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13. Juli 2012

Philosophin Nussbaum: „Hinter Toleranz steckt eine herablassende Weltsicht“

„In manchen Fragen sind wir in den USA großzügiger – etwa in der Debatte um Kleidervorschriften“, sagt Nussbaum.  Foto: getty/Dimas Ardian

Ein Gespräch mit der Philosophin Martha Nussbaum über Respekt, die Universalität der Menschenrechte und das Verhältnis des Westens zum Islam.

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Ein Gespräch mit der Philosophin Martha Nussbaum über Respekt, die Universalität der Menschenrechte und das Verhältnis des Westens zum Islam.

Frau Nussbaum, der Schriftsteller Martin Mosebach hat jüngst (FR v. 19. Juni) gefordert, Gotteslästerung strafrechtlich zu verfolgen. Es schütze das Wertefundament auch eines säkularen Staates und sei dem sozialen Klima förderlich, wenn die Menschen mit der Anwesenheit Gottes rechneten. Was halten Sie von diesem Konzept?

Es gibt weltweit die Tendenz, die Schmähung der Religion und des religiösen Bekenntnisses schärfer zu ahnden. Der weitere Kontext dafür ist das Phänomen der „Hassrede“ (hate speech), gegen die vielerorts Gesetze erlassen werden. Gotteslästerungsparagrafen sind ein spezieller Anwendungsfall. Ich halte solche Gesetze zur Einschränkung der Redefreiheit insgesamt für eine ausgesprochen schlechte Idee.

Warum?

Weil sie – entgegen dem, was von den Gesetzgebern behauptet wird – am Ende nicht Minderheiten und deren Bekenntnis schützen, sondern zu einem Machtinstrument in der Hand der Mehrheit werden. Ein typisches Beispiel ist Indien. Da hieß es, die Muslime sollten durch Blasphemie-Gesetze vor der Hindu-Mehrheit geschützt werden. Tatsächlich überziehen rechte Hindus Andersdenkende und Kritiker mit Prozessen. Eine Kollegin von mir, eine exzellente Kennerin der Geschichte Indiens, sollte sich vor einem indischen Gericht für die Behauptung verantworten, dass die niederen Kasten Indiens einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung des Landes geleistet haben. Sie ist der Vorladung natürlich nicht gefolgt. Die Folgen: Sie kann nicht mehr nach Indien reisen. Und ein angesehener Verlag wollte ein Buch mit ihren Thesen nicht veröffentlichen. Da sieht man, wohin das Ganze führt: Statt „Blasphemie“ wird am Ende missliebiges Denken verfolgt.

Aber hat es nicht vielleicht Sinn, die Integrität Gottes als eines „Urgrunds“ unseres Daseins zu schützen?

Gott sollte komplett aus der Politik rausgehalten werden. Denn politische Prinzipien können nicht auf metaphysische Vorstellungen gestützt sein, die nicht von jedermann geteilt werden können. Es mag Ausrutscher geben. Etwa wenn der US-Präsident seine Rede an Thanksgiving mit „Dank sei Gott“ beschließt. Eigentlich halte ich auch das für inakzeptabel, aber ganz so schlimm ist es in diesem Kontext auch wieder nicht. Wenn aber Menschen unter Berufung auf Gott in ihren Freiheiten beschnitten werden sollen – dann wird es richtig gefährlich.

Nirgends wird Gott doch so häufig und intensiv bemüht wie in der amerikanischen Politik.

Schon, aber nicht in der Gesetzgebung und in der Rechtsprechung. Die Zeiten sind vorbei. Es mag Sonderfälle geben, in denen bestimmte Meinungsäußerungen aus guten Gründen unter Strafe gestellt werden – wie in Deutschland die Leugnung des Holocaust. Das ist angesichts der historischen Bürde völlig verständlich. In Amerika fände ich ein solches Gesetz nicht hinnehmbar, weil wir keine auch nur annähernd vergleichbare Geschichte des Antisemitismus kennen.

Zur Person
        

law university chicago

Martha Craven Nussbaum, 1947 in New York City geboren, gilt als eine der renommiertesten Philosophinnen der Gegenwart. Sie lehrt an der Universität Chicago. In Köln bekleidet sie in diesem Jahr die Albertus-Magnus-Professur. Diese wird seit dem Jahr 2005 von der Universität Köln gemeinsam mit dem Thomas-Institut ausgerichtet.

