Hamburg. Er hadert häufig mit dem Kulturbetrieb, lebt wegen des "feinen britischen Humors" seit vielen Jahren in London und gilt als "Psychopath" des deutschen Films. "Gucken Sie sich meine Visage an", sagte Christoph Waltz unlängst in einem Interview. "Würden Sie mich für einen Otto-Normal-Verbraucher besetzen?". So brillierte er als Amokläufer von Euskirchen ("Tag der Abrechnung"), mimte den eiskalten Entführer des Industriellensohns Richard Oetker ("Tanz mit dem Teufel") und wurde für seine Darstellung des alkoholkranken Schlagerstars Roy Black ("Du bist nicht allein") mit diversen Fernsehpreisen geehrt.
Oft sind es kranke, kriminelle oder anderweitig gebrochene Charaktere, denen der 1956 in Wien geborene Spross einer Künstlerfamilie Gestalt verleiht. "Das ist auch das Reizvolle in unserem Beruf", sagt Waltz. "Man kann das Verkorkste, das Versteckte, was in jedem von uns begraben ist, je nach Bedürfnis und Rolle herauskitzeln." Seit Mitte der 1970er Jahre steht der Sohn eines Kostümbildners auf der Bühne, arbeitete in Wien, Hamburg oder Zürich mit Regisseuren wie August Everding, Jürgen Flimm und Thomas Langhoff zusammen. Seine Film- und Fernsehkarriere begann Anfang der 80er Jahre.
Doch auch nach drei von Erfolg geprägten Jahrzehnten auf der Bühne und im Film scheinen Phasen von Überdruss und Selbstzweifel nicht ausgeschlossen. "Am Anfang ist es toll, aber dann kommt die Zeit dazwischen", erklärte der vierfache Vater nach seiner Auszeichnung als bester Darsteller beim Festival in Cannes. Sein Dank an Regisseur Quentin Tarantino war umso überschwänglicher: "Der Film "Inglourious Basterds" ist für mich ein Ereignis, fast ein Naturereignis." Der 52-Jährige spielt darin einen charismatischen SS-Offizier. Dank Tarantino könne nun ein neuer, spannender Abschnitt in seinem Schauspieler-Dasein beginnen.
Waltz' Ehe mit einer amerikanischen Psychotherapeutin, die er bei seiner Ausbildung am legendären Institut von Lee Strasberg in New York kennengelernt hatte, ist mittlerweile geschieden. Seine neue Lebensgefährtin, eine Kostümbildnerin, lebt in Berlin. Eine Rückkehr nach Deutschland steht vorerst dennoch nicht zur Debatte: "Es schmerzt über die Maßen, wie hier Möglichkeiten vergeigt werden", kritisiert er den aus seiner Sicht von "Durchschnitt" geprägten Kulturbetrieb und fordert eine bessere Unterstützung hiesiger Talente. "Es gibt nur noch Preise und PR, und die Sache, auf die wir uns konzentrieren sollten, die bleibt auf der Strecke." (dpa)
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