Wie ein guter Rotwein gewinnt manch ein Porsche mit den Jahren erheblich an Sammelwert, von der Abwrackprämie dürfte die Stuttgarter Nobelmarke also kaum profitieren. Die Rede ist natürlich nicht von den bulligen Geländewagen, sondern von den schnellen, verflixt schönen Sportwagen, mit denen sich schon Herbert von Karajan, der junge Juan Carlos und Architekten wie Egon Eiermann als elegante Abenteurer inszenierten. Was der kleine Mann nur aus dem Autoquartett kannte, avancierte mit sattem Motorengeräusch und beeindruckender Beschleunigung zum beliebten Spielzeug von Rennamateuren und Snobs - womit Ferry Porsche, als er 1948 seinen 365 Roadster präsentierte, kaum rechnen konnte. Porsches werden gehegt und gepflegt, entrostet und poliert und sonntags gern ausgefahren, wenn sich irgendwo in hübscher Landschaft die Porsche-Gemeinde trifft.
Ferdinand Porsche senior steht als begeisterter Ingenieur am Anfang der Firmengeschichte, die, weil Porsches verschwägert mit den Piëchs sind, auch eine weit verzweigte Familiengeschichte ist. Ihn begeisterte vor allem die Technik, was in den dreißiger Jahren dem KdF-Wagen und allerlei Kriegsfahrzeugen zugute kam. Erst später adelte die Form den Namen zum Begriff, denn was wir heute als Inkunabeln der Sportwagenkontur im Bildgedächtnis haben, entwarfen Ferdinands Sohn Ferry und der Enkel Butzi. Ferry erfand den 326 Roadster, Butzi den 911er - Klassiker des Sportwagendesigns.
Deutsche Automobilhersteller wie Mercedes-Benz, BMW oder VW haben in den letzten Jahren enorm in die architektonische Inszenierung ihrer Marken investiert. Neben gleißenden Showrooms und gläsernen Produktionsstätten haben sich die Konzerne von namhaften Architekten Museen errichten lassen.
Ben van Berkel konzipierte das Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum, Coop Himmelb(l)au baute in München für BMW. Delugan Meissl entwarfen für Porsche ein neues Museum. Das Wiener Büro machte sich mit einem Wohnhochhaus in der Wiener Donau-City einen Namen. Das Gebäude in Zuffenhausen wird am Samstag der Öffentlichkeit übergeben. www.porsche.com
Mercedes und BMW preschten nun mit Firmenmuseen und Erlebniswelten voran, um sich in der Mediengesellschaft einen guten Platz zu sichern und Käufer zu binden. Mit 710 000 Besuchern im vergangenen Jahr könnte das Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum im Quotenrennen bald zum Berliner Pergamonmuseum aufschließen, das mit knapp einer Million Besuchern bislang die Rangliste anführt. Dabei erreichen die Automuseen keine Laufkundschaft.
Ob in Stuttgart-Untertürkheim oder an Münchens Mittlerem Ring - überall umgibt die Automuseen ein Stallgeruch, steht man am Werkstor und mitten im Verkehrsgetöse. Auch in Zuffenhausen überragt das neue Haus ein Industriegebiet, das wahrlich keiner angepassten Architektur bedurfte.
Die Wiener Architekten Delugan Meissl entwarfen deswegen einen expressiven Baukörper, der - schneeweiß und auf wenigen Stützen über den Grund gehoben - zwischen Bahngleisen und Autotrassen eindrucksvoll Raum greift und sich den attraktivsten Ort selber schafft. Zwar wird jedem Haus, das auf Stützen steht, gern angedichtet, dass es schwebe oder doch wenigstens zu schweben scheine. Aber das Porsche Museum zeigt ein für alle Male, das gebaute Materie unglaublich viel schwerer ist als Luft. Wenn hier die Ausstellungsebenen mit Krag- und Spannweiten von fünfzig bis siebzig Metern auf drei Doppelstützen gelegt sind, dann werden Material und Konstruktion an ihre Grenzen getrieben, die Rechner der Tragwerksplaner laufen heiß, den Monteuren und Bauleitern tritt der Schweiß auf die Stirn - und warum das alles? Ob die Wirkung der architektonischen Geste den konstruktiven Aufwand rechtfertigt, sei dahingestellt.
Hatten Delugan Meissl zunächst eine weiße Kautschukhaut vorgeschlagen, umhüllen das Ausstellungshaus jetzt rautenförmige, spiegelglatte Bleche. Das Eingangsplateau ist leicht abgesenkt und zieht die Besucher ins Museum wie in einen Schlund. Hinter recht banalen Eingangstüren fällt der Blick in eine Art Schau-Werkstatt, wo die Porsche-Mechaniker den Blicken der Besucher ausgesetzt sind wie Fische im Aquarium. Links die Garderoben und etwas Gastronomie, rechts ein Shop mit Porsche-Devotionalien - das Museumsübliche. Dann aber transportieren lange Rolltreppen die Besucher hinauf in einen beeindruckenden, großen, gleißend hellen Raum mit Rampen und Stufen, Galerien und Podesten. Porsche zeigt hier mit rund achtzig Autos die Markenentwicklung und nichts, aber auch gar nichts anderes. Wird im Mercedes Museum noch angedeutet, dass Autogeschichte in einem kulturellen und zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu begreifen ist, blendet Porsche all das aus und spart sich so auch Hinweise auf seine unrühmliche, inakzeptable Rolle im Dritten Reich - ins Archiv darf man nur nach Anmeldung. So kommt es hier in Zuffenhausen einzig und allein auf das Zusammenspiel von Raum und Auto an, das rigoros reglementiert ist: Weißer Boden, weiße Wände, weiße Decken und ein schwarzer Hintergrund für die Exponate fügen sich zu einer Kulisse, die sowohl den tannengrünen, hagebuttenroten, rabenschwarzen und cremeweißen Sportwagen als auch den kriegsbemalten Rennwagen zu einem coolen Auftritt verhilft. Mit seiner Ausstellungsinszenierung übte sich HG Merz, der dafür schon im Mercedes-Benz Museum verantwortlich war, in berückendem Understatement. Leider darf man viele Details der Museumsarchitektur nicht so genau anschauen: alltagsuntaugliche, unschöne Flächen außen, gewöhnliche Rigips-Decken mit grobschlächtigen Lampen innen - da hätte man sich eine konsequentere Planung und mehr Zeit beim Bauen gewünscht.
Im angepriesenen Sterne-Restaurant traut man aber seinen Augen nicht: Diese Mischung aus Zirbelstube und Steakhouse passt ins Obergeschoss des Porsche-Museums wie die Faust aufs Auge. Man sagt, dieses Malheur sei auf Wendelin Wiedekinds ästhetisches Empfinden zurückzuführen. Wenn das stimmt, können Porschefans nur beten, er möge die Finger vom Autodesign lassen.
Die Rolle des Autos, das Mobilität für alle verhieß und für viele einlöste, zugleich Städte und Landschaften verwüstete und die Luft verpestet, ändert sich - die Zeit der Benzinfresser und Dreckschleudern geht zu Ende. Dass die Autohersteller sich seit einiger Zeit selbst musealisieren, lässt aufmerken: Der Blick wird zurückgeworfen, die Selbstvergewisserung als Problem erkannt, die Marke zum Kult stilisiert.
Szenarien, wie Mobilität auch ohne Auto funktionieren könnte, werden nicht mehr als Utopien gehandelt. Womit wir beim wieder beim Abwracken sind - ins Museum kommen nur die schönsten Karosserien, der Rest ist Schrott.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen