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12. Mai 2015

Philologie: Die Arbeit der historischen Textkritik

 Von 
Es gab keinen Auszug aus Ägypten, sagt der Bibelforscher Gerd Lüdemann, also auch kein geteiltes Meer. Wurde das Alte Testament also von einer überwältigenden Natur wie hier auf dem Sinai inspiriert?  Foto: REUTERS

Ob etwas Geschichte oder eine Geschichte ist, ist, wenn es sich um die Bibel handelt, nicht mehr einfach eine Frage der Philologie. Der evangelische Theologe Gerd Lüdemann im Interview.

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Der evangelische Theologe Notger Slenczka, Inhaber des Dogmatik-Lehrstuhls an der Berliner Humboldt-Universität, fordert, die Bücher des Alten Testaments nicht länger als Teil des christlichen Kanons zu betrachten. In seinem im Internet zugänglichen Aufsatz „Die Kirche und das Alte Testament“ schreibt er: „Wenn jemand ernsthaft die Texte des Alten Testamentes in ihrer Gänze liest und überschaut, wird er oder sie sich nur in engen Grenzen dazu imstande sehen, sie als Ausdruck des Gottesverhältnisses zu lesen und zu verstehen, das sein christlich-religiöses Bewusstsein ausspricht und das er in den Texten des Neuen Testamentes wiedererkennen und begründet sehen kann.“

Wir fragen Gerd Lüdemann, den langjährigen Göttinger Professor für Neues Testament, einen radikalen Zweifler an der Authentizität der Texte des Neuen Testaments, nach seiner Einschätzung des Alten Testaments. Lüdemanns 2006 erstmals erschienenes Buch „Altes Testament und christliche Kirche – Versuch der Aufklärung“ (Verlag zu Klampen) erschien vergangenes Jahr in einer zweiten Auflage.

Das Alte Testament, so lernte ich im Konfirmationsunterricht, weist auf die Botschaft des Neuen Testaments hin. Darum gehört das Alte Testament zur christlichen Bibel und spielt auch im Gottesdienst eine wichtige Rolle.
Der Gebrauch des Alten Testaments durch das Neue Testament ist historisch widerlegt, denn die alttestamentlichen Verfasser hatten an keiner Stelle die Personen und Geschehnisse im Blick, die ihnen die neutestamentlichen Autoren zuschreiben. Im Interesse klarer Kommunikation sollten Kirche und akademische Theologie diese sichere wissenschaftliche Erkenntnis den christlichen Gemeinden und der Öffentlichkeit ebenso unzweideutig mitteilen, wie das Naturwissenschaftler hinsichtlich der Widerlegung des Ptolemäischen Weltbildes getan haben.

„Sichere wissenschaftliche Erkenntnis“ – damit meinen Sie die historische Bibelkritik, wie sie jetzt seit mehr als 250 Jahren eine christliche Kernaussage nach der anderen auffrisst?
Der evangelische Theologe und Philosophieprofessor Ernst Troeltsch (1865-1923) erklärte, die historisch-kritische Methode, einmal auf die Bibel angewandt, sei „ein Sauerteig, der alles verwandelt und der schließlich die ganze bisherige Form theologischer Methoden zersprengt“. Ähnliche Auswirkungen wie bei der Destruktion der kirchlich-christologischen Verwendung des Alten Testaments finden wir nicht nur beim Dogma vom Gottmenschen Jesus Christus, das ebenso unbarmherzig hinweg gefegt wird, sondern bei praktisch allen Dogmen.

Auch die Überlieferungen des Alten Testamentes?
Die historische Kritik hat die kirchlich-christologische Verwendung des Alten Testaments von Grund auf zerstört. Die oft vertretene These, man könne die Rechtmäßigkeit dieses Gebrauchs wissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen, trifft daher nicht zu. Weder hat es eine Väterzeit noch eine Richterzeit gegeben. Israel tritt erst mit dem Königtum ins Licht der Geschichte –, und mit einiger Verzögerung auch die Jahwereligion, die sich erst seit dem Schock des Exils (587-539 v. Chr.) endgültig gegen den konkurrierenden jüdischen Polytheismus durchsetzen konnte. Die erzählerische Verbindung von Monolatrie und Jahwereligion mit Mose ist eine Rückprojektion des Glaubens der nachexilischen Gemeinde in die Anfänge Israels über einen Abstand von mehr als 700 Jahren hinweg.

Die Geschichten des Alten Testaments erzählen nicht die Geschichte Israels?
Weite Teile des Alten Testaments verstehen sich als Berichte einer Geschichte, von deren Faktizität ihre Erzähler überzeugt waren. Wo es sich wie bei kultischen, gesetzlichen und weisheitlichen Textabschnitten nicht um Geschichte handelt, haben jüdische Theologen sie gleichwohl im Rahmen der Historie Israels verankert und sie als authentische Worte und Taten alttestamentlicher Personen angesehen.

Das gilt für alle Texte oder nur für einige wenige?
Der historische Wert des Alten Testaments im Sinne einer Entsprechung von Bericht und Hergang beläuft sich auf der gegenwärtigen Erzählebene auf weniger als ein Prozent, nach Rekonstruktion der verwendeten Überlieferungen auf weniger als fünf Prozent.

