sie sind. Er spielte sie so, wie sie sich selbst spielen, wenn sie mehr sein wollen als sie sind. Allerdings wurden nie Karikaturen daraus, sondern umso menschlichere Lebensbilder.

Deshalb liebte man Hoffmans Filmfiguren und scheute sich nicht, sich auch mit seinen Unsympathen zu identifizieren. Es gibt nur weniger Schauspieler, die dieses Talent besitzen, Hoffman stand hier in einer Reihe mit Robert De Niro. Sein Tod ist ein schwerer Schlag für jenen schon lange bedrohten Teil des amerikanischen Kinos, der sich mit Unterhaltung nicht zufrieden gibt.

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