kalaydo.de Anzeigen

Polaroids von Julian Schabel in Düsseldorf: Das Eigenleben der Erinnerung

Julian Schnabel zeigt im NRW-Forum Düsseldorf seine Polaroid aufnahmen: Keine Schnappschüsse à la Andy Warhol, sondern zarte Momente aufgezeichnet von einem sperrigen Riesenaparat. Von Natalie Soondrum

Aufzeichnungen meines Lebens nennt  Julian Schnabel seine Polaroid-Aufnahmen: Die Fotos zeigt ihn mit Hund in seinem Atelier in Montauk.
"Aufzeichnungen meines Lebens" nennt Julian Schnabel seine Polaroid-Aufnahmen: Die Fotos zeigt ihn mit Hund in seinem Atelier in Montauk.
Foto: J. Schnabel/NRW-Forum

"Habe ich mich verspätet?" fragt der untersetzte Mann mit den zurückgekämmten Locken und der coolen Sonnenbrille fröhlich. Die Antwort ist ein Blitzlichtgewitter der umstehenden Fotografen, dem er keine weitere Beachtung schenkt. "Haben Sie sich schon die Bilder angesehen? Gibt es irgendwelche Fragen?" Ja, gibt es. Im ersten Stock des NRW-Forums in Düsseldorf hängen sechzehn Porträts, Schwarzweißfotos. Die Kleidung der Abgebildeten ist altmodisch und zerlumpt, weist sie als Menschen des 19. Jahrhunderts aus. Dagegen ist das Format der Fotos groß und modern. Julian Schnabel hat die Aufnahmen geistig Verwirrter Menschen - er nennt sie Crazy People - gefunden und in seinem Atelier abfotografiert. Was hat ihn dazu bewegt?

Ohne Umschweife erzählt Schnabel, dass der Fotograf die "Verrückten" porträtierte, weil sie die einzigen Menschen gewesen seien, die für die Dauer der damals langen Belichtungszeit still gehalten hätten. "Die Bilder waren so klein", er zeigt mit seinen Daumen und Zeigefingern ein Quadrat von etwa fünf mal fünf Zentimetern. Es ist auffällig, wie zierlich seine Hände gemessen an seiner massigen Statur wirken. "Ich wollte sie aus der Vergangenheit in die Jetztzeit holen, deshalb habe ich sie fotografiert. Jetzt sieht es so aus, als seien es die Crazy People, die uns ansehen."

Die Ausstellung

NRW-Forum Düsseldorf, bis 4. Juli. www.nrw-forum.de

Er hat recht, sie sehen uns an. Sie, die der Forscherblick gepaart mit technischer Experimentierfreudigkeit zu Objekten degradierte, hat Julian Schnabel mithilfe seiner der Kamera in Subjekte mit Strahlkraft und Würde transformiert. Der Aufwand, den der 58-jährige New Yorker betreibt, ist erheblich. Die Kamera, die er verwendet, ist eine mehr als 100 Kilo schwere 20 x 24 Zoll Polaroidkamera. Der Apparat, der wie eine Lochbildkamera funktioniert, lässt innerhalb von Minuten 51 x 61 Zentimeter große Fotografien entstehen auf Papier, das von riesigen Rollen kommt. Edwin Land, Mitbegründer der Firma Polaroid, baute in den 1970er Jahren sechs solcher Apparate.

Julian Schnabel fiel der überdimensionierte Kasten 2002 in die Hände, als er ein Gemälde für eine Auktion ablichten sollte. Seitdem arbeitet er kontinuierlich damit, fotografiert sein Studio, Freunde, Familie, sich selbst - an allen möglichen Orten. Drei Assistenten sind ihm dabei behilflich, die Kamera zu verrücken und einzurichten. "Ich habe diese Fotos noch nie hängen sehen. Das hier ist meine erste Fotografie-Ausstellung", sagt Schnabel ohne jedes Pathos. Er selbst sieht sich in erster Linie als Maler. In den 80er Jaren machte er mit seinen Plate-Paintings, für die er zerbrochene Teller auf seine Leinwände aufbrachte, Furore. Seitdem hat er aber auch viel Anerkennung als Filmemacher bekommen: Für "Basquiat" (1996), "Before Night Falls" (2000) und für "Schmetterling und Taucherglocke" (2007), für den er mit dem Regiepreis in Cannes ausgezeichnet wurde.

Schnabel trägt seinen obligatorischen dunkelblauen Schlafanzug mit weißen Knöpfen. Die weißen Paspel am Revers sind rosa verfärbt. Das Oberteil spannt ein wenig über dem Bauch und den Hüften. Die Füße, die ebenso zart wirken wie seine Hände, stecken in den blauen Vans-Turnschuhen. Sie weisen Schnabel als passionierten Surfer aus.

Das verwaschene Foto ist gelungen

Vor einer verwaschenen Aufnahme von drei Männern bleibt er stehen. "Das sind die Beastie Boys", sagt Schnabel. Obwohl es restlos überbelichtet ist, findet er das Foto gelungen. Der direkte Ausdruck des Moments, in dem die Beastie Boys vor dem Objektiv seiner Riesenkamera posierten. Es gibt die Lichtverhältnisse und auch die des Materials in diesem Augenblick exakt wieder: An den Rändern sind Spuren sichtbar, die der Apparat selbst während der Belichtung auf dem Material hinterlassen hat. Am oberen Rand sind das gestrichelte Markierungen, wie Teppichfransen, dann sind da die Streifen an den übrigen Rändern, die jedes Foto aussehen lassen wie die aufgeschlagene Seite in einem Buch. "Für mich sind diese Fotografien wie Malerei", sagt Schnabel. Recordings, nennt er sie, Aufzeichnungen seines Lebens.

Mit Geschichte seines Lebens meint Schnabel vor allem die Geschichte der Dinge um ihn herum. Die Geschichte seiner Ateliers in der Mittagshitze, die Geschichte der Bilder an der Wand: Eine Aufnahme aus seinem Palazzo Chupi in Manhattan zeigt einen Salon mit enormer Deckenhöhe und großformatigen Gemälden an den Wänden. Schnabel deutet auf den riesigen Teppich am Boden. "Der ist aus dem Palace Hotel in Madrid. Ich kam eines Tages hin, und er war weg." Als er nachfragte, erfuhr er, dass man das Stück in den Keller verfrachtet hatte. Er nahm es mit nach New York.

Wieder eine andere Fotografie zeigt einen großen dunklen Saal, nur ein schmaler Lichtstreifen fällt durch das Oberlicht in der Decke. An den Wänden lehnen wieder Gemälde Schnabels - unter anderem eine der dreizehn Versionen von "Large Girl with no Eyes", einer Jugendlichen in einem Kleid mit Bubikragen und Puffärmeln, der ein Balken quer über die Augen läuft. Winzig klein wirken die beiden menschlichen Figuren daneben. "Das ist mein Vater, Jack Schnabel." Er sagt nicht: mein Vater und ich. "Ich" ist nicht wichtig, oder vielmehr nicht weiter der Erwähnung wert, denn es geht ohnehin um sein Leben.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Natalie Soondrum
Datum:  1 | 6 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.