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14. Januar 2016

Polen: Die neue nationale Kultur

 Von Jan Opielka
Auf dem Weg in die Versenkung? In Wroclaw, das in diesem Jahr europäische Kulturhauptstadt ist, geht es noch um die Vielfalt. Das Denkmal ist von Jerzy Kalina.  Foto: Imago

Geben und nehmen: Der Plan der polnischen Regierung, künftig eine „andere“ Kultur zu fördern, zeigt immer deutlichere Konturen. Insbesondere bei der staatlichen Kulturförderung gelten bald andere Kriterien.

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Symbolisch für Polens neue Kulturpolitik steht der Disput um „Ida“. Der 2015 Oscar-gekrönte Spielfilm von Regisseur Pawel Pawlikowski wird von vielen polnischen und ausländischen Kritikern nicht erst seit der US-Auszeichnung als Meisterwerk gewertet. Doch der in Warschau regierenden, nationalkonservativen Recht und Gerechtigkeit (PiS) sind Filme wie „Ida“, in dem die Rolle von Teilen der polnischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg mitunter kritisch gezeigt wird, ein Dorn im Auge.

„‚Ida‘ hat mir nicht besonders gefallen. Der Film hat nicht sonderlich für Polen geworben, sondern ein eher negatives Bild gezeichnet“, sagt Polens Regierungschefin Beata Szydlo. Doch bei der Kritik soll es nicht bleiben: Ihre Regierung werde künftig „konsequent dafür sorgen, dass mit öffentlichen Geldern keine Kulturereignisse umgesetzt werden, die die allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Werte und Normen verletzen“.

Erste Schritte dieser neuen Konsequenz sind bereits zu sehen. Das staatliche Polnische Institut für Filmkunst (PISF) gilt unter polnischen Filmkritikern als maßgeblich für den Aufschwung des polnischen Films. Heimische Produktionen, die ähnlich wie „Ida“ vom PISF gefördert wurden, konnten zuletzt internationale Preise einheimsen und erobern im Land höhere Marktanteile. Im Dezember nun wurden entscheidende Positionen der PISF teilweise neu besetzt. Zu den Expertenräten, die Projekte begutachten, zählen fortan auch Personen, die der PiS nahestehen.

PISF untersteht dabei direkt dem Ministerium für Kultur und nationales Erbe, an dessen Spitze Piotr Glinski steht. Der Soziologe ist im Kabinett Szydlo zugleich Vize-Premierminister, was seinem eigentlich weichen Ressort eine exponierte Position sichert.

Und das ist auch so gewollt. Denn die neue Kulturpolitik soll die nationale Wende flankieren, die die Regierung in vielen politischen Bereichen bis hin zur Kontrollübernahme der öffentlich-rechtlichen Medien vollzieht. Im In- und Ausland machte Glinski bereits von sich reden, als er im November 2015 die angeblich pornografischen Inhalte in der Inszenierung des Jelinek-Stücks „Der Tod und das Mädchen“ am staatlichen Polnischen Theater in Breslau verhindern wollte (FR v. 25.11.2015). Das Stück ist gelaufen, die Sexszenen waren mau und beide Seiten – Glinski wie auch seine Kritiker – verbuchten den Ausgang als Erfolg.

Stärkung der "Geschichtspolitik"

Doch die künftigen Auseinandersetzungen in der polnischen Kulturszene dürften sich nicht in medialen Streitigkeiten erschöpfen. Denn es steht ein Wandel bei der gesamten Kulturförderung an. Auch müssen sich freischaffende Künstler, unabhängige Institutionen und Stiftungen, die im Bereich Kultur wirken, darauf einstellen, dass bei der finanziellen Förderung durch den Staat andere Kriterien als bislang gelten werden. „Es gibt keinen Grund, dass Gruppen, die zum Abbau polnischer Kultur, Tradition und Identität beitragen, so wie bisher favorisiert werden“, sagt Glinski.

