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Pius-Bruderschaft: Keine Zukunft mehr

Über die unheilige Allianz zwischen der Pius-Bruderschaft und dem Neuen Testament.

Die Kontroverse um die päpstliche Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der Pius-Bruderschaft macht deutlich: Das Thema Antijudaismus ist nach wie vor hochaktuell. Denn diese Erzkatholiken halten die Juden für mitschuldig am Gottesmord und rufen zu ihrer Bekehrung auf. Zu Recht stoßen die judenfeindlichen Anschauungen der Pius-Brüder in großen Teilen der Öffentlichkeit auf Empörung und Kritik. Was dabei aber regelmäßig übersehen wird, ist die Tatsache, dass diese gefährlichen Exoten sich durchaus auf das Neue Testament berufen können. Das ist nämlich ebenfalls stark von Antijudaismus geprägt. Demnach gilt: Wenn Christen - mit guten Gründen und in bester Absicht - gegen die Pius-Bruderschaft Stellung beziehen, brechen sie, ob sie es nun wissen oder nicht, zugleich den Stab über das Grunddokument ihres Glaubens.

Christliche Judenfeindschaft findet sich bereits im ältesten Text der jungen Kirche: Der Apostel Paulus spricht im ersten Brief an die Thessalonicher in Anlehnung an antiken Antisemitismus und christliche Vorgänger von den ungläubigen Juden als solchen, die Gott nicht gefallen und allen Menschen Feind sind, und behauptet, die Juden hätten den Herrn Jesus getötet. Diese antijüdische Entgleisung nimmt Paulus später im Römerbrief zurück und schärft die bleibende Erwähltheit Israels ein.

Zu Person und Sache

Gerd Lüdemann ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Zuletzt erschien: Jungfrauengeburt? Die Geschichte von Maria und ihrem Sohn Jesus, zu Klampen Verlag, 2008.

Die erzkonservative Pius-Bruderschaft versucht inzwischen aus dem Fokus der Aufmerksamkeit zu kommen, indem sie dem Holocaust-Leugner Richard Williamson die Leitung seines Priesterseminars in Argentinien entzogen hat.

Williamson sei als Direktor des Seminars in La Reja nahe Buenos Aires abgesetzt worden, meldeten die Nachrichtenagentur Diarios y Noticias und die Zeitung "La Nacion". Mit einer Unterschriftenliste will die Bruderschaft außerdem den Papst unterstützen.

Ein bis zwei Generationen danach machen alle vier Evangelien und die Apostelgeschichte den Römer Pilatus - aus anderen antiken Quellen als skrupelloser und grausamer Beamter bekannt - zu einem wankelmütigen Schwächling, der von sich aus gar nicht gegen Jesus vorgegangen wäre. Auf diese Weise schieben sie den Juden die Schuld für die Hinrichtung des Gottessohnes in die Schuhe. Der Autor des Matthäusevangeliums lässt sie im Rahmen des Prozesses Jesu sogar sagen: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder", nämlich - so hat man zu ergänzen - wenn er unschuldig ist. Für Matthäus, der an der Unschuld Jesu natürlich keinen Zweifel hat, heißt das: Die jüdischen Ankläger haben die blutige Strafe, die sie für den Tod Jesu tragen müssen, selber heraufbeschworen. Dem entspricht, dass der erste Evangelist, ebenso wie Markus und Lukas, in der Verwerfung Jesu den Grund für die Zerstörung Jerusalems durch die Römer sieht.

Die im Rückblick auf das Jahr 70 n. Chr. formulierte "Voraussage" Jesu über die Umzingelung, das Niederbrennen und die Schleifung der heiligen Stadt wird dabei mit dem Gedanken verknüpft, dass das jüdische Volk enterbt und durch die Kirche ersetzt wird. Schließlich, als Gipfelpunkt des Antijudaismus, stilisiert der Verfasser des Johannesevangeliums die Juden als Vertreter der ungläubigen Welt und legt seinem mit ihnen diskutierenden Jesus die Worte in den Mund: "Ihr habt den Teufel zum Vater".

Die Entstehung des Antijudaismus ist direkt mit dem Anspruch verbunden, dass nur in Christus und in keinem anderen Heil sei. Ein Petrus angedichteter Satz gibt die Durchschnittsposition christlicher Gruppen der Frühzeit wieder: "Es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden". Ebenso der Jesus zugeschriebene Spruch: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich". Kirchliche Lehre von Christus schloss den jüdischen Glauben aus und verteufelte seine Träger, falls sie sich der Kirche als dem neuen Israel nicht anschlossen. Demnach ist Antijudaismus Kehrseite des "Christus allein", Judenfeindschaft die linke Hand der Christologie. Christologie im biblischen Sinn kann daher nur noch eine Option für fundamentalistische Christen sein. Und die Pius-Bruderschaft kommt an diesem Punkt dem Neuen Testament beängstigend nahe. Indes steht die ganze frühchristliche Lehre von Christus auf tönernen Füßen. Sie wurzelt im Glauben an die Auferweckung Jesu. Diese hat aber nie stattgefunden; als Tatsachen sind nur Visionen, Erfahrungen der Jünger und Jüngerinnen, zu bezeichnen. Daraus folgt, dass dogmatisches Christentum keine Zukunft mehr hat.

Die Ideale der Menschenwürde, Religionsfreiheit und Toleranz haben zudem keine Grundlage in der Bibel; vielmehr wurden sie gegen kirchlichen Protest erst von der Aufklärung durchgesetzt. Besser als jede christliche "Ethik" ermöglichen diese säkularen Werte einen konstruktiven Dialog zwischen den Angehörigen verschiedener Kulturen und sind in der Lage, Frieden zwischen den Menschen unterschiedlichster Ideologien und Religionen anzubahnen.

Autor:  GERD LÜDEMANN
Datum:  10 | 2 | 2009
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