Zur Person

Gerd Lüdemann, Jg. 1946, ist emeritierter Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Georg August Universität in Göttingen. Lüdemanns 2006 erstmals erschienenes Buch „Altes Testament und christliche Kirche – Versuch der Aufklärung“ (Verlag zu Klampen) erschien im vergangenen Jahr in einer zweiten Auflage.

Das können Sie so genau quantifizieren?
Wertvolles geschichtliches Material sind allein die Königslisten von Israel und Juda, die in das Buch der Könige eingegangen sind.

Was ist mit den Psalmen Davids, was mit den Sprüchen Salomos?
Kein Buch des Mose stammt von Mose, kein Psalm Davids von David, kein Spruch Salomos von Salomo, keine Vision Daniels von Daniel, die allerwenigsten Prophetenworte von den Propheten, unter deren Namen die Bücher überliefert sind.

Keiner der Autorennamen stimmt?
Exakt.

Aber was ist mit den zentralen Glaubensinhalten von Judentum, Christentum und Islam? Was bleibt von der Vorstellung von den abrahamitischen Religionen?
So viel steht jedenfalls fest: Es gab keinen Exodus aus Ägypten, keine Sinaioffenbarung, keine Zehn Gebote, Abraham und Mose sind bloße Namen, Jericho wurde nie erobert, der Pentateuch, die sogenannten fünf Bücher Mose, wurde erst im 5. vorchristlichen Jahrhundert zusammengestellt. Weil sie wahr sind, kann man diese Sätze nicht oft genug wiederholen, denn fast 2000 Jahre lang haben Kirchenfunktionäre – zur Erhaltung ihrer Macht – nicht selten das glatte Gegenteil gepredigt.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, Abraham sei nichts als ein Name?
Die Gestalten Abrahams, Isaaks und Jakobs haben ursprünglich nichts miteinander zu tun. Es waren völlig selbständige Geschichten, die erst von einem späteren Autor – man spricht da gerne von einem Redaktor – in einen genealogischen Zusammenhang gebracht wurden.

Jemand hat also bereits vorliegende Geschichten zusammengestellt und eine neue Geschichte daraus gemacht?
Das ist mehrmals geschehen. Die Arbeit der historischen Textkritik besteht darin, diese verschiedenen Schichten zu erkennen, zu analysieren und zu datieren. Natürlich bestehen über viele Detailfragen sehr unterschiedliche Ansichten. Aber es gibt keinen Alttestamentler, der nicht davon ausginge, dass wir es mit der Zusammenstellung höchst disparater Geschichten aus ganz unterschiedlichen Epochen zu tun haben. Schon darum erlauben die Erzählungen keine Rückschlüsse auf eine Frühzeit Israels oder eine vorisraelitische Väterzeit – und die Josephsgeschichte (Gen 37–50), die sich aus nachträglich hinzugewachsenen Ergänzungen zusammensetzt, erst recht nicht.

Was bleibt da noch?
Ich kann Ihnen nur sagen: Die genaue Lektüre der sogenannten Geschichtsbücher des Alten Testaments hat die Glaubwürdigkeit des historischen Rahmens von Grund auf zerstört. Der Wissenschaftler muss heute davon ausgehen, dass das biblische Israel, die schönen Patriarchenerzählungen von Abraham und den Seinen, nichts sind als die Erfindung von Theologen, die den ins babylonische Exil vertriebenen Israeliten eine schöne Vergangenheit erfanden. Damit steht der Glaube unter Ideologieverdacht.

Der Gott des Alten Testamentes...
Er hat weder Israel aus Ägypten geführt noch Jesus von den Toten erweckt. Beide – der Exodus aus Ägypten und die Auferstehung Jesu – fanden niemals statt. Sie sind Geschichten. Nicht Geschichte. Damit verliert das Christentum die Grundlagen seiner Lehren vom alten und vom neuen Bund.

Was folgt daraus für die Arbeit der Wissenschaftler an den theologischen Fakultäten der Universitäten?
Die wissenschaftliche Arbeit an der Geschichte Israels macht untüchtig sowohl für ein an die Eignungsanforderungen der Kirche gebundenes theologisches Professorenamt als auch für das Amt eines Geistlichen. Auf beides verwies bereits Julius Wellhausen (1844 – 1918). Er zog auch die Konsequenz aus seiner Erkenntnis und verzichtete auf seinen theologischen Lehrstuhl in Greifswald.

Und heute?
Gilt genau das Gleiche: Nur eine christologische Auslegung des Alten Testaments macht das Fach „Altes Testament“ zu einer theologischen Disziplin, die eine Daseinsberechtigung an den gegenwärtigen Theologischen Fakultäten in Deutschland besitzt. Da indes viele akademische Alttestamentler aus gutem Grund die christologische Auslegung für wissenschaftlich widerlegt halten, sollten sie das auch öffentlich sagen. Sie trügen damit zu einer Reform des Faches Theologie in Deutschland, zur Freiheit der Forschung, zur intellektuellen Redlichkeit unter Studierenden und auch zur Erhöhung der eigenen wissenschaftlichen Qualität bei.

Interview: Arno Widmann

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