Der Frankfurter Philosoph Martin Seel im Gespräch über Wulff, Tugenden und Laster.
Es war zuletzt viel von Anstand, Würde und Wahrhaftigkeit die Rede. Kann man angesichts der Diskussion um Bundespräsident Wulff von einem Comeback der Tugenden reden?
Nach meinem Eindruck ist ein Revival der Tugenden schon länger im Gange. Man muss sich nur Germany’s Next Topmodel anschauen, eine Show, in der von Heidi Klum als Hohepriesterin des Modelgewerbes mit gespieltem Ernst allerhand klassische Mädchentugenden gepredigt werden. Auch wenn die „würdige Greisin“ in der Werbung von der munteren Seniorin abgelöst worden ist, spielen auch heute im Alltag bei der Bewertung von Menschen positive und negative Charaktereigenschaften weiterhin eine erhebliche Rolle, wenn auch in einer deutlich entstaubten Form. Wir schätzen oder respektieren Leute, die in ihrem Metier etwas können und uns auch sonst mit Charme, Humor, Großzügigkeit oder Hilfsbereitschaft erfreuen – und denen es gelingt, ihre Selbstachtung zu bewahren.
Der politische Skandal hat zuletzt deutlich an Suspense verloren und ist in eine quälende Phase des Nicht-enden-Wollens eingetreten. Kommt es bei der Affäre also gar nicht so sehr auf die Tugenden an?
Doch, eben weil es hier um eine bemerkenswerte Verquickung von politischen und persönlichen Tugenden und Lastern geht, in der sich der Bundespräsident mehr und mehr zu verheddern scheint. Schließlich hat er sich in seiner Reaktion auf die Vorwürfe ihm gegenüber ein ums andere Mal außerordentlich unklug verhalten, was die Affäre immer wieder in Schwung gebracht hat.
Der Fall Wulff ist durch eine auffällige Nähe zum Laster geprägt. Dubiose Freundschaften, verschwenderischer Lebensstil und eine nachlässiger Umgang mit der Wahrheit. Disqualifiziert das einen Politiker als Vorbild?
Es ist nicht die Aufgabe von Politikern, den Menschen als Vorbild für ihren eigenen Lebensstil zu dienen. Ihren Job aber sollten sie schon beherrschen. Im Fall eines Bundespräsidenten gehören dazu moralische Integrität, politische Erfahrung, unabhängiges Urteil, rhetorische Gaben, diplomatisches Geschick und Respekt vor der öffentlichen Meinung. Das sind Anforderungen, denen entsprechen sollte, wer der „Würde des Amtes“ gerecht werden will. Auch und gerade ein Politiker sollte ein Gespür dafür haben, was „unter seiner Würde“ ist.
Einen wie Kennedy hat man gerade wegen seines eleganten Umgangs mit dem Laster geliebt. An Gerhard Schröder hat man immerhin noch seine Zockerqualitäten gemocht. Spricht denn gar nichts für den Bürger W.? Leben wir in einem Zeitalter des moralischen Rigorismus?
Der Rigorismus-Reflex scheint mir in dieser Sache fehl am Platz. Wenn einer sich in früheren Jahren rigoros geriert hat, so war es doch Christian Wulff selbst. Ihm scheint das Stück Selbsterkenntnis und also Selbstdistanz zu fehlen, das für eine souveräne Amtsführung ebenso unerlässlich ist wie für ein aufrechtes Leben diesseits der Politik. Wulffs bisherige Laufbahn ist doch eher von einer Überangepasstheit geprägt, die ihn daran gehindert hat, jene Ecken und Kanten zu zeigen, die ihn als Person glaubhaft erscheinen lässt.
Sieht man sich die Galerie der Bundespräsidenten an, stechen verschiedene Formen von Mittelmaß ins Auge. Gehört das nicht auch zum Anforderungsprofil für das Amt?Heuss, Heinemann, Herzog, von Weizsäcker, Rau? Mittelmaß würde ich das nicht nennen. Es ist nicht das Amt, das danach verlangt, sondern es war und ist gelegentlich das fatale Kalkül der politischen Mehrheit, dem Mittelmaß den Vorzug zu geben.
Der Wahrheitsliebende, heißt es bei Aristoteles, wird auch dort die Wahrheit sagen, wo es keine Rolle spielt.„Können wir heute noch verlässlich unterscheiden, wann etwas eine Rolle spielt und wann nicht?
Heute noch? Das war doch immer schon schwer genug. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass man es selbst mit der Aufrichtigkeit übertreiben kann; wer aber auch immer die Wahrheit sagt, wird sich in manchen Situationen dumm, taktlos verletzend oder brutal verhalten. Hier wie auch bei den anderen Tugenden, wie Aristoteles sagt, die richtige Mitte zu finden, ist eine durchaus heikle Kunst. Warum das so ist, lässt sich an der vergleichsweise überschaubaren Welt des Sports verdeutlichen. In vielen Mannschaftssportarten schließt Fairplay ja das Risiko unfairer Handlungen ein. Wer ohne Reserve mit der für das Gelingen des Spiels gebotenen Leidenschaft spielt, nimmt eine gelegentliche Übertretung der Regeln in Kauf. So auch im Spiel der Moral. Wer es damit ernst meint, muss darauf verzichten, seine Hände wie Pontius Pilatus ein für alle Mal in Unschuld zu waschen. Aber er oder sie muss bereit sein, sich und anderen über das eigene Tun und Lassen Rechenschaft zu geben.
Gibt es eine Art politische Ökonomie des Skandals? Anders gefragt: Geben Skandale Orientierungshilfen?
Aber gewiss; keine Demokratie ohne öffentlich ausgetragene Affären. Schließlich geht es auch in der aktuellen Debatte um die Klärung von Standards der politischen Moral und um eine besonnene Auslegung dieser Standards. Gottlob freilich ist es nicht immer die Bildzeitung, die auf einer von ihr geregelten Flamme der allgemeinen Erregung das eigene Süppchen kocht.
Das Gespräch führte Harry Nutt.
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