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18. August 2010

Plädoyer gegen Atomkraft: 24.000 Jahre!

 Von Arno Widmann
In diesen Castor-Behältern wird Atommüll gelagert.  Foto: dpa

Die Endlagerfrage ist gelöst. Deshalb gibt es keinen vernünftigen Grund, mit der Kernenergie weiterzumachen.

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Wir diskutieren aufgeregt und ernsthaft darüber, ob wir Menschen, von denen wir annehmen, sie könnten, erst einmal in die Freiheit entlassen, wieder jemanden umbringen oder Kinder sexuell belästigen oder auch einfach nur fortfahren, ihre Mitmenschen zu bestehlen, sicher verwahren sollten, statt sie einfach herumlaufen zu lassen und zu riskieren, dass etwas passiert.

Gleichzeitig aber reden wir mit der größten Selbstverständlichkeit davon, die Laufzeiten von Atomkraftwerken zu verlängern. Obwohl wir keine Ahnung haben, was zum Beispiel mit dem im Atommüll enthaltenen Plutonium-239 passieren soll. Hier gehen wir größte, die ganze Menschheit gefährdende Risiken offenen Auges ein.

Wir wissen, die Halbwertzeit von Plutonium-239 liegt bei 24.000 Jahren. Wir wissen auch, dass es etwa zehnmal so lange dauert, bis die für Menschen tödliche Strahlung abgeklungen ist. Wir tun so, als habe die Frage der Endlagerung nichts mit der Laufzeitverlängerung zu tun. Wir tun allerdings schon seit Jahrzehnten so, als habe der Atommüll nichts mit der Nutzung der Kernenergie zu tun.

Wir sind eine begabte Spezies. Wir schaffen es vor dem, das uns nicht behagt, Augen und Ohren zu schließen. Wir sind taub und blind, wenn wir uns einbilden, es verschaffte uns einen Vorteil. 24.000 Jahre! Die Höhlen von Altamira sind gerade mal geschätzte 18.000 Jahre alt. Wir würden die Menschen, die die Höhle bemalten, nicht für unseresgleichen halten. Und nun gar vor 24.0000 Jahren! Da gab es noch keinen Homo sapiens. In unseren Breiten stritten damals Homo heidelbergensis und der Neandertaler um die Vorherrschaft.

Aber die Herren von Siemens und RWE interessiert das nicht. Sie wiederholen nur gebetsmühlenartig, ihre Kernkraftwerke seien sicher. Wie soll man ihnen das glauben, wenn sie schon an den alleroffensichtlichsten Risiken ihrer Produktion so wenig interessiert sind? Es gibt niemanden, der sagen kann, wie die Plattentektonik der dünnen Erdkruste sich kommenden Herbst verhalten wird. Auch nicht der Vorstandsvorsitzende von Siemens, der Villacher Gastbauer Peter Löscher. Wagt er eine Wette darauf, wo und wann es – um vom Harmlosesten zu reden – zum nächsten Vulkanausbruch kommen wird? Kein Forschungsinstitut der Welt kann uns sagen, wo auf oder in der Erde in den nächsten 200.000 Jahren garantiert nichts geschehen wird. Niemand weiß, was über diesen Zeitraum passiert mit der Erde, der Menschheit oder gar Herrn Löschers Containern.

Die Endlagerfrage ist gelöst

Die Frage nach einem sicheren Endlager, heißt es, sei noch nicht gelöst. Das ist völlig verkehrt. Sie ist längst in aller Eindeutigkeit gelöst: Es gibt kein sicheres Endlager. Es gibt nur Menschen, die von der ganzen Sache nichts mehr hören wollen und deshalb lieber nicken als gegen den offensichtlichen Unsinn anzuschreien.

Natürlich ist der radioaktive Abfall aus Kernkraftwerken nur ein Bruchteil des Atommülls überhaupt. Achtzig Prozent der radioaktiven Abfälle stammt aus dem Uranabbau. Wie viel Abfall bei den militärischen Anwendungen entsteht, weiß wahrscheinlich niemand. Aber das ist ein guter Grund, auch gegen diese Aktivitäten zu protestieren. Ganz sicher ist es kein Grund, bei der „friedlichen Nutzung“ der Kernenergie einfach weiterzumachen.

Im Augenblick gibt es etwa 14000 Tonnen Atommüll aus deutschen Kernkraftwerken. Mit dem müssen wir – je nach Radioaktivitätsgehalt – Jahrhunderte bis Jahrtausende oder Jahrzehntausende leben. Im Jahre 2022, also bei Einhalten der Auslauffrist, wären es knapp 18.000 Tonnen. Verlängerten wir die Laufzeiten um zehn Jahre, so hätten wir mit 21.000 Tonnen zu rechnen, bei 20 Jahren mit 26.000 und bei dreißig hätten wir unseren Ist-Stand etwa verdoppelt.

Wir führen ganz offensichtlich die Debatte um die Sicherungsverwahrung an der falschen Stelle. Führten wir sie beim Atommüll, gäbe es eine klare Antwort: vermeiden. Um jeden Preis vermeiden. Denn anders als bei unseren menschlichen Straftätern besteht beim Atommüll kein Risiko, dass er lebensgefährlich ist. Er ist es ganz sicher. Er ist es schon jetzt. Bisher hat freilich keiner der Befürworter der Kernenergie oder gar der Verlängerung der Laufzeiten das möglicherweise zutreffende aber doch zynische Argument gebraucht, jetzt sei eh schon genug Atommüll in der Welt, um der Erde, wie wir sie kennen, den Garaus zu machen, da komme es auf noch ein wenig oder auch auf viel mehr nicht mehr an.

Wären wir wirklich an unserer Sicherheit interessiert, wir hörten auf mit der Kernenergie und wir sorgten – aus nichts als nacktem Überlebenstrieb – für Sicherheitsverwahrung für ihre Befürworter. Aber: die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Wer einen umbringt, ist ein Mörder, wer zehn ins Jenseits befördert, ein Held, wer es mit Hunderten oder Tausenden tut, ein Staatsmann.

Nun ist, was ein vernünftiger Artikel werden sollte, oder doch wenigstens ein Appell an die Vernunft, am Ende ein unkontrollierter Wutanfall geworden, ein Ausbruch aus den schönen Ritualen des Dialogs, die wir für ein ziviles Leben brauchen, die aber auch dafür sorgen, dass die, die das Sagen haben, es weiter haben werden und vor allem weiter tun werden, was sie für richtig halten. Manchmal kann man sich nicht beherrschen, man muss es sagen und dann schämt man sich, dass man so aus der Haut fuhr. Aber man konnte nicht anders und man ist ein klein wenig froh darüber. Denn man nimmt es als Lebenszeichen.

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