Die Arbeiten Martha Nussbaums formulieren Positionen zum liberalen Feminismus und zur politischen Philosophie des Multikulturalismus. Ihr Werk umfasst zudem Essays zum Stellenwert der Geisteswissenschaften im Kontext akademischer Bildung und Ausbildung.

Sie plädieren für größtmögliche Toleranz?

Hinter dem Begriff „Toleranz“ steckt eine falsche, herablassende Weltsicht. So als ob die eine Gruppe von Menschen eine andere gnädigerweise in ihrer Art zu leben gewähren lässt, sie aber auch jederzeit daran hindern könnte.

Was setzen Sie dann an die Stelle von „Toleranz“?

Respekt unter Gleichen.

Okay. Gibt es Grenzen dieses Respekts?

Insofern der Respekt der einzelnen Person und ihren unveräußerlichen Rechten gilt, nicht ihrem Handeln gilt, ist er grenzenlos. Im Prinzip. Aber natürlich kann und muss der Staat gegen Verbrechen vorgehen. Er kann sogar ein „übergeordnetes öffentliches Interesse“ definieren und Praktiken verbieten, die den öffentlichen Frieden, die öffentliche Sicherheit oder die „Volksgesundheit“ bedrohen. Ob und wann das der Fall ist – da gibt es Grauzonen, keine Frage.

In China wird die Universalität der Menschenrechte mit dem Argument bestritten, sie seien Ausdruck des westlichen Individualismus – eine Art ethischer Kolonialismus.

Das Individuum gegen die Gemeinschaft auszuspielen, ist ein krasses Missverständnis der Menschenrechte. Solidarität und Verbundenheitsgefühl sind wesentlich für den Menschen und im Konzept der Menschenrechte mit verankert. Die Berufung auf angebliche „asiatische Werte“ durch ein diktatorisches Regime wie in Peking ist heuchlerisch und eigensüchtig. Ich erinnere daran, dass die allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 von China mitbeschlossen wurde. Generell dient die Berufung auf kulturelle Eigenheiten meistens den Interessen der Herrschenden. Fragen Sie mal die Chinesen, ob ihnen die Menschenrechte egal sind.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund das Verhältnis des Westens zum Islam?

Auch da ist viel Selbstsucht und Narzissmus im Spiel. Wir verlangen von den Muslimen Dinge, die wir für uns selbst keineswegs konsequent gelten lassen. Kants „Kategorischer Imperativ“ ist dafür der allerbeste Testfall: Ist eine bestimmte Norm tatsächlich für alle gleichermaßen gültig, also auch für uns selbst – oder gestehen wir uns Ausnahmen zu? Wenn das so ist, müssen wir das ändern, müssen wir selbst uns ändern.

Beispiel?

Das Burka-Verbot, das etwa in Frankreich gilt. Es lässt außer acht, dass praktisch alle religiösen Traditionen Kleidervorschriften kennen, die „modernen Gemütern“ seltsam oder rückständig vorkommen. Nur bei den Muslimen reagieren wir plötzlich allergisch. Psychologisch gesehen, kommen hier Misstrauen und Feindseligkeit einer Mehrheit gegenüber einer neuen, fremden Minderheit zum Ausdruck. Aktuell sind das in Europa die Muslime. In den USA richteten sich die Animositäten im 19. Jahrhundert gegen katholische Einwanderer aus Süd- und Osteuropa. Ohne irgendeine tiefere Kenntnis oder gar neugieriges Interesse an ihrer Religion wurden Katholiken regelrecht dämonisiert: Sie könnten keine Demokraten sein, hieß es, weil sie einer eigenen, höheren Autorität gehorchen müssten. Es gab in den USA keine größeren religiösen Vorbehalte als gegen Katholiken.

Den Katholiken in Bismarcks Preußen ging es auch nicht viel anders.

