Um die Bedeutung Isabelle Hupperts für die europäische Filmkunst zu ermessen, braucht man sich nur die vergangenen dreißig Kinojahre ohne ihre Rollen vorzustellen. Sie arbeitete acht Mal mit Claude Chabrol zusammen und definierte mit ihm den diskreten Charme der Bourgeoisie neu, sie spielte Emma Bovary und die Kameliendame, ging für Werner Schroeter in "Malina" durchs Feuer und verstümmelte sich als Michael Hanekes "Klavierlehrerin" selbst.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, und beinah jeder Film wäre ein guter Grund, Isabelle Huppert wie derzeit dem Filmfestival von Cannes als Jury-Präsidentin vorstehen zu lassen. Gleich bei ihrem zweiten Auftritt an der Croisette gewann sie 1978 den Darstellerpreis als Vatermörderin in Chabrols "Violette Nozière" und verblüffte das Publikum mit ihrer Kunst, zugleich zerbrechlich und undurchdringlich zu erscheinen. Ihre helle Haut und zierliche Gestalt bestimmt sie eigentlich zur Femme fragile, doch dann verbirgt sie ihre Augen plötzlich hinter Wolkenschleiern und wird so ausdruckslos wie ein Raubtier auf der Lauer. Gern mimt sie die Verfügbare, um sich anschließend an ihren Herren zu rächen; ebenso souverän wechselt sie die Seiten und enthüllt eine erstaunliche Lust an großbürgerlicher Rücksichtslosigkeit.
In ihrem letzten gemeinsamen Film "Geheime Staatsaffären" gab Claude Chabrol seiner Hauptdarstellerin den sprechenden Namen Charmant-Killman. Sie spielt eine Untersuchungsrichterin, die mit einer Mischung aus ehrlicher Empörung und amüsierter Herablassung aufgeblasenen Staatsmanagern die Hölle heiß macht und sich am Ende an der eigenen Macht zu berauschen droht. Der halbe Film dreht sich um ein psychologisches Kräftemessen, wobei Huppert einen gleichermaßen nüchternen Blick auf Männer wie Frauen wirft. Gerade diese Unerschrockenheit macht ihre gebrochenen Heldinnen so glaubwürdig: Von Madame Bovary bis Charmant-Killman suchen ihre Figuren einen Platz in der männlichen Gesellschaft.
Ihren eigenen Platz im Filmgeschäft hat die 56-Jährige längst gefunden. Sie fühle sich "am Rand und zugleich im Zentrum" und will das nicht als Klage verstanden wissen. Der Sprung nach Hollywood blieb ihr durch das berühmte Desaster von Michael Ciminos "Heaven's Gate" verwehrt, wobei man sich schwer vorstellen kann, wie sich die mittlerweile ziemlich schwerfällig gewordene Traumfabrik mit ihrem rastlosen Arbeitstempo vereinen ließe. Huppert steht so regelmäßig vor der Kamera oder auf der Theaterbühne, dass man beinah von einer Weltflucht in ständig wechselnde Rollen sprechen kann. Ruhe findet die amtierende Jury-Präsidentin von Cannes vielleicht nur hinter den Schleiern ihres Blicks.
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