Was dies genau bedeutet, hat der Minister in dieser Woche in einer Stellungnahme vor einer Parlamentskommission umrissen. Zu den Prioritäten des Ressorts zählt künftig der Bau des Museums der Geschichte Polens, die Stärkung der „Geschichtspolitik“ und die Förderung „von ein bis zwei Film-Großproduktionen, die das Wissen um die polnische Geschichte befördern sollen“. Auch ein kräftiger Lohnanstieg für Mitarbeiter in Kulturinstitutionen sowie eine steuerliche Besserstellung freischaffender Kulturschaffender ist geplant. Mehr Geld soll es für das Programm „Patriotismus der Zukunft“, die Buchförderung und den Denkmalschutz sowie die Feiern für das Jubiläumsjahr zum 100. Jahrestag der Erlangung der Unabhängigkeit Polens 1918 geben.

Doch wo gegeben wird, wird auch genommen. Die renommierte Internet-Zeitschrift „Kultura Liberalna“ erhält wie viele Nischenpublikationen bisher eine finanzielle Förderung des Kulturministeriums. „Wir fürchten aber, dass diese nun gestrichen wird – auch wenn es für uns nicht existenzbedrohend ist“, sagt Piotr Kiezun. Der Publizist zeichnet bei dem Medium für den Bereich Literatur verantwortlich. Vor allem der zeitgenössischen Kunst sowie entsprechenden Institutionen, sagt er, dürfte es im Zuge der neuen Kulturpolitik aber an den Kragen gehen. „Denn diese wird von der Regierung als Domäne des linksliberalen Denkens erachtet, die für sie allzu offen, westlich und zu provokativ ist.“ Laut Kiezun besteht auch die Gefahr, dass es zu einer „inneren Zensur“ innerhalb der Kulturinstitutionen kommen könnte. „Sie werden sich künftig weniger trauen, bestimmte Künstler zu fördern.“

Beobachter fürchten Ähnliches auch für die Theater. Nicht alle unterliegen dabei direkt dem Kulturministerium, einige sind auch unter der Obhut von regionalen Bezirksregierungen. Darunter ist auch das Schlesische Theater im südpolnischen Kattowitz. Vor einigen Jahren inszenierte das Theater das regional kontrovers diskutierte Stück „Liebe in Königshütte“. Darin ging es um das Internierungslager von Swietochlowice, in dem polnische Behörden nach dem Zweiten Weltkrieg Volksdeutsche aus der Region zu Tode quälten.

Der polnische Dramatiker und Regisseur Ingmar Villqist hat es geschrieben und inszeniert – doch wie wird es künftig um so kontroverse Stücke stehen? „Ich bin zwar kein Hellseher“, sagt Villqist im Gespräch, „aber die Theaterszene ist sehr solidarisch und durchaus in der Lage, politischen Druck abzuwehren.“

Diese Abwehr können jedoch nicht alle leisten. Katarzyna Janowska, bisherige Chefin des öffentlich-rechtlichen TV-Kultursenders TVP Kultura, der mit einem Jahresbudget von umgerechnet fünf Millionen Euro bislang ein beachtliches Kulturprogramm bot, hat zum Jahresende ihren Job geschmissen – sie kam damit ihrer Entlassung zuvor.

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Im März indes kommt der Spielfilm „Smolensk“ in polnische Kinos. Das mit Spannung erwartete Werk thematisiert den Flugzeugabsturz von 2010, bei dem der polnische Präsident Lech Kaczynski, Bruder des PiS-Parteichefs Jaroslaw Kaczynski, sowie mehr als 90 weitere, meist hochrangige Personen des öffentlichen Lebens starben. Der Film soll die Theorie erhärten, bei dem Absturz handelte es sich womöglich nicht um ein Unglück, sondern um eine Verschwörung. Den Antrag der Macher auf Förderung durch die PISF lehnte das Institut 2014 noch ab.

Künftig dürften Produktionen wie „Smolensk“ mit mehr Wohlwollen rechnen als Werke wie „Ida“. Dessen Regisseur Pawel Pawlikowski fürchtet nun einen „kindlichen Narzissmus“ der Regierenden. „Patriotisch heißt für sie: Nur Gutes über uns“, sagte er kürzlich dem Magazin „Newsweek Polska“. „Wer stark ist, Klasse hat und ohne Komplexe ist, hat keine Angst vor Kritik und Selbstironie.“

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