In den USA dicht gefolgt von den Mormonen. Ich bin mal gespannt, wie im Jahr 2012 der Versuch eines Mormonen ausgehen wird, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Jedenfalls sind die Diskussionen über die Muslime und den Islam überhaupt nicht neu. Durch das Thema „Terrorismus“ nehmen sie höchstens etwas andere Formen an. Umso unverzeihlicher ist es, dass oftmals ohne jede Differenzierung von „dem Islam“ die Rede ist.

Das Problem besteht in einer übertriebenen Vereinfachung?

Zum Teil, ja. In Europa kommt hinzu, dass man nationale Identität aus dem Geist der Romantik über Sprache, ethnische Zugehörigkeit und Religion – konkret: das Christentum – zu definieren versucht hat. Minderheiten mit anderer Sprache, Herkunft und Religion fallen da schnell durchs Raster. Wenn Sie die Geschichte des europäischen Antisemitismus vom 19. Jahrhundert an verfolgen, werden Sie darin viele Motive entdecken, die jetzt das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zur muslimischen Minderheit prägen. Bis hin zu allerhand Verschwörungstheorien und einer paradoxen Verdachtshermeneutik.

Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen. Aber beruht die „Politik der Angst“, gegen die Sie sich wenden, bloß auf Hirngespinsten? Es gibt doch auch eine reale Bedrohung.

Gewiss. Es gibt offensichtlich Dinge, vor denen wir uns fürchten müssen: den Terrorismus, aber auch wirtschaftliche Instabilität. Ich glaube, die Einwanderungspolitik oder besser Anti-Einwanderungspolitik in Europa speist sich derzeit weniger aus der Angst vor Terroristen als aus ökonomischen Ängsten. Aber statt darüber zu reden, gibt es die Tendenz, bestimmte Gruppen zu Sündenböcken zu stempeln. Damit lebt sich’s besser, als sich den Problemen einer alternden, schrumpfenden Gesellschaft zu stellen.

Und der Terrorismus?

Da ist es ganz ähnlich: Der Einzelne kann mit dieser Bedrohung ohnehin nicht fertig werden. Er muss den Kampf dagegen dem Staat überlassen und ist dann ganz erleichtert, wenn der Staat Härte demonstriert. Im Übrigen ist längst nicht jeder Terrorist ein Muslim. Der Oklahoma-Bomber war ein radikaler Christ. Dämonisieren wir deshalb die Christenheit? Bei den islamischen Terroristen nehmen wir tendenziell alle Muslime in Mithaftung.

Stattdessen sollten wir den Muslimen das Gefühl geben, bei uns zu Hause zu sein?

Da Deutschland die Muslime hergeholt haben, weil ihre Arbeitskraft benötigt wurde, sollte es ihnen natürlich eine neue Heimat bieten. Und das bedeutet im Wesentlichen zu akzeptieren: „Deutsch sein“ definiert sich nicht mehr über Herkunft und Religion. Als ich voriges Jahr in Berlin war, fand in meinem Hotel eine Hochzeitsparty statt. Die Gäste hatten eine etwas dunkle Hautfarbe. Ihre Herkunft konnte ich nicht ausmachen, aber sie kamen offenbar aus der Stadt. Und sie waren irgendwie etwas seltsam gekleidet – ein bisschen schmuddelig, ein bisschen vulgär, zu grell, als dass es mir gefallen hätte. Als ich das zu der Studentin sagte, die mich abholte, antwortete sie: „Ganz genau! Wir Deutsche würden so was nie anziehen.“ Das ist doch interessant, oder? Diese nette, 1,80 Meter große Blondine ging wie selbstverständlich davon aus, dass die Leute da keine „Deutschen“ sein könnten.

Täuscht der Eindruck, dass Sie als Amerikanerin den Europäern mit ihrer vermeintlich höheren Aufgeklärtheit und Liberalität gern einmal den Spiegel vorhalten?

Wir haben in den USA auch unsere Probleme, aber in manchen Fragen sind wir großzügiger – etwa in der Debatte um Kleidervorschriften. Wir sind an kulturelle Vielfalt gewöhnt. Und ich sage gern: Es ist eine feine Sache, eine großartige Verfassung mit großartigen Grundsätzen zu haben. Bisweilen hilft das dann auch in den ganz alltäglichen Fragen.

Interview: Joachim Frank und Michael Hesse

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